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Modell des Weimarer Theaterplatzes am 21. August 1919 nach der Vereidigung des Reichspräsidenten Friedrich Ebert in der Ausstellung „Demokratie aus Weimar. Die Nationalversammlung 1919“ im Weimarer Stadtmuseum.

27.4.2018 | Von:
Andreas Rödder

Gustav Stresemann und die Perspektive der Anderen

"Gesamtlösung aller Fragen"?

Die strategischen Möglichkeiten, aber auch die kurzfristigen Grenzen der Verständigungspolitik offenbarten sich am 17. September 1926 im französisch-schweizerischen Grenzort Thoiry. Dort trafen Stresemann und Briand am Rande der Genfer Tagung des Völkerbundes, auf der Deutschland in den Völkerbund aufgenommen wurde, in einem kleinen Landgasthof zusammen. Und worüber sie sprachen, drei Jahre nach der Kapitulation im Ruhrkampf, war eine Sensation: eine "Gesamtlösung aller Fragen, die zwischen Deutschland und Frankreich ständen", wie Stresemann noch am selben Abend unmittelbar nach der Besprechung notierte.[18]

Keine Teillösungen, sondern die Rückgabe des Saargebietes und die "Aufhebung der gesamten Rheinlandbesetzung", das war Briands Angebot. Dafür erwartete er wirtschaftliche Unterstützung von deutscher Seite, denn 1926 war Frankreich in eine tiefe Krise geraten, und die Kräfteverhältnisse drehten sich wieder um. Stresemann und Briand überlegten, wie das Deutsche Reich Reparationszahlungen auf Vorschuss leisten könne, und sie erwogen, dass Deutschland die Kohlegruben an der Saar vorzeitig von Frankreich zurückkaufen könne.

Aber die beiden hatten die Rechnung im Gasthaus von Thoiry ohne die Wirte gemacht. Die finanztechnischen Modalitäten waren nicht praktikabel, Vorbehalte kamen aus Washington und London und vor allem aus Berlin und Paris. Öffentlich desavouierte Ministerpräsident Poincaré die Versuche Briands, Vertrauen gegenüber Deutschland zu bilden, indem er abermals "die Verantwortung der Reichsregierung für den Krieg" und die Notwendigkeit der Entwaffnung des Deutschen Reichs betonte.[19] Vor diesem Hintergrund berichtete Briand der französischen Regierung über das Gespräch von Thoiry – so der Eindruck des deutschen Botschafters in Paris – "sagen wir, nur mit größter Vorsicht".[20]

So verlief der Plan einer friedlichen, auf gegenseitiger Großzügigkeit beruhenden Gesamtlösung ergebnislos im Sande. Thoiry war "zuerst eine Sensation, dann eine Hoffnung und zum Schluss eine Enttäuschung".[21] Auf beiden Seiten fehlte die Basis in der politischen Kultur. Stresemann wiederum hatte sein Konzept, mit wirtschaftlicher Macht – "dem Einzigen", wie er einmal formuliert hatte, "womit wir noch Großmacht sind"[22] – Politik zu treiben und Deutschland im Einvernehmen mit den anderen Mächten wieder zu einer europäischen Großmacht zu machen, nicht zum Erfolg bringen können.

Stattdessen machte sich in der deutschen politischen Öffentlichkeit Enttäuschung darüber breit, dass weitere Revisionserfolge ausblieben, obwohl Deutschland innerhalb von weniger als zehn Jahren ungleich mehr erreicht hatte, als bei Unterzeichnung des Versailler Vertrags zu erwarten gewesen wäre. Aber offenbar hatte auch Stresemann selbst diese Möglichkeiten überschätzt. Hinzu kam Ende der 1920er Jahre eine zunehmende Krise des politischen Systems. Stresemann hatte sich als in der Wolle gefärbter Parlamentarier und mit seiner Kompromissbereitschaft zum Garanten der parlamentarischen Regierungen der Weimarer Republik entwickelt, auch wenn sie allzu häufig wechselten. Seine Reichskanzlerschaft hatte im Herbst 1923 zwar gerade einmal hundert Tage Bestand gehabt, aber danach hatte er ununterbrochen als Außenminister amtiert und war zum starken Mann der Regierungen geworden.

1929 beklagte jedoch auch er eine "Krise des Parlamentarismus":[23] Die Funktionsschwäche des parlamentarischen Systems verhindere stabile Regierungen, und vor allem erwiesen sich die Parteien als destruktiv, weil sie sich permanent als Opposition zu den von ihnen selbst gestellten Regierungen verhielten, statt Verantwortung zu übernehmen. Als im Mai 1930 die Große Koalition zerbrach, kamen tatsächlich keine parlamentarisch getragenen Regierungen mehr zustande. Ohne Stresemann wurde die Weimarer Republik zu einer "Republik ohne Republikaner", die in der großen Staatskrise der 1930er Jahre unterging.

Stresemanns Erbe

Am 3. Oktober 1929 erlag Gustav Stresemann, der zeitlebens unter einer anfälligen Gesundheit gelitten hatte, im Alter von 51 Jahren einem Schlaganfall. Im August 1929 hatte er den letzten großen Erfolg seines Verständigungsrevisionismus errungen: Im Gegenzug zum Young-Plan, der eine langfristige Regelung der Reparationen sicherstellen sollte, sagte Frankreich eine vorzeitige Räumung des besetzen Rheinlands zum 30. Juni 1930 zu.

Stresemann erlebte nicht mehr, wie das, was zu einem Akt der Annäherung und zum Ausdruck des gegenseitigen guten Willens hätte werden können, in beiderseitiger Verstimmung endete.[24] Dass die französische Seite penibel auf der Einhaltung von Entmilitarisierungsvorschriften, auch auf dem Abriss zivil genutzter Gebäude beharrte, hielt Stresemanns Nachfolger Julius Curtius für schikanöse Bürokratie. Dafür verweigerte Berlin den Franzosen nicht nur, wie Briand vorgeschlagen hatte, "irgendeinen gemeinsamen Akt", sondern jede öffentliche Geste der Anerkennung. "Während wir die Rheinlandräumung als einen unter schweren Opfern erkauften und viel zu spät gewährten Akt der Gerechtigkeit ansehen", so schrieb der deutsche Boschafter in Paris an das Auswärtige Amt in Berlin, "stellt sich für die Franzosen die Preisgabe des linken Rheinufers dar als eine gewaltige, fast unbegreifliche Tat des Entgegenkommens".[25]

Das Problem war wieder da, das Stresemann als einziger verantwortlicher Politiker der Weimarer Republik konstruktiv zu adressieren vermocht hatte. Stresemann war in der Lage gewesen, die Perspektive der Anderen in seine politischen Überlegungen einzubeziehen, statt nur von den eigenen Ansichten und Anforderungen auszugehen. Eine Einschränkung ist zu machen: Dies galt gegenüber Frankreich sehr viel mehr als gegenüber Polen. Aber es geht um das Prinzip: Der Geist des internationalen Zusammenwirkens, so sagte Stresemann nach dem Abschluss der Verträge von Locarno im November 1925, "wird am besten fundiert sein, wenn Idealismus und reale Interessen sich dazu verbinden, den Weg aus dem europäischen Zusammenbruch gemeinschaftlich zu suchen".[26]

Der Versuch, deutschen Revisionismus und französisches Sicherheitsbedürfnis, nationale Interessen und die Perspektive der Anderen, Realismus und Ideen, deutsche Stärke und europäische Ordnung miteinander zu vereinbaren – diese Lösung der deutschen Frage blieb Stresemanns unerfülltes Vermächtnis. Sie ist zugleich ein historisches Erbe von unverminderter Bedeutung.

Fußnoten

18.
Gustav Stresemann, Was in Thoiry besprochen wurde, 20.9.1926, in: Henry Bernhard (Hrsg.), Gustav Stresemann. Vermächtnis, Bd. 3: Von Thoiry bis zum Ausklang, Berlin 1933, S. 15–24, hier S. 16. Zum Gespräch von Thoiry vgl. vor allem Christian Baechler, Gustave Stresemann (1878–1929). De l’impérialisme à la sécurité collective, Straßburg 1996, S. 687–695.
19.
Georges Suarez, Briand. Sa vie, son œuvre avec son journal et des nombreux documents inédits, Bd. 6: L’artisan de la paix, Paris 1952, S. 228.
20.
Leopold von Hoesch an den Staatssekretär im Auswärtigen Amt von Schubert, 5.11.1926, ADAP, Serie B, Bd. 1, 2, Dok. 182, S. 426–433, hier S. 431.
21.
Erich Eyck, Geschichte der Weimarer Republik, Bd. 2, Erlenbach-Zürich–Stuttgart 1956, S. 100.
22.
Stresemann (Anm. 15), S. 423.
23.
Ders. vor dem Zentralvorstand der DVP, 26.2.1929, in: Bernhard (Anm. 18), S. 428–433.
24.
Vgl. dazu Andreas Rödder, Stresemanns Erbe. Julius Curtius und die deutsche Außenpolitik 1929–1931, Paderborn 1996, S. 104–113.
25.
Leopold von Hoesch an das Auswärtige Amt, 25.7.1930, ADAP, Reihe B, Bd. 15, Dok. 160, S. 385.
26.
Gustav Stresemann, Rede vor dem Deutschen Reichstag, 24.11.1925, in: Elz (Anm. 15), S. 461.
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