Modell des Weimarer Theaterplatzes am 21. August 1919 nach der Vereidigung des Reichspräsidenten Friedrich Ebert in der Ausstellung „Demokratie aus Weimar. Die Nationalversammlung 1919“ im Weimarer Stadtmuseum.

27.4.2018 | Von:
Dirk Schumann

Nachkriegsgesellschaft. Erbschaften des Ersten Weltkriegs in der Weimarer Republik

Umkämpfte Kriegsdeutung

Bitter umkämpft war die Sinngebung des Kriegs und der Niederlage. Die Gegner der Republik auf der Rechten propagierten ab Ende 1918 die "Dolchstoßlegende". Paul von Hindenburg und Erich Ludendorff, die seit 1916 an der Spitze der Obersten Heeresleitung gestanden hatten, bekräftigten mit ihrer Aussage vor einem Untersuchungsausschuss der Nationalversammlung im November 1919 deren Tenor, das deutsche Heer sei nicht vom Feind besiegt, sondern von der Heimat aus seiner Kampfkraft beraubt worden. Dabei kam den Verbreitern der Legende zugute, dass die deutsche Niederlage nicht das Ergebnis einer großen Entscheidungsschlacht, sondern der Erschöpfung aller Ressourcen im Angesicht der alliierten Übermacht gewesen war. Blieben die Schuldigen bei Hindenburg und Ludendorff noch vage, wiesen andere Stimmen sie zumeist der radikalen Linken zu. Ins Visier geriet aber auch die Mehrheitssozialdemokratie. Zudem konnte die Dolchstoßlegende eine antisemitische wie misogyne Färbung annehmen.

So entlastete sie die Eliten des Kaiserreichs von der Verantwortung für den Kriegsausgang und unterminierte die Legitimität der Republik. Außerdem half sie der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP), die Kluft zwischen dem radikalen antirepublikanischen und dem moderaten, zur Regierungsmitarbeit bereiten Flügel zu überbrücken. Hier wird aber auch die Grenze ihres Einflusses sichtbar: Als die DNVP 1925 tatsächlich Regierungsverantwortung übernahm, verlor die Dolchstoßlegende in der öffentlichen Diskussion an Bedeutung. Gleichwohl wirkte sie vor allem in völkisch-antisemitischen Kreisen, großen Teilen der Professorenschaft und der protestantischen Geistlichkeit weiter fort.[15]

Die Dolchstoßlegende legte eine revanchistische Sinngebung des Ersten Weltkriegs nahe. Während sie im Reichstagswahlkampf Ende 1924 von der DNVP plakativ ins Bild gesetzt wurde,[16] zeigten die Antikriegsdemonstrationen im Sommer des gleichen Jahres, die an den Beginn des Kriegs zehn Jahre zuvor erinnerten, dass auch die gegenteilige Deutung große Resonanz fand. Zwar blieb die Mitgliederzahl pazifistischer Organisationen in Deutschland überschaubar und war die Bewegung von internem Streit zwischen Radikalen und Gemäßigten beeinträchtigt, der sie bis Ende der 1920er Jahre politisch marginalisierte. Doch konnte sie zum Jahrestag des Kriegsbeginns bis zur Mitte der 1920er Jahre jeweils mehrere Hunderttausend Menschen bei ihren Kundgebungen mobilisieren.[17]

Eine Vielfalt der Formen und Botschaften zeichnete die Kriegerdenkmäler aus, die nach 1918 überall in Deutschland errichtet wurden. Trauer, die sich unterschiedlich nuancieren ließ, stand im Vordergrund. Dem dienten vielfach, schon aus Kostengründen, einfache, bereits im 19. Jahrhundert gebräuchliche Formen wie der Obelisk, die Stele und das christliche Kreuz, die damit auf keine spezifische Kriegsdeutung festgelegt waren. In den Inschriften war von "Helden" ebenso wie von "Kameraden" und Söhnen" die Rede, was gleichfalls keine eindeutige Botschaft aussandte. Auch figürliche Darstellungen, die sich häufig an antiken Vorbildern orientierten, ließen unterschiedliche Interpretationen zu. Trauer und Schmerz betonten die Darstellungen Gefallener, die das christliche Pietà-Motiv aufnahmen. Eine eindeutig aggressiv-revanchistische Botschaft vermittelten dagegen Denkmale wie das eines Handgranaten werfenden Soldaten an der Technischen Universität Berlin, doch solche blieben selten.[18]

Wie strittig die Kriegsdeutung war, erwies die Debatte über ein nationales Gefallenendenkmal. 1924 begann die Reichsregierung mit den Planungen, die letztlich ohne Ergebnis blieben. Gegen einen Standort in der "roten" Hauptstadt Berlin sprachen sich der "Stahlhelm" und andere rechte Veteranenverbände aus. Sie lehnten auch das Konzept eines Grabmals des Unbekannten Soldaten, wie es in London und Paris errichtet worden war und vom republikanischen Veteranenverband "Reichsbanner" befürwortet wurde, wegen der Herkunft von den ehemaligen Feindmächten ab. Stattdessen schlugen sie die Errichtung eines Heiligen Haines vor, der die Erinnerung an die Gefallenen mit dem mythischen Kraftquell des deutschen Waldes verknüpfen sollte. Ein spezifischer Standort drängte sich dafür nicht auf, und entsprechend groß war die Konkurrenz. Dies und Differenzen hinsichtlich der Formgebung ließen die Pläne 1926 ins Stocken geraten.[19]

Unter der sozialdemokratisch geführten preußischen Regierung gelang es hingegen, die Neue Wache in Berlin zu einem Gedenkort für die Gefallenen des Kriegs umzugestalten. Ein kreisförmiges Oberlicht erhellte den Innenraum, in dem sich auf dem dunklen Basaltboden ein altarförmiger Granitkubus erhob, versehen mit einem aus Silber und Blattgold bestehenden Eichenlaubkranz. An der mit Muschelkalk verkleideten Wand war nur die Inschrift "1914/18" zu lesen. Auch diese Gestaltung war deutungsoffen, akzentuierte mit ihrer Abstraktheit und Sakralität an erster Stelle die Trauer um die Gefallenen, schloss eine heroische Lesart ihres Todes aber keineswegs aus. Dies zeigte sich bei den Reden zur Eröffnung im Juni 1931, in denen der preußische Ministerpräsident Otto Braun die Trauer und Reichswehrminister Wilhelm Groener das Heldentum der Gefallenen in den Vordergrund stellten. So kann die Neue Wache als republikanischer Kompromiss in der Gedenkkultur verstanden werden.[20]

Fußnoten

15.
Vgl. Gerd Krumeich, Die Dolchstoß-Legende, in: Etienne François/Hagen Schulze (Hrsg.), Deutsche Erinnerungsorte, Bd. 1, München 20024, S. 585–599; Boris Barth, Dolchstoßlegenden und politische Desintegration: Das Trauma der deutschen Niederlage im Ersten Weltkrieg 1914–1933, Düsseldorf 2003.
16.
Vgl. Gerhard Paul, Der Dolchstoß. Ein Schlüsselbild nationalistischer Erinnerungspolitik, in: ders. (Hrsg.), Das Jahrhundert der Bilder, Bd. 1: 1900 bis 1949, Göttingen 2009, S. 300–307.
17.
Vgl. Reinhold Lütgemeier-Davin, Basis-Mobilisierung gegen den Krieg. Die Nie-Wieder-Krieg-Bewegung in der Weimarer Republik, in: Karl Holl/Wolfram Wette (Hrsg.), Pazifismus in der Weimarer Republik, Paderborn 1981, S. 47–76; Karl Holl, Pazifismus in Deutschland, Frankfurt/M. 1988, S. 138–204.
18.
Vgl. Michaela Stoffels, Kriegerdenkmale als Kulturobjekte. Trauer- und Nationskonzepte in Monumenten der Weimarer Republik, Wien u.a. 2011; Christian Saehrendt, Der Stellungskrieg der Denkmäler. Kriegerdenkmäler im Berlin der Zwischenkriegszeit (1919–1939), Bonn 2004.
19.
Vgl. Benjamin Ziemann, Die deutsche Nation und ihr zentraler Erinnerungsort. Das "Nationaldenkmal für die Gefallenen des Weltkrieges" und die Idee des Unbekannten Soldaten 1914–1935, in: Helmut Berding/Klaus Heller/Winfried Speitkamp (Hrsg.), Krieg und Erinnerung. Fallstudien zum 19. und 20. Jahrhundert, Göttingen 2000, S. 67–91.
20.
Vgl. Stoffels (Anm. 18), S. 224–269.
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