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15.7.2002 | Von:
Gerhard Neuweiler

Von Reformansätzen zur Reform?

Zur Situation der Hochschulen nach der 5. Novelle zum Hochschulrahmengesetz

I. Die Juniorprofessur

Seit Jahren klagen international operierende Wissenschaftsdisziplinen, vor allem der Bio- und Naturwissenschaften, dass ihre besten Nachwuchskräfte in die USA abwandern, weil ihnen dort frühe Selbstständigkeit und bei erfolgreicher Forschung Dauerpositionen angeboten werden können (tenior track). Mit der Juniorprofessur ist diese Sogwirkung endlich beseitigt, es herrscht jetzt diesseits und jenseits des Atlantiks "Waffengleichheit" beim Wettbewerb um die besten Köpfe: Als Juniorprofessor oder -professorin forscht und lehrt ein von der Universität von außen berufener post-doc - u. U. schon unmittelbar nach der Promotion - fünf Jahre lang "auf eigene Rechnung".

Bei extern begutachteter, erfolgreicher Arbeit kann die Universität ihm/ihr ohne Ausschreibung eine Dauerstelle anbieten. Die Juniorprofessur muss von der Universität personell und finanziell so ausgestattet sein, dass die Forschungsarbeit vor allem über Drittmitteleinwerbung finanziert werden kann. In vielen geisteswissenschaftlichen Fächern dürfte die Drittmittelausstattung für den Erfolg weniger wichtig sein als eine wirksame Minderung der üblichen Lehrverpflichtungen nach den Kapazitätsverordnungen. Fahrlässigerweise überlässt es das Gesetz den Ländern, die Lehrbelastung der Juniorprofessoren/innen festzulegen und soweit zu reduzieren, dass sie sich erfolgreich in ihrer Forschung qualifizieren können.

Durch die Novelle wird der Zeitraum für die Qualifikation nach Abschluss des Studiums (Diplom oder Magister) auf insgesamt zwölf Jahre begrenzt, wobei großzügigerweise Ausbildungsphasen im Ausland unberücksichtigt bleiben. Damit wird den forschenden und lehrenden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern für die Qualifizierung knapp ein Drittel ihrer beruflichen Lebensarbeitszeit eingeräumt. Diese Befristung der Nachwuchsphase hat zu einer unerwartet heftigen öffentlichen Protestkampagne bekannter Professoren aus den Geisteswissenschaften geführt. Diese warfen dem Gesetzgeber u. a. Intellektuellenfeindlichkeit vor und malten Bilder von einem "Arbeitslosenheer hoch qualifizierter Wissenschaftler" und der "Abwanderung der Besten" an die Wand. Dass jeder Wissenschaftler auch nach Ablauf seiner Qualifikationszeit befristet weiter beschäftigt werden kann, wenn die Befristung sachlich begründet ist, verschwiegen die Kritiker beharrlich.

Warum hat die Zwölfjahresfrist gerade Geisteswissenschaftler so erschreckt, dass sie beim Nachwuchs eine regelrechte Hysterie erzeugten? Die Erklärung dafür ist einfach: In den geisteswissenschaftlichen Fächern beschneidet die Befristung den unbegrenzten Zugriff auf die Arbeitskraft des wissenschaftlichen Nachwuchses. In weit größerem Umfang als in den experimentellen Fächern leisten in geisteswissenschaftlichen Massenfächern Assistenten die Kärrnerarbeit in den Seminaren. Sie korrigieren umfangreiche und zahllose Seminar- und Examensarbeiten, sie halten selbständig anspruchsvolle Lehrveranstaltungen der Grundlehre ab, arbeiten bei Editionen mit usw. Über diesen anspruchsvollen und essentiellen Aufgaben eines Seminars gerät die wichtigste Funktion der Nachwuchsstellen, die Qualifikation des/der Stelleninhaber/in, ins Abseits, und das berühmte "zweite Buch" als Qualifikationsnachweis für eine Professur wird oft erst in einer an die reguläre Assistentenzeit angehängten Phase als Habilitationsstipendiat der DFG geschrieben. Aus "Nachwuchswissenschaftlern" werden auf diese Weise grauhaarige Mittvierziger, bevor sie die Chance bekommen, sich auf eine Professur zu bewerben. Diese Auswüchse der extensiven Nutzung des Nachwuchses für hochwertige Daueraufgaben der Seminare will das Gesetz durch die Zwölfjahresbefristung und durch die Abschaffung der obsolet gewordenen Habilitation zurückstutzen.

Es wäre ehrlicher, wenn die Universitäten eine den Bedürfnissen der Massenfächer angemessene Personalstruktur schüfen, d.h. einen Teil der Nachwuchsstellen in Dauerstellen zur Erfüllung der umfangreichen Lehr- und Routineaufgaben umwandelten und einen kleineren Teil, z.B. als Juniorprofessuren, für die Qualifikation der Besten unter dem Nachwuchs für eine von Daueraufgaben kaum belastete eigenständige Forschungsphase freihielten.

Die Besetzung der Juniorprofessuren macht eine mutige, strenge und internationale Auslese der besten jungen post-docs erforderlich, wenn sich die in sie gesetzten Erwartungen auf selbständige, exzellente und risikofreudige Wissenschaft erfüllen sollen. In den USA funktioniert diese Auslese, weil die Hochschulen mit Forschungsexzellenz ihrer Professorenschaft um die besten Studenten konkurrieren. In Deutschland gibt es diesen Wettbewerb noch nicht. Die Fehlbesetzung einer Juniorprofessor bleibt jedenfalls für die Fakultäten folgenlos, solange die "Qualität" der Studenten und die Alimentierung nicht von Forschungserfolgen abhängt. Deshalb besteht die große Gefahr, dass bei der Auswahl der Bewerber weniger hervorragende Leistung auf internationalem Niveau als vielmehr partikuläre Fakultäts- und Lehrstuhlinteressen den Ausschlag geben. Einige der ersten Ausschreibungen von Juniorprofessuren sind fachlich so eng gefasst, dass außer den, im Zweifelsfall in den USA "geparkten", ehemaligen Doktoranden des einschlägigen Lehrstuhls sich niemand bewerben kann. Wenn eine solche Pervertierung der Nachwuchsförderung Schule machte, würden die Universitäten einmal mehr beweisen, dass sie jede Reform im Malstrom der Kollegialorgane spurlos versickern lassen können. Nur die Wachsamkeit der Leitungsorgane, also starker Präsidenten und Kuratorien, wird einen solchen Missbrauch verhindern können.