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Modell des Weimarer Theaterplatzes am 21. August 1919 nach der Vereidigung des Reichspräsidenten Friedrich Ebert in der Ausstellung „Demokratie aus Weimar. Die Nationalversammlung 1919“ im Weimarer Stadtmuseum.

27.4.2018 | Von:
Philipp Stiasny

Ein Freund, ein guter Freund, das wär das Schönste, was es gibt auf der Welt. Jüdisches Filmschaffen in der Weimarer Republik

Aufklärungsarbeit im Kino

Den antisemitischen Anfeindungen begegnen jüdische Verbände, Gemeinden und Einzelpersonen auf vielfältige Weise.[13] Während die meisten nichtjüdischen Deutschen im Antisemitismus primär das nicht so ernst zu nehmende Problem einer Randgruppe sehen, beteiligen sich jüdische Filmschaffende aktiv am Kampf gegen den Antisemitismus und tragen ihn auch ins Kino.

Exemplarisch steht dafür der Regisseur und Produzent Richard Oswald, der 1920 ein Filmprojekt mit dem Titel "Antisemiten" ankündigt. "Der Antisemitismus ist – vielleicht im höheren Maße als Kapitalismus oder Kommunismus – das Problem des Tages und der Stunde, die Frage, die dringlichst der Lösung bedarf", teilt er mit.[14] Oswald hatte zu diesem Zeitpunkt bereits eigene Erfahrungen mit einer antisemitischen Kampagne gemacht: Sein Spielfilm "Anders als die Andern" von 1919, der für Toleranz gegenüber Homosexuellen eintrat, hatte mit diesem Tabubruch ungeheures Aufsehen erregt und war von konservativen und völkischen Gruppen aufs Heftigste bekämpft worden. Mit Hinweis auf die jüdische Abstammung Oswalds und seines wissenschaftlichen Beraters Magnus Hirschfeld warfen sie dem Film eine "jüdisch-homosexuelle ‚Kontamination‘ von Volk und Rasse" vor.[15] Der Skandal um "Anders als die Andern" ist Ausdruck eines aggressiven Antisemitismus, der in die Öffentlichkeit drängt und um Zustimmung buhlt.

Bei seinem Film gegen den Antisemitismus will Oswald mit Persönlichkeiten aus allen politischen Lagern und "Geistesrichtungen" zusammenarbeiten und "objektiv und mit gelassener Kühle" vorgehen. "Das Auswärtige Amt interessiert sich nach seinen Angaben sehr lebhaft für seinen Plan. Eine Kulturaufgabe, eine Aufklärungsarbeit von größtem Format ist in Angriff genommen worden. Wird sie geleistet werden können?"[16]

Die Frage ist schnell beantwortet: Zumindest aus dem geplanten Problem- oder Aufklärungsfilm "Antisemiten" wird nichts. Zwar spricht Oswald tatsächlich bei Vertretern der Regierung vor und wirbt für seine Idee eines Films, der versöhnen und dabei "keineswegs die Juden verherrlichen" wolle. Das Auswärtige Amt ist aber nicht interessiert. Im Gegenteil: Oswald bekommt den dringlichen Rat, sein Vorhaben nicht weiter zu verfolgen.[17] An diesen Rat hält er sich.

Die Beschäftigung mit jüdischen Sujets und dem Antisemitismus zieht sich trotzdem wie ein roter Faden durch sein Werk: Sie manifestiert sich etwa 1915 in "Der Schlemihl", angesiedelt im jüdischen Galizien und mit dem jüdischen Bühnenstar Rudolf Schildkraut in der Hauptrolle, 1918 in der Verfilmung der jüdischen Familiengeschichte "Jettchen Gebert" von Georg Hermann und 1927 in einem auffallenden Nebenstrang von "Dr. Bessels Verwandlung", in dem die Diskriminierung von emigrierten osteuropäischen Juden kritisiert wird und der nichtjüdische Held seine Solidarität mit den Verfolgten bekennt. Am deutlichsten nimmt Oswald 1930 in seinem Spielfilm "Dreyfus" Stellung, der die antisemitisch motivierte Dreyfus-Affäre in Frankreich beleuchtet und im September 1930, als "Zwei Welten" herauskommt, schon seit Wochen mit großem Erfolg in den Kinos läuft.[18]

Mag Oswalds gescheitertes Filmprojekt "Antisemiten" auch symptomatisch für das Desinteresse einer Behörde sein, so entstehen in den frühen 1920er Jahren doch eine Reihe von Filmen mit jüdischen Sujets, die dem Judenhass entgegentreten. Oswalds Forderung nach "Aufklärungsarbeit größten Stiles" hallt in diesen Werken nach, zu denen auch "Zwei Welten" zählt.

Fußnoten

13.
Zum Abwehrkampf gegen den Antisemitismus vgl. Zimmermann (Anm. 8), S. 44ff.
14.
L.F.K. [Lothar Knud Fredrik], Antisemiten – das Problem der Stunde. Ein neues Wagnis Richard Oswalds, in: Film-Kurier, 7.8.1920. Dort auch die folgenden Zitate.
15.
Kai Nowak, Projektionen der Moral. Filmskandale in der Weimarer Republik, Göttingen 2015, S. 115. Ausführlicher dazu James Steakley, "Anders als die Andern". Ein Film und seine Geschichte, Hamburg 2007, S. 76–85.
16.
L.F.K. (Anm. 14).
17.
Zu Oswalds Versuch, Behördenvertreter für seinen Plan zu gewinnen, vgl. die Akten der Filmstelle des Auswärtigen Amtes von August 1920, Bundesarchiv Berlin, R 901/72192, Blatt 1–5.
18.
Zu Oswald vgl. Jürgen Kasten/Armin Loacker (Hrsg.), Richard Oswald. Kino zwischen Spektakel, Aufklärung und Unterhaltung, Wien 2005. Zu "Dr. Bessels Verwandlung" vgl. auch Philipp Stiasny, "Überall das gleiche, wie bei uns". Der deutsch-französische Doppelgänger in "Dr. Bessels Verwandlung" (1927) und die Figur des Heimkehrers im Weimarer Kino, in: Zeitschrift für Germanistik 3/2014, S. 582–596.
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Autor: Philipp Stiasny für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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