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Modell des Weimarer Theaterplatzes am 21. August 1919 nach der Vereidigung des Reichspräsidenten Friedrich Ebert in der Ausstellung „Demokratie aus Weimar. Die Nationalversammlung 1919“ im Weimarer Stadtmuseum.

27.4.2018 | Von:
Philipp Stiasny

Ein Freund, ein guter Freund, das wär das Schönste, was es gibt auf der Welt. Jüdisches Filmschaffen in der Weimarer Republik

Von "Pogrom" (1919) zu "Zwei Welten" (1930)

Bereits 1919 kommen drei groß angelegte, heute verschollene Produktionen über das Leben jener "Ostjuden" ins Kino, die im Fokus der antisemitischen Agitation stehen. Sie handeln von Juden im rückständigen Zarenreich der Vorkriegszeit, ihrer gesellschaftlichen Diskriminierung und dem Leben im Ghetto, dem folgenschweren Verdacht jüdischer Ritualmorde und antijüdischen Pogromen.[19] Erhalten ist nur der thematisch verwandte Film "Die Gezeichneten" von Carl Theodor Dreyer von 1922, der eindrücklich Zeugnis abgibt von der Entstehung eines Pogroms: Geschildert wird die von wirtschaftlichen Eigeninteressen motivierte Aufwiegelung zum Judenhass, die im Verlauf des Films zu Mord, Totschlag und Vertreibung führt.[20]

Verschollen sind mehrere Filme aus der unmittelbaren Nachkriegszeit, die jüdische Sujets in der Zeit des Altertums behandeln.[21] Heute noch bekannt ist aus diesem Zeitraum vor allem "Der Golem, wie er in die Welt kam" (1920), die Legende vom Rabbi Loew, der die Juden von Prag mithilfe eines künstlichen Wesens, das mit übermenschlicher Kraft ausgestattet ist, vor der Ausweisung aus der Stadt bewahrt.[22]

In deutschen Kinos laufen ab Mitte der 1920er Jahre auch amerikanische Spielfilme aus dem Milieu jüdischer Emigranten aus Osteuropa, darunter "His People" (1925) und "The Jazz Singer" (1927) mit dem immens populären jüdischen Entertainer Al Jolson.[23] Außerdem produzieren jüdische Organisationen dokumentarische Filme, die Auskunft geben über die jüdische Wohlfahrtspflege und die Aufbauarbeit in Palästina.[24]

Wer über das Unrecht, das Juden zugefügt wurde, aufklärt und informiert, wer um Verständnis und Sympathie wirbt, muss im ideologisch vergifteten Klima der Weimarer Republik mit heftiger Gegenwehr rechnen. So zetteln die Nationalsozialisten in München 1922/23 wegen der Verfilmung von "Nathan der Weise" durch den jüdischen Regisseur Manfred Noa einen Skandal an und setzen durch, dass der Film in München nicht im Kino zu sehen ist.[25] Hatte die antisemitische Polemik bei "Anders als die Andern" auf jüdische Beteiligte wie Oswald und Hirschfeld gezielt, so steht "Nathan der Weise" vor allem wegen seines Eintretens für religiöse Toleranz am Pranger. Für die Nationalsozialisten ist dieses Anliegen eine Provokation: Sie geben sich als Opfer eines philosemitischen Komplotts aus. Gezielter und angekündigter antisemitischer Radau wird danach wiederholt eingesetzt, um das Verbot eines Films oder seine Streichung vom Spielplan zu erreichen.[26]

Eine gewisse Sonderstellung nimmt Ewald André Duponts Film "Das alte Gesetz" von 1923 ein, weil hier ein jüdischer Protagonist auftritt, der selbstbewusst, beharrlich und begehrenswert ist. Er wird weder verfolgt noch diskriminiert. "Das alte Gesetz" erzählt vielmehr eine Erfolgsgeschichte: eine Geschichte der gesellschaftlichen Anerkennung. Sie ist angesiedelt im Österreich des 19. Jahrhunderts, wo ein junger Jude gegen den Widerstand seines Vaters das Schtetl in Galizien verlässt und sich als Schauspieler am Wiener Burgtheater einen Namen macht. Der Film dreht sich um die konfliktreiche und leidvolle Beziehung zwischen Herkunft und Familie, Assimilation und Suche nach Identität.[27]

Während "Das alte Gesetz" im November 1923 auf dem Höhepunkt der Inflation in den Kinos läuft, putscht Hitler in München gegen die Republik. In Berlin ereignet sich ein "Judenpogrom". Die "Jüdische Rundschau" spricht danach von der "Schicksalsstunde des deutschen Judentums" und mahnt: "Das deutsche Judentum muß heute verstehen, daß nur wir Juden uns selbst helfen können. Werden wir uns nicht helfen, wird uns niemand helfen."[28] Als der Film ein paar Monate später auch in Wien herauskommt, schreibt die jüdische "Wiener Morgenzeitung" voller Anerkennung, dass "jüdische Filme" oder "Filme, welche die althergebrachten Sitten und Gebräuche der Juden oder judophile Tendenzen zeigen", jetzt in "Mode" seien. Besonders gelobt wird, dass "die projüdischen Tendenzen (…) so manchem Nichtjuden, der angesichts der Verhetzungen politischer und religiöser Natur nach Erkenntnis der Wahrheit strebt, die Augen geöffnet [haben] über Dinge, die er früher nie begriffen oder die ihn das Judentum falsch beurteilen ließen". Verbunden wird damit die Hoffnung, gute "jüdische Filme" wie "Das alte Gesetz" seien mehr als nur eine "Mode"; sie sollten im "Kinorepertoire aller zivilisierten Länder (…) viele gute Dienste im Sinne der allgemeinen Volksaufklärung leisten".[29]

Als Dupont mit "Zwei Welten" 1930 erneut einen Film mit jüdischem Stoff herausbringt, erreicht die antisemitische Agitation gerade einen neuen Höhepunkt. In dem Film besiegt ein österreichischer Offizier – wie in einem Entwicklungsroman – mitten im Weltkrieg seine Arroganz und Vorurteile gegen die Juden und ist schließlich sogar bereit, der Liebe zu einer Jüdin seine militärische Laufbahn zu opfern. Doch der orthodoxe Vater der Frau und auch der aus der Aristokratie stammende Vater des Mannes hintertreiben diese Beziehung: Die Väter stehen für die im Titel aufgerufene Vorstellung von zwei getrennten, sich unversöhnlich gegenüberstehenden Welten, bei deren Überwindung die junge Generation tragisch scheitert. So resignativ der Film endet, beschreibt er doch eine von romantischen und humanistischen Motiven getragene Liebesgeschichte zwischen Juden und Österreichern, die bei allem Anachronismus als Parabel in die Gegenwart von 1930 ausstrahlen soll.

In der Presse bekommt "Zwei Welten" nach der Premiere fast durchweg schlechte Kritiken. Bemängelt werden eine klischeehafte Darstellung der Figuren und Milieus und eine Neigung zu Kitsch und falscher melodramatischer Zuspitzung; die "Jüdisch-liberale Zeitung" spricht von einem "demagogischen Experiment, das in der heutigen Zeit unangebrachter denn je" sei, und wirft dem Film vor, "das alte Märchen von der Unvereinbarkeit der beiden Rassen wieder auf[zuwärmen]".[30]

Trotz seiner Unzulänglichkeiten ist "Zwei Welten" ein Film gegen den Antisemitismus und reiht sich ein in den Kampf gegen den Nationalsozialismus. In Thüringen wird der Film denn auch vom dortigen Innenminister, dem NSDAP-Funktionär Wilhelm Frick, verboten; die Film-Prüfstelle gibt seinem Antrag, die Zulassung von "Zwei Welten" in ganz Deutschland zu widerrufen, allerdings nicht statt. Frick hatte argumentiert, "Zwei Welten" sei ein "Hetzfilm", weil er die mit den Deutschen verbündeten österreichischen Offiziere schlecht mache und den Eindruck erwecke, "die Juden seien gegenüber den Offizieren die besseren Menschen".[31] Im Fall von "Zwei Welten" können sich die Nationalsozialisten nicht durchsetzen.

Dies gelingt ihnen aber wenig später im Dezember 1930: Anlässlich der Berliner Aufführung von "All Quiet on the Western Front", der amerikanischen Verfilmung von Erich Maria Remarques Antikriegsroman "Im Westen nichts Neues", inszenieren sie erneut einen Skandal und tragen diesen aus dem Kinosaal hinaus auf die Straße. Der Film dient als Vorwand, um den ihnen verhassten demokratischen Staat anzugreifen und ihre Macht lauthals und gewalttätig zu demonstrieren. Am Ende wird der angeblich antideutsche Film verboten. "Damit hat die nationalsozialistische Bewegung den Kampf gegen dieses jüdische Sudelwerk auf der ganzen Linie gewonnen", triumphiert der Drahtzieher Joseph Goebbels.[32]

Fußnoten

19.
Vgl. "Die Geächteten" (Der Ritualmord) (D 1919, Regie: Joseph Delmont), "Pogrom" (D 1919, Regie: Alfred Halm unter seinem Pseudonym H. Fredall), "Der gelbe Tod" (D 1919, Regie: Carl Wilhelm). Vgl. dazu die zeitgenössischen Rezensionen in Stratenwerth/Simon (Anm. 3), S. 234–237. Zum Ritualmord-Motiv vgl. auch "Kaddisch" (D 1924, Regie: A.E. Licho).
20.
Vgl. Prawer (Anm. 3), S. 29–33. Der Film wurde vom Danish Film Institute in Kopenhagen restauriert und liegt auf DVD vor.
21.
Vgl. "Das Buch Esther" (D 1919, Regie: Uwe Jens Krafft, Ernst Reicher), "Gerechtigkeit" (D 1920, Regie: Stefan Lux), "Jeremias" (D 1922, Regie: Eugen Illés).
22.
Ob Wegeners Golem-Film, der in restaurierter Form auf DVD vorliegt, antisemitische Stereotype bestätigt oder Partei für die Verfolgten ergreift, ist umstritten. Vgl. etwa Noah Isenberg, Of Monsters and Magicians: Paul Wegener’s "The Golem: How He Came into the World" (1920), in: ders. (Hrsg.), Weimar Cinema. An Essential Guide to Classic Films of the Era, New York 2009, S. 33–54; Nicholas Baer, Messianic Musclemen. "Homunculus" (1916) and "Der Golem" (1920) as Zionist Allegories, in: Martin Blumenthal-Barby (Hrsg.), The Place of Politics in German Film, Bielefeld 2014, S. 35–52; Maya Barzilai, Golem. Modern Wars and Their Monsters, New York 2016, S. 45–68, S. 87–94.
23.
Vgl. Kerry Wallach, Passing Illusions. Jewish Visibility in Weimar Germany, Ann Arbor 2017, S. 82ff.
24.
Vgl. Ronny Loewy, Bilder vom Aufbau der Jüdischen Heimstätte. Zionistische Propagandafilme, in: Filmblatt 18/2002, S. 12–16; Jeanpaul Goergen/Ronny Loewy, Filme von und über jüdische Organisationen und die jüdische Besiedlung von Palästina, in: ebd., S. 17–23; Wallach (Anm. 23), S. 86ff.
25.
Vgl. Martin Loiperdinger, "Nathan der Weise". Faschistische Filmzensur, Antisemitismus und Gewalt anno 1923, in: Lessing Yearbook, Bd. 14, Göttingen 1982, S. 61–69. "Nathan der Weise" liegt in einer vom Filmmuseum München restaurierten Version auf DVD vor.
26.
Beispielhaft dafür sind die Vorkommnisse bei der deutschen Erstaufführung des österreichischen Films "Die Stadt ohne Juden" (1924). Vgl. Guntram Geser/Armin Loacker (Hrsg.), Die Stadt ohne Juden, Wien 2000. Das Filmarchiv Austria hat "Die Stadt ohne Juden" jüngst neu restauriert.
27.
Vgl. u.a. Prawer (Anm. 3), S. 21–28 und Cynthia Walk, Romeo with Sidelocks: Jewish-Gentile Romance in E.A. Dupont’s "Das alte Gesetz" (1923) and Other Early Weimar Assimilation Films, in: Christian Rogowski (Hrsg.), The Many Faces of Weimar Cinema: Rediscovering Germany’s Filmic Legacy, Rochester 2010, S. 84–101. "Das alte Gesetz" wurde 2017 von der Deutschen Kinemathek restauriert und liegt nun erstmals auch auf DVD vor.
28.
Die Schicksalsstunde des deutschen Judentums, in: Jüdische Rundschau, 9.11.1923.
29.
Felix Brasch, "Das alte Gesetz", in: Wiener Morgenzeitung, 29.2.1924.
30.
Doris Wittner, "Zwei Welten", in: Jüdisch-liberale Zeitung, 25.9.1930.
31.
Zit. nach dem Protokoll der Film-Oberprüfstelle Nr. 952 vom 16.10.1930, http://www.difarchiv.deutsches-filminstitut.de/zengut/df2tb702z.pdf«. Zu "Zwei Welten" siehe auch Prawer (Anm. 3), S. 141–149.
32.
Joseph Goebbels, In die Knie gezwungen, in: Der Angriff, 12.12.1930, abgedruckt bei Bärbel Schrader (Hrsg.), Der Fall Remarque. "Im Westen nichts Neues". Eine Dokumentation, Leipzig 1992, S. 161–165, hier S. 161.
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Autor: Philipp Stiasny für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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