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Modell des Weimarer Theaterplatzes am 21. August 1919 nach der Vereidigung des Reichspräsidenten Friedrich Ebert in der Ausstellung „Demokratie aus Weimar. Die Nationalversammlung 1919“ im Weimarer Stadtmuseum.

27.4.2018 | Von:
Kirsten Heinsohn

"Grundsätzlich" gleichberechtigt. Die Weimarer Republik in frauenhistorischer Perspektive

Sonderrolle in der Politik

Dank des Frauenwahlrechts mussten Frauen von den Parteien als Wählergruppe und als potenzielle Mitglieder adressiert werden. Alle Parteien reagierten darauf mit einer geschlechtsspezifischen Propaganda, in der Frauen die Aufgabe zugesprochen wurde, ihre Stimmen nicht für partikulare Interessen, sondern wahlweise für die des Volkes (Konservative und Liberale) oder für den Frieden und die Gemeinschaft der Werktätigen (Linke) abzugeben.[17]

Auch innerhalb der Parteien wurden Frauen gesondert organisiert, in der Hoffnung, auf diese Weise erfolgreich weibliche Mitglieder gewinnen zu können.[18] Traditionelle Strukturen der Parteien, etwa in der SPD, wurden um "Frauensekretärinnen" ergänzt, doch löste diese Ergänzung nicht das Problem, dass die traditionelle Wahl- und Mitgliederwerbung der Partei, die über den Betrieb lief, für die Agitation von Frauen wenig vorteilhaft war. Auch im sozialdemokratischen Milieu galt die Erwerbstätigkeit der Frau eher als Übergangsphase zur Familiengründung, die zudem aufgrund der Mehrfachbelastungen nur wenig Zeit für politische Abende gestattete.[19]

Diese Strukturen hatten ambivalente Folgen: Einerseits erhielten Frauen nach 1918 erstmals in allen politischen Parteien eine anerkannte Vertretung. Andererseits etablierte sich dadurch eine Art "Ghettoisierung" der weiblichen Mitglieder und damit ihre permanente Sonderrolle. Zugleich wurden parteiübergreifend die Themen, die in den separaten Frauengruppen behandelt wurden, nur zu Wahlkampfzwecken eingesetzt. Von einer intensiven Auseinandersetzung der Parteien mit Fragen der Umsetzung des Gleichheitsgrundsatzes der Weimarer Verfassung, der Reform weiblicher Arbeitsverhältnisse oder der Ehe- und Familiengesetzgebung kann keine Rede sein.

Die geschlechtsbezogene Organisationsstruktur der Parteien wurde sogar noch durch eine inhaltliche Arbeitsteilung unterstützt. In der Weimarer Republik bildete sich nämlich ein langfristig wirkendes Muster aus: Das Soziale, die Sittlichkeit, die Mädchen- und Frauenbildung waren die zentralen Inhalte der frauenpolitischen Parteiarbeit. Dies war auch eine Folge der Personalpolitik, denn alle Parteien nahmen bekannte Vertreterinnen aus den unterschiedlichen Frauenbewegungen auf ihre Wahllisten, um überhaupt professionelle Kandidatinnen präsentieren zu können. Für die neuen weiblichen Abgeordneten in Stadt und Land war diese Berufung wiederum eine wichtige Erweiterung ihrer Handlungsmöglichkeiten; sie erhofften sich, dass viele ihrer Anliegen aus dem Kaiserreich nun durch fleißige Mitarbeit in Parteien und Parlament endlich Gehör finden würden. Wohlfahrt und Jugendarbeit, aber auch der Schutz von Sittlichkeit sowie "berufsständische" Fragen, etwa für Arbeiterinnen aber auch Hausfrauen, zählten zu den zentralen Themen der parlamentarischen Frauenarbeit.[20]

Alle Frauenpolitikerinnen versuchten, ihre Themen in parlamentarische Beratungen einzubringen, doch blieben sie dabei weitgehend auf sich allein oder die anderen weiblichen Abgeordneten gestellt. Die Relevanzhierarchie in allen Parteien war nämlich sehr eindeutig: Die Themen der Frauenausschüsse galten als "weiblich", und sie waren damit tendenziell gegenüber den harten, "männlichen" Themen wie Außen- oder Wirtschaftspolitik abgewertet. Mit der Zulassung von Frauen zu politischen Vereinen (in Preußen 1908) sowie der Einführung des Frauenstimmrechts 1918 hatten sich damit allgemeine Strukturmerkmale der politischen Partizipation von Frauen in Parteien ausgebildet, die erst in den 1980er Jahren verändert werden sollten.[21]

Sehr viele Politikerinnen äußerten sich bereits ab 1924 enttäuscht über die geringe Reichweite ihrer Stimmen und ihrer Anliegen. Manche wandten sich von den Parteien ab und schlugen als Alternativen "Frauenlisten" vor. Auch sank die Anzahl der weiblichen Abgeordneten absolut wie relativ seit der ersten Wahl zur Nationalversammlung und pendelte sich bei rund sieben Prozent ein. Im weiteren Verlauf der Republik, vor allem in ihrer dramatischen Endphase, setzte eine erneute Maskulinisierung von Politik und Parteien ein, sodass immer weniger Frauen in den Führungsgremien vertreten waren. Die generelle Entwertung der Parteien als Organisatoren gesellschaftlicher Konsensfindung im parlamentarischen Raum ab 1930 korrespondierte mit der zunehmenden Ausgrenzung von Frauen und ihren Themen aus den politischen Debatten. Die letzte Krise der Weimarer Republik äußerte sich daher auch als Rollback gegenüber der Geschlechterdemokratie.

Der radikale und brutale Aufbau des nationalsozialistischen Regimes ab 1933 führte zu einem Bruch in der kurzen Geschichte der weiblichen Partizipation an Politik. Ab Ende 1933 war nur noch die NSDAP als Staatspartei zugelassen, und diese ließ sich grundsätzlich nicht durch Frauen politisch repräsentieren.[22] Allen Frauen wurde damit zugleich das passive Wahlrecht entzogen – diese Maßnahme brachte die Maskulinisierung der Politik auf ihren symbolischen Höhepunkt und den 1908 und 1918 begonnenen Aufbruch von Frauen in die Parteipolitik zu einem vorläufigen Ende.

Fußnoten

17.
Vgl. Julia Sneeringer, Winning Women’s Votes. Propaganda and Politics in Weimar Germany, Chapel Hill 2002.
18.
Vgl. zusammenfassend dazu Boak (Anm. 6), S. 82–88.
19.
Vgl. Karen Hagemann, Frauenalltag und Männerpolitik. Alltagsleben und gesellschaftliches Handeln von Arbeiterfrauen in der Weimarer Republik, Bonn 1990, S. 552–583.
20.
Vgl. Heide-Marie Lauterer, Parlamentarierinnen in Deutschland 1918/19–1949, Königstein/Ts. 2002, S. 120–151.
21.
Vgl. Heinsohn (Anm. 3).
22.
Vgl. Arendt/Hering/Wagner (Anm. 16), S. 85.
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