30 Jahre Mauerfall Mehr erfahren
Modell des Weimarer Theaterplatzes am 21. August 1919 nach der Vereidigung des Reichspräsidenten Friedrich Ebert in der Ausstellung „Demokratie aus Weimar. Die Nationalversammlung 1919“ im Weimarer Stadtmuseum.

27.4.2018 | Von:
Philipp Stiasny

Ein Freund, ein guter Freund, das wär das Schönste, was es gibt auf der Welt. Jüdisches Filmschaffen in der Weimarer Republik

"Wenn die ganze Welt zusammenfällt"

"Ein Freund, ein guter Freund, das ist das Schönste, was es gibt auf der Welt." Gleich zu Beginn von "Die Drei von der Tankstelle" schmettern Willy Fritsch, Heinz Rühmann und Oskar Karlweis diesen Schlager und beschwören eine Freundschaft, die alle Krisen überdauert. Mit seinen Stars, Liedern und seiner selbstironischen Mischung aus Krisenkomödie und Musical erweist sich "Die Drei von der Tankstelle" als Idealtyp des Weimarer Kinos insgesamt. Kommerzielle und künstlerische Ansprüche, Genrekino und Avantgarde bilden darin keinen Widerspruch, sondern eine populäre Einheit.

"Die Drei von der Tankstelle" enthält in der Handlung, in den Dialogen, in der Ausstattung allenfalls versteckte Hinweise auf die Präsenz von Juden in Deutschland. Kurt, einer der drei Freunde, bezeichnet einmal einen geizigen Kunden als "Nebbich". Dieser jüdische Ausdruck könnte auf Kurts nie thematisierte jüdische Herkunft hindeuten.[33] Ohne Zweifel waren die Filmemacher Vorurteilen, Belästigungen und Anfeindungen gegen Juden oft genug begegnet – und sei es in der Presse. Da sie aber keinen Aufklärungsfilm, sondern einen leichten Unterhaltungsfilm drehten, dürfte es ihnen ratsam erschienen sein, auf eine weitergehende Charakterisierung von Figuren als Juden zu verzichten.[34] Zur gleichen Zeit muss es für sie immer schwieriger, wenn nicht unmöglich gewesen sein, die allgemeine Situation der Juden und die eigene Situation als jüdische Filmschaffende auszublenden.

Als die neue nationalsozialistische Regierung den Juden 1933 die Arbeit in der Filmbranche verbietet, geht ein Großteil von ihnen ins Exil, unter ihnen die Schöpfer von "Die Drei von der Tankstelle", Pommer, Schulz, Thiele, Heymann und Gilbert, ebenso der Cutter Viktor Gertler und der mit einer Jüdin verheiratete Kameramann Franz Planer. Von den ungefähr 10.000 Beschäftigten der deutschen Filmindustrie wurden 2.000 von den Nationalsozialisten vertrieben; die meisten davon waren Juden. Auch die deutsche Filmkarriere von Oskar Karlweis, der den Kurt spielt und so wunderbar mit Lilian Harvey tanzt und steppt und einmal "Nebbich" sagt, ist 1933 schlagartig beendet, weil er Jude ist. Karlweis überlebt den Holocaust im amerikanischen Exil. Kurt Gerron, der Darsteller des – jüdischen – Rechtsanwalts der drei Freunde, wird dagegen von den Schergen der Nationalsozialisten 1943 in Holland aufgespürt und 1944 in Auschwitz ermordet.

Während "Zwei Welten" schon mit der Wahl des jüdischen Stoffs eine auch politisch zu verstehende Aussage trifft, geht "Die Drei von der Tankstelle" einen anderen Weg. Just in dem Moment, als die Nationalsozialisten zur zweitstärksten Kraft im Reichstag werden, inszeniert "Die Drei von der Tankstelle" eine ganz eigene Utopie – und sei es auch nur auf hintergründige Art und Weise als Flaschenpost: Wenn es möglich ist, dass im beliebtesten Film des Jahres ganz nonchalant und nebenbei auf die jüdische Herkunft einer Figur angespielt werden kann, die obendrein von einem Juden gespielt wird, so heißt das doch nichts anderes, als dass es für die Freundschaft überhaupt keine Rolle spielt, ob einer Jude ist oder nicht. Die jüdische Figur, wenn man sie so nennen will, wird nicht irgendwie "anders" inszeniert, etwa als Außenseiter oder Mitglied einer Minderheit. Kurt ist gesellschaftlich emanzipiert und vollkommen integriert. In Anlehnung an Überlegungen von Kerry Wallach zum soziologischen Phänomen des "Passing" könnte man sagen, dass der Jude Kurt, gespielt vom Juden Oskar Karlweis, im Film als Nichtjude "durchgeht" und er anstelle einer jüdischen Identität seine Identität als verliebter Junggeselle auslebt oder – im Sinne einer "Performance" – aufführt; als Junggeselle ist er Teil eines Trios von Lebemännern, die in ihrem ganzen Auftreten die weltoffene Liberalität, die Kultiviertheit und den Hedonismus Berlins und der Weimarer Kultur in den "Roaring Twenties" verkörpern.[35]

Mit "Zwei Welten" steht auf der anderen Seite ein Film, der genau das Gegenteil vor Augen führt: Er präsentiert eine von Krieg und Gewalt bedrohte jüdische Minderheit, die von Patriarchen mit überkommenen Wertvorstellungen und Rollenbildern beherrscht wird, deren Angehörige schon aufgrund von Kleidung, Sprache und Habitus "anders" erscheinen und die im Grunde passiv bleibende Opfer ständiger Gewalterfahrungen sind.

Die Frage, ob und wo es zwischen religiöser und kultureller Abgrenzung, nationaler Eigenständigkeit (wie von den Zionisten postuliert) und Integration in eine mehrheitlich nichtjüdische Gesellschaft einen Freiraum für eine jüdische Identität in der Moderne geben könnte, beantworten "Zwei Welten" und "Die Drei von der Tankstelle" mit je eigenen Geschichten. Beide Filme erzählen von Liebe und Freundschaft, der eine beschwörend im Angesicht des Scheiterns, der andere voller hintergründigem Witz. "Ein Freund bleibt immer Freund, auch wenn die ganze Welt zusammenfällt", heißt es im Lied. Während die Deutschen die Stehaufmännchen von der Tankstelle immer weiterliebten, blieb der gesungene Wunsch des einen, nicht alleingelassen zu werden, unerhört.

Für Hinweise und Korrekturen danke ich sehr herzlich Christian Rogowski (Amherst College).

Fußnoten

33.
Siehe hierzu und zu anderen Anspielungen die Ausführungen zu "Die Drei von der Tankstelle" bei Prawer (Anm. 3), S. 167–173, insb. S. 168.
34.
Ein wichtiger Faktor war dabei auch, dass die Produktionsfirma des Films, die Ufa, zum Hugenberg-Konzern gehörte, an dessen Spitze mit Alfred Hugenberg der Vorsitzende der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) stand. Die DNVP, die einen starken antisemitischen Flügel hatte, stand zwar in Konkurrenz zu den Nationalsozialisten, hatte aber 1929 auch schon mit ihnen kooperiert.
35.
Vgl. Wallach (Anm. 23). Eine ähnliche Idee vertritt Christian Rogowski, Strange Bedfellows. The Politics of Sound in Ludwig Berger’s "Ich bei Tag und du bei Nacht" (1932), in: Colloquia Germanica 3/2011, S. 331–348.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Philipp Stiasny für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

Sie dürfen den Text unter Nennung der Lizenz CC BY-NC-ND 3.0 DE und des/der Autors/-in teilen.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.