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Modell des Weimarer Theaterplatzes am 21. August 1919 nach der Vereidigung des Reichspräsidenten Friedrich Ebert in der Ausstellung „Demokratie aus Weimar. Die Nationalversammlung 1919“ im Weimarer Stadtmuseum.

27.4.2018 | Von:
Philipp Stiasny

Ein Freund, ein guter Freund, das wär das Schönste, was es gibt auf der Welt. Jüdisches Filmschaffen in der Weimarer Republik

Moderner Rassenantisemitismus

In der Geschichte der Juden in Deutschland markiert der Erste Weltkrieg einen tiefen Einschnitt. Bis dahin war diese Geschichte von der Mitte des 19. Jahrhunderts an "im Wesentlichen eine Erfolgsgeschichte", stellt der Historiker Reinhard Rürup fest. Sie bedeutete "einen der spektakulärsten Sprünge einer Minderheit in die Gesellschaftsgeschichte Europas".[7] Während des Ersten Weltkriegs nehmen antisemitische Polemiken dagegen stark zu, auch im Zusammenhang mit der kriegsbedingten Flucht osteuropäischer Juden nach Westen. In der Öffentlichkeit der Kriegs- und Nachkriegsjahre wird die Zahl dieser sogenannten Ostjuden stark übertrieben, wohl auch, weil sie als "Vertreter einer orthodoxen Ghettokultur an Kleidung und Sprache oft äußerlich erkennbar" sind.[8] In der Folge von Kriegsniederlage, Revolution, Republikgründung und Ende der Monarchie ergießt sich eine "antisemitische Sturmflut" aus Millionen von Flugblättern, Handzetteln und Broschüren über Deutschland.[9]

Die antisemitische Bewegung vollzieht in dieser Zeit den Wandel von einer religiös, wirtschaftlich und sozial motivierten Judenfeindschaft hin zu einer wissenschaftlich aufgemachten Rassenideologie, dem "modernen Rassenantisemitismus". Völkische und antisemitische Gruppen, Vereine und Verbände verzeichnen einen starken Zulauf. Zum Antisemitismus des geschriebenen oder bei Versammlungen gesprochenen Wortes kommt nun ein Antisemitismus der Aktion in Form von Kampagnen und Angriffen auf jüdische Personen und Einrichtungen hinzu.

Im Zentrum des antisemitischen Diskurses steht damals das Stereotyp des "Ostjuden". Dieser galt dem Historiker Moshe Zimmermann zufolge als "das genaue Gegenteil des deutschen bzw. des assimilierten Juden: faul und unproduktiv, verschmutzt und Krankheitsüberträger, Verbrecher von Geburt an, Asiat und Revolutionär".[10] Die Politik reagiert in der "Ostjudenfrage" mit der Forderung nach Einwanderungsverboten und Ausweisungen, was sich auch gegen die jüdischen Pogromflüchtlinge aus Russland und der Ukraine richtet.[11] In mehreren deutschen Städten ereignen sich in den Nachkriegsjahren gewalttätige Ausschreitungen und Übergriffe gegen "Ostjuden".[12] Unter den liberal-bürgerlichen, orthodoxen und zionistischen deutschen Juden rufen diese Ereignisse und Entwicklungen unterschiedliche Reaktionen hervor: Sie reichen von der deutlichen Distanzierung alteingesessener deutscher Juden von den "Ostjuden", in deren Einwanderung die Ursache für den zunehmenden Antisemitismus gesehen wird, über die Aufforderung zur Assimilation oder Akkulturation bis hin zur Verklärung eines "authentischen Judentums".

Fußnoten

7.
Reinhard Rürup, Jüdische Geschichte in Deutschland. Von der Emanzipation bis zur nationalsozialistischen Gewaltherrschaft, in: Dirk Blasius/Dan Diner (Hrsg.), Zerbrochene Geschichte. Leben und Selbstverständnis der Juden in Deutschland, Frankfurt/M. 1991, S. 79–102, hier S. 95.
8.
Werner Bergmann, Geschichte des Antisemitismus, München 2002, S. 76. Ich beziehe mich im Folgenden v.a. auf die Ausführungen von Bergmann sowie auf Moshe Zimmermann, Die deutschen Juden 1914–1945, München 1997.
9.
Bergmann (Anm. 8), S. 74.
10.
Zimmermann (Anm. 8), S. 23. Zum Stereotyp des "Ostjuden" vgl. auch Ludger Heid, Der Ostjude, in: Julius H. Schoeps/Joachim Schlör (Hrsg.), Antisemitismus. Vorurteile und Mythen, München–Zürich 1995, S. 241–251.
11.
Zur Transitwanderung osteuropäischer Juden und den Pogromflüchtlingen vgl. Jochen Oltmer, Migration und Politik in der Weimarer Republik, Göttingen 2005, S. 219–261.
12.
Vgl. Dirk Walter, Antisemitische Kriminalität und Gewalt. Judenfeindschaft in der Weimarer Republik, Bonn 1999; Cornelia Hecht, Deutsche Juden und Antisemitismus in der Weimarer Republik, Bonn 2003.
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Autor: Philipp Stiasny für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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