Modell des Weimarer Theaterplatzes am 21. August 1919 nach der Vereidigung des Reichspräsidenten Friedrich Ebert in der Ausstellung „Demokratie aus Weimar. Die Nationalversammlung 1919“ im Weimarer Stadtmuseum.

27.4.2018 | Von:
Dirk Schumann

Nachkriegsgesellschaft. Erbschaften des Ersten Weltkriegs in der Weimarer Republik

Kriegsfolgenbewältigung

Die Herausforderungen der unmittelbaren Nachkriegszeit vermochte die junge Republik gut zu bewältigen. Unerwartet schnell gelang die Rückführung und Reintegration der Soldaten in das Arbeitsleben. Ende Januar 1919 erreichten die letzten Soldaten aus dem Westen deutschen Boden, zwei Monate später war auch der Rücktransport aus dem Osten abgeschlossen. Dazu trug bei, dass bis Dezember im Westen ein Drittel der dort zum Zeitpunkt des Waffenstillstands stationierten Soldaten ihre Einheiten auf eigene Faust in Richtung Heimat verlassen hatte. Andere Truppenverbände gelangten geordnet bis zur Reichsgrenze oder zum Rhein und lösten sich dann in gleicher Weise auf. Bis zum Waffenstillstand hatten die Soldaten an der Front ihre Stellungen gehalten – jetzt wollten alle rasch nach Hause.[6]

Dort fanden sie tatsächlich bald wieder einen Arbeitsplatz. Nur kurzzeitig schnellten in den ersten Monaten des Jahres 1919 die Arbeitslosenzahlen in die Höhe. Die anhaltende Inflation und der gerade zwischen Unternehmern und Gewerkschaften vereinbarte Achtstundentag erleichterten die Wiedereingliederung der heimgekehrten Männer ebenso wie Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen und eine Ausweitung des Personals von Staatsunternehmen wie Post und Eisenbahn. So konnten die vormaligen Soldaten Krieg und Gewalt hinter sich lassen und in ein Alltagsleben zurückfinden, das ihnen im Inflationsboom der ersten Nachkriegsjahre ein relativ sicheres Einkommen bot und mehr Freizeit als zuvor.[7]

Dem stand auch nicht der punktuelle Bürgerkrieg 1919/20 entgegen, in dem in Berlin, München und anderen Orten neu aufgestellte Truppenverbände und bewaffnete Arbeiter gegeneinander kämpften. Während die Tötungsdelikte in den ersten Nachkriegsjahren zunahmen, dann aber wieder zurückgingen, lag die übrige Gewaltkriminalität deutlich unter dem Niveau von vor 1914 und war nach anfänglichem Anstieg ebenfalls wieder rückläufig. Dass die zurückgekehrten Soldaten durch ihren Kriegseinsatz umfassend und nachhaltig "brutalisiert" worden wären, lässt sich nicht konstatieren.[8]

Der Reintegrationsprozess forderte freilich seinen Preis. Viele Frauen, die während des Kriegs Arbeitsplätze in der Industrie eingenommen hatten, wurden aus ihnen wieder verdrängt.[9] Allerdings brachte ihnen die Revolution das Wahlrecht, was ihren Einsatz während des Kriegs würdigte und eine alte Forderung der Frauenbewegung erfüllte. In den folgenden Jahren setzte sich die langfristige Tendenz der Zunahme weiblicher Erwerbstätigkeit überdies wieder fort und öffneten sich ihr bisher verschlossene Berufe.[10] Eine bloße Restauration der Vorkriegsverhältnisse folgte aus der Reintegration der heimkehrenden Männer also nicht.

Die Weimarer Republik, die sich ausdrücklich als Sozialstaat definierte, stellte sich auch der sozialpolitischen Herausforderung zunächst mit Erfolg. Das Reichsversorgungsgesetz von 1920 gewährte Renten für die Kriegsbeschädigten gemäß dem Grad der Behinderung und dem sozialen Status vor dem Krieg sowie Hilfen bei der Ausbildung und Arbeitsplatzsuche. Allerdings hielten die finanziellen Leistungen, auch für Witwen und Waisen, mit der Inflation danach nicht Schritt. Die an sich begrüßenswerte Fokussierung auf die Reintegration in das Arbeitsleben erzeugte zudem eine Diskrepanz zwischen dem Anspruch der Kriegsbeschädigten, wegen ihres Opfers fürs Vaterland herausgehoben behandelt zu werden, und der Sichtweise der übrigen Gesellschaft, die sie zunehmend als ungerechtfertigt Klagende empfand.[11]

Sich mit den Reparationen auseinanderzusetzen, war eine wirtschaftliche und eine politische Aufgabe. Ob sie ökonomisch tragbar waren, bleibt umstritten und ist zumindest nicht unwahrscheinlich. Der deutschen Seite ging es darum, ihre Reduzierung bis zur gänzlichen Streichung durchzusetzen. Der mit den Siegermächten nach der Hyperinflation vereinbarte Dawes-Plan von 1924 und sein Nachfolger, der Young-Plan von 1929, verbesserten die deutsche Position, bis die Reparationen auf dem Höhepunkt der Weltwirtschaftskrise tatsächlich vollständig gestrichen wurden. Bedeutsam waren sie, abgesehen von ihrer konkreten finanziellen Belastung, aber vor allem symbolisch, denn die lange Diskussion um sie machte immer wieder greifbar, dass Deutschland als Folge des Kriegs nicht autonom über seine Staatsfinanzen entscheiden konnte. Somit boten sie sich entschiedenen Gegnern der Republik als Zielscheibe für fundamentale Kritik an.[12]

Die deutschen Gebietsverluste erwiesen sich als etwas weniger brisante Frage. Außenminister Gustav Stresemanns Verständigungspolitik führte 1925 zum Locarno-Vertrag mit Frankreich, der den Verlauf der Westgrenze endgültig klärte. Mit Polen kam es dagegen zu keinem solchen Abkommen, die Ostgrenze blieb strittig.[13] In den Organisationen, die eine Rückgabe der Kolonien forderten und die koloniale "Schuldlüge" anprangerten, versammelten sich vor allem Ehemalige in überschaubarem Umfang. Eine große Zahl von Büchern für alle Altersgruppen, darunter die Kriegserinnerungen des populären Generals Paul von Lettow-Vorbeck, regelmäßig veranstaltete "Kolonialbälle" oder Werbeanzeigen für "Kolonialwaren" hielten gleichwohl die Kolonien als Imaginationsfläche im öffentlichen Gedächtnis präsent. Sie erschienen als wilder Raum der Bewährung, in dem Männer und Frauen ihr eigentliches Selbst ausbildeten. Dass die französische Besatzungsmacht auch Soldaten aus ihren afrikanischen Kolonien im Gebiet links des Rheins einsetzte und dort die Rollen von Kolonisierern und Kolonisierten gleichsam umkehrte, machte den Verlust dieses Raums umso schmerzlicher und sorgte für parteiübergreifende heftige Proteste gegen diese "schwarze Schmach".[14]

Fußnoten

6.
Vgl. Bessel (Anm. 4), S. 69–81; Scott Stephenson, The Final Battle: Soldiers of the Western Front and the German Revolution of 1918, Cambridge 2009.
7.
Vgl. Bessel (Anm. 4), S. 93–165, S. 240–253; Martin H. Geyer, Verkehrte Welt: Revolution, Inflation und Moderne: München 1914–1924, Göttingen 1998, S. 70–75, S. 130–166, S. 267–273.
8.
Vgl. Moritz Liepmann, Krieg und Kriminalität in Deutschland, Stuttgart 1930, S. 33–40; Dirk Schumann, Gewalterfahrungen und ihre nicht zwangsläufigen Folgen. Der Erste Weltkrieg in der Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts, Mai 2004.
9.
Vgl. Susanne Rouette, Sozialpolitik als Geschlechterpolitik. Die Regulierung der Frauenarbeit nach dem Ersten Weltkrieg, Frankfurt/M. 1993.
10.
Vgl. den Beitrag von Kirsten Heinsohn in diesem Heft.
11.
Vgl. Whalen (Anm. 5), S. 141–153; Deborah Cohen, The War Come Home. Disabled Veterans in Britain and Germany, 1914–1939, Berkeley 2001, S. 61–97, S. 149–187.
12.
Die Literatur zum Thema der Reparationen ist sehr umfangreich. Einen kompakten Einstieg vermittelt Ursula Büttner, Weimar. Die überforderte Republik 1918–1933. Leistung und Versagen in Staat, Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur, Stuttgart 2008, S. 153–158, S. 350–357.
13.
Vgl. Peter Krüger, Die Außenpolitik der Republik von Weimar, Darmstadt 1985, S. 207ff. sowie den Beitrag von Andreas Rödder in diesem Heft.
14.
Vgl. Sandra Maß, Weiße Helden, schwarze Krieger. Zur Geschichte kolonialer Männlichkeit in Deutschland, 1918–1964, Köln 2006, S. 1–216; Dirk van Laak, Imperiale Infrastruktur. Deutsche Planungen für eine Erschließung Afrikas 1880 bis 1960, Paderborn 2004, S. 195–217; Britta Schilling, Postcolonial Germany: Memories of Empire in a Decolonized Nation, New York 2014, S. 13–67.
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