Modell des Weimarer Theaterplatzes am 21. August 1919 nach der Vereidigung des Reichspräsidenten Friedrich Ebert in der Ausstellung „Demokratie aus Weimar. Die Nationalversammlung 1919“ im Weimarer Stadtmuseum.

27.4.2018 | Von:
Andreas Rödder

Gustav Stresemann und die Perspektive der Anderen

Artikel 231 und der Wille zur Revision

Die Pariser Friedenskonferenz von 1919/20 war mit einer so großen Fülle von Problemen und unterschiedlichen Vorstellungen konfrontiert, dass ihr Ergebnis nur ein Kompromiss sein konnte. Allerdings begründete der Friede keine für alle Seiten akzeptable und somit tragfähige Ordnung, wie es mit dem Westfälischen Frieden von 1648 oder dem Wiener Kongress 1815 geglückt war.

Das Deutsche Reich wurde territorial, militärisch und ökonomisch erheblich geschwächt. Es verlor knapp ein Siebtel seines Gebietes an Frankreich, Belgien, Dänemark, Polen und Litauen, die Kohlengruben an der Saar wurden Frankreich unterstellt, das Deutsche Reich musste seine Kolonien abgeben, und es wurde militärisch bestenfalls auf den Status einer Mittelmacht gestutzt, indem sein Heer auf 100.000 Mann reduziert – 1918 hatten 4,5 Millionen deutsche Soldaten unter Waffen gestanden –, die Flotte kassiert und eine Luftwaffe verboten wurde. Das Rheinland und die rechtsrheinischen Brückenköpfe wurden auf bis zu 15 Jahre besetzt, und Deutschland wurde verpflichtet, Reparationen für die entstandenen Kriegsschäden zu zahlen. Eine Gesamtsumme wurde in Versailles noch nicht festgesetzt, aber in den mittleren 1920er Jahren bewegten sich die Reparationsverpflichtungen in einer Größenordnung zwischen 10 und 15 Prozent des Reichshaushalts (dieser Anteil entspräche 2018 zwischen 33 und 50 Milliarden Euro) – jährlich, mit unabsehbarem Ende.[5]

Zugleich blieben jedoch nicht nur das Deutsche Reich an sich, sondern auch seine ökonomischen, technologischen und geopolitischen Machtpotenziale grundsätzlich erhalten. Zudem war der "eiserne Ring" um Deutschland, den die wilhelminische Reichsleitung so sehr gefürchtet hatte und den sie in der Julikrise 1914 hatte sprengen wollen, durch die Revolution in Russland tatsächlich zerbrochen. Frankreich war durch den Krieg geschwächt, die USA zogen sich aus Europa zurück, und in Ostmittel- und Südosteuropa tat sich ein Raum neuer deutscher Einflussmöglichkeiten auf. Alles in allem hatte Deutschland "aktuell seine Großmachtposition verloren, sie potentiell aber behalten" – und mehr noch: Nie zuvor hatte, jedenfalls lässt sich dies aus der Rückschau in der Vogelperspektive erkennen, "eine größere Chance bestanden (…), ein von der deutschen Großmacht geführtes ‚Mitteleuropa‘ zu schaffen".[6]

Die Lage war für Deutschland besser, als die Zeitgenossinnen und Zeitgenossen sie sahen. Doch in großer Breite konnten und wollten sich die Deutschen mit der Niederlage nicht abfinden; der einzige grundsätzliche Konsens innerhalb der Weimarer Republik lag im Willen zur Revision des demütigenden "Diktatfriedens" und seines "Schmachparagrafen", des Artikels 231, der Deutschland die Schuld am Kriege auferlegte.

Die Frage war nur, wie dies geschehen solle. Und da begann schon wieder der Dissens: Sollte Deutschland die Bedingungen erfüllen und auf dieser Grundlage schrittweise eine friedliche Revision anstreben, oder sollte es auf eine Politik der Konfrontation setzen? Dahinter stand ein strukturelles Problem: Die Pariser Friedensordnung hatte den europäischen Kontinent, wie es der britische Staatssekretär Robert Vansittart formulierte, in "haves" und "have-nots" geteilt,[7] in Status-quo- und Revisionsmächte. Und die grundlegende Frage war, was Deutschland betraf, ob die Revision der Friedensbedingungen von Versailles und ein Wiederaufstieg Deutschlands zu einer gleichberechtigten europäischen Großmacht möglich sein würden, ohne die Ordnung von Paris zu zerstören. Das zentrale Problem lag darin, dass die Schwächung Deutschlands durch den Versailler Vertrag für Frankreich die Garantie der eigenen Sicherheit darstellte, für Deutschland hingegen das Objekt der Revision.

Aus ebendiesem Grunde wurde sogar Frankreich selbst bald nach 1919 zu einer Revisionsmacht, freilich in ganz anderer Richtung als Deutschland. Auf französischer Seite war die Niederlage von 1870/71 gegen Preußen-Deutschland ein Trauma. Denn der Nachbar im Osten, den man bis dahin eher für rückständig und in jeder Hinsicht unterlegen gehalten hatte, erwies sich plötzlich als militärisch überlegen. Und dann stieg Deutschland im späten 19. Jahrhundert auch noch zum ökonomischen und technologischen powerhouse in Europa auf, dessen Bevölkerung – welch ein Unterschied zum 21. Jahrhundert – rapide wuchs, während die französische beinahe stagnierte.

Sicherheit vor Deutschland wurde daher zur obersten Maxime Frankreichs, vor allem nach dem Ersten Weltkrieg, den Frankreich ohne seine Alliierten ebenfalls verloren hätte. Daher zielten die französischen Nachkriegsplanungen auf eine substanzielle Schwächung Deutschlands, vor allem seiner Schwerindustrie. Bald nach der Unterzeichnung des Vertrags von Versailles musste Frankreich allerdings erkennen, dass diese Sicherheit nicht hinreichend gewährleistet war, zumal der Senat der USA die Ratifizierung des Vertrags verweigerte. Frankreich war, so die bedrohliche Perspektive, wieder allein mit einem Deutschland, dessen Krallen eben nicht ein für alle Mal beschnitten waren, wie es der Journalist und Historiker Jacques Bainville gefordert hatte.[8]

Fußnoten

5.
Vgl. Statistisches Reichsamt (Hrsg.), Statistisches Jahrbuch für das Deutsche Reich 45 (1926), S. 411 und 50 (1931), S. 448.
6.
Andreas Hillgruber, "Revisionismus" – Kontinuität und Wandel in der Außenpolitik der Weimarer Republik, in: Historische Zeitschrift 237/1983, S. 597–621, hier S. 600.
7.
Robert Vansittart, An Aspect in International Relations in 1930, 1.5.1930, Documents on British Foreign Politics, Series IA, Bd. 7, S. 834–852, hier S. 850, S. 835.
8.
Vgl. Jacques Bainville, Geschichten zweier Völker, Bremen 1985, S. 54f.
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