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Modell des Weimarer Theaterplatzes am 21. August 1919 nach der Vereidigung des Reichspräsidenten Friedrich Ebert in der Ausstellung „Demokratie aus Weimar. Die Nationalversammlung 1919“ im Weimarer Stadtmuseum.

27.4.2018 | Von:
Kirsten Heinsohn

"Grundsätzlich" gleichberechtigt. Die Weimarer Republik in frauenhistorischer Perspektive

Veränderte Rollenbilder in der Nachkriegsgesellschaft?

Der Erste Weltkrieg markierte in vielerlei Hinsicht einen deutlichen Einschnitt,[9] auch mit Blick auf die Geschlechterverhältnisse. Wie weit die Veränderungen reichten und wie diese zu deuten seien, war aber schon unter Zeitgenossen eine umstrittene Frage. Der Krieg habe zur Entfremdung zwischen Ehepaaren geführt, Frauen selbstständiger gemacht und dadurch einen erheblichen Emanzipationsschub ausgelöst – so lauteten die Grundannahmen.[10] Für diese Interpretation gab es durchaus Belege, waren doch bereits 1915 etwa neun Millionen Männer eingezogen, die Hälfte von ihnen verheiratet. Der Krieg dauerte länger als gedacht, er forderte mehr als zwei Millionen Tote und Tausende körperlich oder seelisch Verletzte, die nicht mehr erwerbsfähig waren.

Viele Arbeitsplätze von Männern wurden während des Kriegs mit Frauen besetzt, vor allem in der kriegswichtigen Rüstungsindustrie, aber auch in öffentlichen Einrichtungen. Gleichzeitig sank die Zahl der Arbeitsplätze in den Branchen, die traditionell eher Frauen beschäftigten, etwa in der Textilindustrie. Statistisch änderte sich an dem Anteil erwerbstätiger Frauen an der Gesamtbeschäftigtenzahl, der etwa ein Drittel betrug, nicht viel, aber es gab eine strukturelle Verschiebung in Richtung Industrie und Dienstleistung. Diese Entwicklung hatte sich jedoch bereits vor dem Krieg angedeutet und wurde durch die Mobilisierung der Wirtschaft für den Krieg letztlich nur beschleunigt.[11] Insofern wirkte der Krieg mit Blick auf die Ökonomie nicht wie eine Zäsur, sondern eher wie ein Katalysator mittel- bis langfristiger Trends, die sich in den nächsten Jahrzehnten weiter fortsetzten.

Viele Zeitgenossen deuteten jedoch die stärkere Sichtbarkeit von Frauen an außerhäuslichen Arbeitsplätzen und in der Verwaltung, zum Beispiel im expandierenden staatlichen Wohlfahrtswesen, in dem auch viele Frauen Arbeit fanden, als einen Bruch der traditionellen Rollenmuster. Bürgerliche Frauenorganisationen beteiligten sich darüber hinaus umfangreich an der gesellschaftlichen Mobilisierung für den Krieg, sowohl ideologisch als auch ganz praktisch in zahlreichen lokalen ehrenamtlichen Initiativen. Die Vertreterinnen der Frauenbewegung hoben immer wieder die gesellschaftliche Bedeutung all dieser Tätigkeiten für den Krieg hervor, sprachen von "Bewährung" der Frauen an der Heimatfront und erhofften sich dafür Zugeständnisse in Fragen der Gleichstellung, die schon vor dem Krieg artikuliert worden waren: die Zulassung von Frauen zum Wahlrecht sowie eine Berücksichtigung von Fraueninteressen in Rechtsprechung, Politik und Wirtschaft.[12]

Mit dem ersehnten Ende des Kriegs waren Hoffnungen, aber auch Unsicherheiten verbunden. Viele Ehefrauen von Soldaten, insbesondere aus den einkommensschwachen Schichten, litten unter der hohen Arbeitsbelastung im Beruf und in der Familie, die noch durch die schlechte Ernährungslage im Winter 1917 drastisch verschärft wurde. Den Alltag einer Familie zu organisieren, war allein schon harte Arbeit. Unter diesen Bedingungen erschien der Wunsch nur folgerichtig, zur friedlichen Vorkriegszeit und einer klaren geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung zurückzukehren. Auch die staatlichen Behörden gingen selbstverständlich davon aus, dass die wirtschaftliche Demobilmachung, die Rückkehr von Frauen ins Haus und von Männern auf ihre Arbeitsplätze, kein Problem darstellen würden.

Mit der militärischen Niederlage und dem Zusammenbruch des Kaiserreichs im November 1918 intensivierten sich nochmals die Gefühle von Verunsicherung und Unordnung, verstärkt in den politisch unruhigen Zeiten im Frühjahr 1919, sowie eine allgemeine Fassungslosigkeit über die Bedingungen des Versailler Vertrags. Im gleichen Zeitraum ergaben sich aber auch neue Handlungsoptionen für Frauen durch ihre politische Gleichberechtigung und ihre Zulassung zum Wahlrecht – damit wurden Frauen erstmals zu Wählerinnen, auf deren Interessen die politischen Parteien eingehen mussten.

Beispielhaft zeigte sich die schwierige Mischung aus traditionellen Rollenerwartungen, Verunsicherungen über die Zukunft und Handlungsoptionen aufseiten der Frauen an der Frage der Demobilmachung:[13] Gesetzliche Vorschriften des Frauen- und Jugendschutzes, wie zum Beispiel das Verbot der Nachtarbeit, die während des Kriegs gelockert worden waren, wurden bereits im November 1918 wieder eingeführt. Zugleich wurden in Preußen Richtlinien erlassen, mit denen der Übergang in die Friedenszeit geregelt werden sollte. Zuerst sollten alle Frauen entlassen werden, die nicht auf ihre Erwerbstätigkeit angewiesen waren, dann Frauen, die auch in anderen Bereichen Arbeit finden könnten und schließlich unverheiratete Frauen aus anderen Orten. In den 1919 erlassenen, reichsweiten Verordnungen zur Regulierung der wirtschaftlichen Demobilmachung wurden diese Vorschriften zum Umgang mit Arbeiterinnen nicht übernommen, aber festgelegt, dass zuerst alle Arbeiter zu entlassen seien, die nicht von ihrem Einkommen abhängig waren. Die geschlechterneutrale Formulierung verschleierte, dass diese Verordnungen vor allem Frauen meinten. Der Anteil von Frauen an der Industriearbeiterschaft sank direkt nach dem Krieg an vielen Orten auf das Niveau von 1913 oder darunter.

Unterstützt wurden all diese Maßnahmen zusätzlich durch öffentliche Forderungen männlicher Arbeitnehmergruppen, etwa dem Deutschnationalen Handlungsgehilfen-Verband, und zwar auch noch über den Abschluss der Demobilmachung im Sommer 1919 hinaus. Die Idee, dass Ehefrauen kein Arbeitsplatz zustehe, da sie ja versorgt seien, wurde nun auch ohne Bezug zur Kriegswirtschaft weitergetragen. Begriffe wie "Doppelverdiener" tauchten erstmals in diesen Debatten auf und wurden in der Wirtschaftskrise Ende der 1920er Jahre erneut gegen berufstätige verheiratete Frauen verwendet. Neu war aber auch, dass vonseiten der liberalen und sozialdemokratischen Frauenbewegungen Widerstand gegen diese eindeutige Diskriminierung berufstätiger Frauen formuliert wurde – wenn auch zunächst lediglich dagegen, dass in den örtlichen Demobilmachungskomitees keine Frauen vertreten waren.

Fußnoten

9.
Siehe auch den Beitrag von Dirk Schumann in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
10.
Vgl. Birthe Kundrus, Geschlechterkriege. Der Erste Weltkrieg und die Deutung der Geschlechterverhältnisse in der Weimarer Republik, in: Karen Hagemann/Stefanie Schüler-Springorum (Hrsg.), Heimat-Front. Militär und Geschlechterverhältnisse im Zeitalter der Weltkriege, Frankfurt/M.–New York 2002, S. 171–187.
11.
Vgl. Frevert (Anm. 5), S. 150–155; Boak (Anm. 6), S. 137–164.
12.
Angelika Schaser, Frauenbewegung in Deutschland 1848–1933, Darmstadt 2006.
13.
Vgl. dazu und im Folgenden Susanne Rouette, Sozialpolitik als Geschlechterpolitik. Die Regulierung der Frauenarbeit nach dem Ersten Weltkrieg, Frankfurt/M. 1993, S. 92–170.
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