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Modell des Weimarer Theaterplatzes am 21. August 1919 nach der Vereidigung des Reichspräsidenten Friedrich Ebert in der Ausstellung „Demokratie aus Weimar. Die Nationalversammlung 1919“ im Weimarer Stadtmuseum.

27.4.2018 | Von:
Kirsten Heinsohn

"Grundsätzlich" gleichberechtigt. Die Weimarer Republik in frauenhistorischer Perspektive

Frauen als Wählerinnen

Frauen als Wählerinnen sowie als Abgeordnete in Parlamenten waren ein Novum in der Weimarer Republik – und entsprechend hoch waren die Erwartungen. Der Rat der Volksbeauftragten hatte am 12. November 1918 das allgemeine, gleiche, direkte und geheime Wahlrecht für beide Geschlechter für alle zu wählenden öffentlichen Körperschaften verkündet. Bei der Wahl zur Nationalversammlung am 19. Januar 1919 lag die Beteiligung mit über achtzig Prozent sehr hoch; ähnliche Ergebnisse zeigten sich in den Wahlen zu regionalen und lokalen Parlamenten.

Das Wahlrecht war gegenüber dem Kaiserreich dreifach verändert worden: Das Wahlalter war gesenkt worden, erwachsene Frauen durften wählen, und es gab ein Verhältniswahlrecht. Trotz dieser Neuerungen blieben die Ergebnisse der einzelnen Parteilager zu Beginn der 1920er Jahre erstaunlich stabil: Wie schon im letzten Reichstag vor dem Krieg stellten die Sozialdemokraten die stärkste Fraktion, die Linksliberalen konnten ihre Stimmzahl deutlich erhöhen, die Rechtsliberalen verloren etwas, und auch der Anteil des katholischen Zentrums änderte sich nur unwesentlich. Die Konservativen verloren dagegen nicht so stark wie befürchtet; im Gegenteil konnte die neue Deutschnationale Volkspartei ihren Stimmenanteil bis 1928 weiter ausbauen.

Paradoxerweise konnte die SPD nicht nachhaltig vom Frauenstimmrecht profitieren, obwohl sie die einzige Partei war, die diese Forderung schon seit 1891 im Parteiprogramm führte. In einigen Wahlkreisen wurden in den 1920er Jahren die abgegebenen Stimmen getrennt nach Geschlechtern ausgezählt, und dabei zeigte sich ein spezifisches Stimmverhalten von Frauen: Diese wählten im Vergleich zu Männern weniger radikal und stärker religiös beziehungsweise konservativ.[14] Dieses Muster blieb bis zum Ende der Republik erhalten; erst 1932 gelang es den Nationalsozialisten, ihren Stimmenanteil bei den Frauen zu erhöhen.

Der erwartete Linksrutsch durch das Frauenwahlrecht blieb also aus, sodass sich auch die konservativen Kräfte, aus deren Sicht das Frauenstimmrecht sogar einer der zentralen Fehler der demokratischen Kräfte im Übergang zur Republik gewesen war, mit den neuen Rechten für Frauen arrangieren konnten.[15] Aber auch die Einschätzung, Frauen hätten Hitler an die Macht gebracht, lässt sich aus dem Wahlmuster nicht ableiten – im Gegenteil erhielt die NSDAP auch in den entscheidenden Wahlen Anfang der 1930er Jahre sehr viel mehr Stimmen von Männern als von Frauen. Sowohl die KPD als auch die NSDAP waren vom Charakter her eher Männer- als Frauenparteien, wenn auch die Kommunisten eine ganz andere Frauenpolitik propagierte als die Nationalsozialisten.[16]

Fußnoten

14.
Vgl. Boak (Anm. 6), S. 76–82.
15.
Vgl. Walter Graef, Der Werdegang der Deutschnationalen Volkspartei 1918–1928, in: Max Weiß (Hrsg.), Der nationale Wille, Berlin 1928, S. 20.
16.
Vgl. Klaus-Michael Mallmann, Kommunisten in der Weimarer Republik. Sozialgeschichte einer revolutionären Bewegung, Darmstadt 2012, S. 131–141; Hans-Jürgen Arendt/Sabine Hering/Leonie Wagner, Nationalsozialistische Frauenpolitik vor 1933. Dokumentation, Frankfurt/M. 1995.
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