Modell des Weimarer Theaterplatzes am 21. August 1919 nach der Vereidigung des Reichspräsidenten Friedrich Ebert in der Ausstellung „Demokratie aus Weimar. Die Nationalversammlung 1919“ im Weimarer Stadtmuseum.

27.4.2018 | Von:
Dirk Schumann

Nachkriegsgesellschaft. Erbschaften des Ersten Weltkriegs in der Weimarer Republik

Herausfordernde Ausgangslage

Am 11. November 1918 endeten für das Deutsche Reich die Kampfhandlungen des Ersten Weltkriegs mit einem Waffenstillstand, den Matthias Erzberger, führender Parlamentarier der katholischen Zentrumspartei, unterzeichnete. Dass dies ein ziviler Politiker und kein General übernahm, geschah in der Hoffnung auf mildere Bedingungen. Doch diese Hoffnung trog, und so sollte es den Gegnern der neuen Republik leichter fallen, diese und nicht das kaiserliche Militär für den schmählichen Kriegsausgang verantwortlich zu machen.

Die provisorische Regierung des "Rats der Volksbeauftragten", die Erzberger entsandte, war zwei Tage zuvor nach dem Sturz der Monarchie aus den beiden sozialdemokratischen Parteien gebildet worden. Sie sah sich sofort mit großen Herausforderungen konfrontiert. Über fünf Millionen Soldaten standen noch im Westen und Osten jenseits der deutschen Grenzen.[4] Sie mussten zügig zurückgeführt und demobilisiert werden und sollten dann bald wieder einen Arbeitsplatz erhalten.

Andere, weniger kurzfristig zu bewältigende Herausforderungen kamen hinzu. Die Zahl der Kriegsbeschädigten und Hinterbliebenen erreichte mit dem Ersten Weltkrieg eine bisher ungekannte Dimension. 2,7 Millionen Soldaten kehrten mit dauerhaften Schäden heim und verlangten, gestützt auf neue Organisationen, materielle Hilfe vom Staat. 600.000 Witwen und 1,2 Million Waisen waren zu versorgen.[5]

Weitere solche Herausforderungen stellten sich nach dem Abschluss des Versailler Friedensvertrags im Juni 1919. Die Alliierten verlangten Reparationen, deren Höhe 1921 zunächst auf den schockierenden Betrag von 226 Milliarden Goldmark festgesetzt wurde. Artikel 231 des Vertrags bestimmte, dass Deutschland grundsätzlich für alle von den Alliierten erlittenen Verluste und Schäden verantwortlich war. Ursprünglich sollte diese Klausel gewährleisten, dass Deutschland seinen finanziellen Verpflichtungen tatsächlich nachkam, doch nahm sie in der deutschen Öffentlichkeit eine grundsätzliche Bedeutung an. Außerdem verfügte der Versailler Vertrag Gebietsabtretungen im Westen und Osten. Deutschland wurde überdies für unfähig zu "richtiger" Kolonialherrschaft erklärt und verlor alle Kolonien. Bis zum Ende der 1920er Jahre musste es zudem die alliierte Besetzung des linken Rheinufers hinnehmen.

Die finanziellen Kriegsfolgelasten, die enger gezogenen territorialen Grenzen, die Sichtbarkeit der Besatzungssoldaten wie der Kriegsbeschädigten und die nun im ganzen Land errichteten Kriegerdenkmäler führten den Deutschen in den Jahren nach 1918 buchstäblich immer wieder vor Augen, dass am Anfang der Weimarer Republik die Niederlage eines großen Kriegs stand. Wie diese Niederlage zu erklären, wie der Krieg überhaupt zu deuten war, stellte vielleicht die größte Herausforderung dar. Zwei Millionen deutsche Soldaten waren im Krieg gefallen. Welcher Sinn sollte ihrem Tod gegeben werden, welche Botschaft sollte er vermitteln? War der Krieg vor allem eine grauenhafte Schlächterei gewesen, die zu internationaler Versöhnung und Verständigung demokratisch regierter Staaten drängte? Oder war er als letztlich unvermeidbares Ergebnis internationaler Staatenkonkurrenz zu verstehen und die Niederlage mangelnder Entschlossenheit der Deutschen anzulasten, deren Rückgewinnung in einem autoritär geführten Staat zu erfolgen hatte? Diese beiden Grundpositionen stießen in der politischen Kultur der Weimarer Republik aufeinander und beeinflussten die Kriegserinnerung in materieller und literarischer Form ebenso wie die Diskurse und Rituale, mit denen Veteranenverbände unterschiedlicher politischer Ausrichtung auf den Krieg zurückblickten und öffentliche Präsenz zeigten.

Fußnoten

4.
Vgl. Richard Bessel, Germany After the First World War, Oxford 1993, S. 73.
5.
Vgl. Robert Weldon Whalen, Bitter Wounds. German Victims of the Great War, 1914–1939, Ithaca 1984, S. 95; Bessel (Anm. 4), S. 225ff.
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