Modell des Weimarer Theaterplatzes am 21. August 1919 nach der Vereidigung des Reichspräsidenten Friedrich Ebert in der Ausstellung „Demokratie aus Weimar. Die Nationalversammlung 1919“ im Weimarer Stadtmuseum.

27.4.2018 | Von:
Dirk Schumann

Nachkriegsgesellschaft. Erbschaften des Ersten Weltkriegs in der Weimarer Republik

Militarisierung der politischen Kultur

Der "Stahlhelm. Bund der Frontsoldaten" und das "Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold. Bund der republikanischen Kriegsteilnehmer" waren die größten und einflussreichsten Vertreter eines neuen Typs von Verband. Sie versammelten zwar vor allem Kriegsveteranen, verstanden sich in erster Linie aber nicht als Erinnerungsgemeinschaften oder bloße Interessenvertretungen, sondern als politische Kampforganisationen, die sich zu Grundfragen der Weimarer Republik positionierten.

Der im Dezember 1918 in Magdeburg gegründete "Stahlhelm" fand ab dem Sommer 1919 deutschlandweit Verbreitung und zählte 1925 rund 260.000 Mitglieder. Politisch rückte er zunehmend nach rechts und stand Ende der 1920er Jahre in klarer Gegnerschaft zur Republik. Sein kennzeichnendes Merkmal war jedoch nicht das vage Programm, sondern sein politischer Stil. Der "Stahlhelm" besetzte den öffentlichen Raum durch Flaggenweihen und Massenkundgebungen, zu denen seine Mitglieder in Uniform und mit militärischem Gepränge aufmarschierten, und scheute auch vor physischer Gewalt in der Auseinandersetzung mit Gegnern nicht zurück. So hielt er den Krieg in sichtbarer Erinnerung und versah ihn mit einer heroisierenden und tendenziell revanchistischen Interpretation, die den Frontkämpfer und die "Frontgemeinschaft" in den Vordergrund stellte und als vorbildhaft für die Politik pries.[21]

Die republikanische Antwort auf den "Stahlhelm" erfolgte 1924, nachdem die schwere Krise der Hyperinflation von 1923 überstanden war. Mit etwa 600.000 Mitgliedern, von denen die meisten der SPD angehörten, war das "Reichsbanner" deutlich stärker als sein Gegenpart. Auch seine Mitglieder trugen Uniform und bewegten sich, eine Spur lässiger, in geschlossener Formation, wenn der Verband seine Kundgebungen veranstaltete, vor allem zum Verfassungstag im August. Anders als der deutlich kleinere "Rotfrontkämpferbund" der Kommunisten ging das "Reichsbanner" nicht mit offensiver Gewalt gegen seine Gegner auf der Rechten vor, war aber zu robuster Selbstverteidigung bereit. Zusammen mit dem "Reichsbund der Kriegsbeschädigten" betonte es in seiner Erinnerung an den Krieg dessen Grausamkeit und die Nöte der Soldaten und setzte sich für internationale Verständigung ein.[22]

Die Militarisierung der Politik in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre, wie sie der "Stahlhelm" angestoßen hatte und von seinen republikanischen wie linken Gegnern mit vorangetrieben wurde, zeigte, wie sehr die Weimarer Republik mit der Erbschaft des Ersten Weltkriegs verbunden blieb. Ein weiteres Indiz war die Wahl des seinen Nimbus als Kriegsheld mit Bedacht pflegenden Paul von Hindenburg zum Reichspräsidenten 1925.

Ende der 1920er Jahre erhielt die Kriegserinnerung einen neuen Schub, ohne dass darin eine homogene Botschaft auszumachen war. Neben Erich Maria Remarques sehr erfolgreichem und bald verfilmtem Roman "Im Westen nichts Neues" von 1929, der sich primär, aber keineswegs ausschließlich als Friedensappell lesen ließ, standen andere Werke, die den Krieg als Bewährungsprobe wahrer Männlichkeit glorifizierten.[23] Jüngeren, erst während des Kriegs Geborenen, die seine Schrecken nicht unmittelbar erfahren hatten, fiel es allerdings leichter, eine Kriegsdeutung anzunehmen, die den Soldaten als pflichtbewusst und opferbereit Handelnden und nicht als bloß Leidenden darstellte. Dies bereitete den Boden für den milieuübergreifenden "erinnerungskulturellen Minimalkonsens" einer grundsätzlichen Heroisierung der Kriegsteilnahme.[24] Er stand zwar nicht in direktem Widerspruch zur pazifistischen Botschaft des "Reichsbanners" und anderer republikanischer Kräfte, erschwerte aber ihre Verbreitung.

Fazit

Die Deutschen konnten sich in den Jahren der Weimarer Republik nicht vom Ersten Weltkrieg lösen. Das mag angesichts der nur 14 Jahre, die der Republik gegeben waren, nicht grundsätzlich überraschen. Das sehr drängende Problem der Reintegration der Soldaten wurde jedoch schnell bewältigt, die Versorgung der Hinterbliebenen einigermaßen geregelt. Die Reparationen blieben eine Belastung, allerdings vornehmlich aufgrund der Schärfe ihrer politischen Bewertung, die Gebietsverluste schmerzten. Keine Einigkeit ließ sich darüber herstellen, welcher Sinn dem Krieg zu geben war. Die in den Veteranenverbänden vor allem der Rechten zur Schau gestellte militärische Männlichkeit versprach, mit den vielfältigen Zeitproblemen fertig zu werden, Verlust- und Leidenserfahrungen hinter sich zu lassen. Nicht umsonst stilisierte sich der NSDAP-Führer Adolf Hitler, ein ehemaliger Soldat mit allerdings geringer Fronterfahrung, gerne als kraftvoller Mann.[25] Doch auch wenn die fragile Normalisierung der mittleren 1920er Jahre durch die Militarisierung der politischen Kultur unterhöhlt wurde, war der Sieg der Nationalsozialisten noch keineswegs garantiert. Die republikanischen Kräfte unterlagen erst, als die Gewalt der Weltwirtschaftskrise den Zerstörern der Republik die Mittel dazu an die Hand gab.

Fußnoten

21.
Vgl. Volker R. Berghahn, Der Stahlhelm. Bund der Frontsoldaten 1918–1935, Düsseldorf 1966, S. 5–101; Dirk Schumann, Politische Gewalt in der Weimarer Republik 1918–1933. Kampf um die Straße und Furcht vor dem Bürgerkrieg, Essen 2001.
22.
Vgl. Benjamin Ziemann, Veteranen der Republik: Kriegserinnerung und demokratische Politik 1918–1933, Bonn 2014; Karl Rohe, Das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold. Ein Beitrag zur Geschichte und Struktur der politischen Kampfverbände zur Zeit der Weimarer Republik, Düsseldorf 1966; Kurt P. Schuster, Der Rote Frontkämpferbund 1924–1929. Beiträge zur Geschichte und Organisationsstruktur eines politischen Kampfbundes, Düsseldorf 1975.
23.
Vgl. Matthias Schöning, Versprengte Gemeinschaft. Kriegsroman und intellektuelle Mobilmachung in Deutschland 1914–1933, Göttingen 2009; Bernadette Kester, Film Front Weimar. Representations of the First World War in German Films from the Weimar Period (1919–1933), Amsterdam 2002.
24.
Vgl. Arndt Weinrich, Der Weltkrieg als Erzieher. Jugend zwischen Weimarer Republik und Nationalsozialismus, Essen 2011, S. 65–124, hier S. 121.
25.
Vgl. Martina Kessel, Demokratie als Grenzverletzung. Geschlecht als symbolisches System in der Weimarer Republik, in: Gabriele Metzler/Dirk Schumann (Hrsg.), Geschlechter(un)ordnung und Politik in der Weimarer Republik, Bonn 2016, S. 81–108, hier S. 102; Thomas Weber, Hitlers erster Krieg: Der Gefreite Hitler im Krieg – Mythos und Wahrheit, Berlin 2011.
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