Modell des Weimarer Theaterplatzes am 21. August 1919 nach der Vereidigung des Reichspräsidenten Friedrich Ebert in der Ausstellung „Demokratie aus Weimar. Die Nationalversammlung 1919“ im Weimarer Stadtmuseum.

27.4.2018 | Von:
Andreas Rödder

Gustav Stresemann und die Perspektive der Anderen

Zwischen Revisionismus und Verständigung

Stresemanns Revisionsagenda umfasste eine Lösung der Reparationsfrage, die Überwindung der einseitigen deutschen Abrüstung sowie die Interessenvertretung für zehn bis zwölf Millionen Deutsche, die nach 1919 außerhalb des Deutschen Reichs lebten. Hinzu kam, anders als im Falle Elsass-Lothringens, das Ziel einer friedlichen Revision ("nur eine solche kommt für uns in Betracht") der Ostgrenzen. Dabei ging es Stresemann nicht darum, den Status quo von 1914 wiederherzustellen, sondern die deutschsprachigen Gebiete in Pommern, also den sogenannten Korridor, in Posen und Oberschlesien wiederzugewinnen. Die überwiegend polnischsprachigen Teile, die 1919 abgetreten worden waren, vor allem in der Provinz Posen, insgesamt wohl etwas weniger als die Hälfte der nach dem Krieg abgetretenen Gebiete, sollten bei Polen verbleiben. Als Fernziele kamen schließlich der Anschluss Österreichs und der Rückgewinn der Kolonien hinzu.[11]

Diese Zielstellung war für Weimarer Verhältnisse nichts Besonderes.[12] Die Besonderheit Stresemanns machte etwas anderes aus: Er ging nicht ausschließlich von den deutschen Ansprüchen aus, sondern er bezog die Perspektive der Anderen ein. Frankreich war für ihn nicht nur der übelwollende Erzfeind – auch wenn er einmal vom "Würger" sprach, den man "vom Halse haben" müsse[13] –, sondern ein Nachbar mit einem überragenden Bedürfnis nach Sicherheit gegenüber dem potenziell immer noch (oder bald schon wieder) übermächtigen Deutschland. Das unterschied ihn von jener "rücksichtlosen Missachtung" der Anderen, die der britische Diplomat Eyre Crowe in einem langen Memorandum 1907 analysiert hatte,[14] und von jener Kultur der Unbedingtheit, die in Deutschland gang und gäbe war und die Stresemann selbst beklagte: "Ich habe die Empfindung, daß wir Deutsche zu wenig oder kein Verständnis haben für das, was der Franzose die schöne Geste nennt. Das ist uns überhaupt nicht eigen, und das schadet uns außenpolitisch ganz ungemein. Wir können nicht höflich und liebenswürdig sein, ohne im eigenen Volk sofort angegrobst zu werden. Wir können nicht Weltpolitik treiben mit der Idee: es soll sich keiner mit den Kerlen irgendwie zusammensetzen."[15]

Stresemann bemühte sich stattdessen, das Ziel der Revision von Versailles mit einer "großzügigen Politik" der "vernünftigen Verständigung"[16] zu erreichen, die deutsche Interessen mit europäischen Rücksichten in Einklang zu bringen versuchte. Allerdings blieb dieses Verhältnis ungleichgewichtig. Denn die Konzilianz gegenüber Frankreich galt in dieser Form nicht gegenüber Polen. Zu einem Ost-Locarno war Stresemann nicht bereit, wobei die Verhältnisse dort auch deutlich komplizierter lagen, zumal die Verantwortlichen des neu gegründeten polnischen Staates ihrerseits alles andere als kompromissbereit auftraten. Die Revision der deutsch-polnischen Grenze, deren "Ungerechtigkeit und Unhaltbarkeit" für Stresemann außer Frage stand, ließ sich nach seiner Auffassung nur mit wirtschaftlichem Druck erreichen.[17]

Fußnoten

11.
Vgl. Gustav Stresemann an die deutsche Botschaft in London, 19.4.1926, Akten zur Deutschen Auswärtigen Politik (ADAP), Serie B, Bd. 2, 1, Dok. 150, S. 363–376, Zitat S. 363 sowie die Karte im Anhang zu diesem Band; Aufzeichnung des Ministerialdirigenten Dirksen vom 29.12.1925, ADAP Serie B, Bd. 2, 1, Dok. 21, S. 72f.; siehe auch Hillgruber (Anm. 6), S. 604, S. 609; Wright (Anm. 1), S. 324–329.
12.
Vgl. z.B. Oberst von Stülpnagel an den Vortragenden Legationsrat von Bülow, 6.3.1926, ADAP Serie B, Bd. 1, 1, Dok. 144, S. 343.
13.
Gustav Stresemann an Kronprinz Wilhelm, 7.9.1925, in: Henry Bernhard, Gustav Stresemann. Vermächtnis, Bd. 2: Locarno und Genf, Berlin 1932, S. 553ff., hier S. 555.
14.
Eyre Crowe, Memorandum on the Present State of British Relations with France and Germany, 1.1.1907, British Documents on the Origins of War 1898–1914, Bd. 3, S. 402–406.
15.
Gustav Stresemann, Rede vor dem Zentralvorstand der DVP, 22.11.1925, in: Wolfgang Elz (Bearb.), Stresemann-Reden 1925, http://www.geschichte.uni-mainz.de/neuestegeschichte/Dateien/Text_1925.pdf«, S. 399.
16.
Ders., Rede vor Studenten in Dresden, 31.1.1926, in: Wolfgang Elz (Bearb.), Stresemann-Reden 1926, http://www.geschichte.uni-mainz.de/neuestegeschichte/Dateien/Text_1926.pdf«, S. 25 (erstes Zitat); Rede auf dem Parteitag der DVP in Köln, 2.10.1926, in: ebd., S. 319 (zweites Zitat).
17.
Ders. an die deutsche Botschaft in London, 19.4.1926, ADAP Serie B, Bd. 2, 1, Dok. 150, S. 363, S. 369 (Zitat) S. 374.
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