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15.7.2002 | Von:
Gerhard Neuweiler

Von Reformansätzen zur Reform?

Zur Situation der Hochschulen nach der 5. Novelle zum Hochschulrahmengesetz

III. Das ungelöste Strukturproblem: Die Unvereinbarkeit von Massenausbildung und Spitzenforschung

Das zentrale und seit Jahrzehnten ungelöste Strukturproblem unserer Hochschulen, die Inkongruenz zwischen international wettbewerbsfähiger Forschung und berufsbefähigender Massenausbildung für mehr und mehr Berufe, wird von der jetzigen Reform nur indirekt berührt.

Früher, als nur Angehörige des Bildungsbürgertums ihre Kinder auf die Hochschulen schickten, konnten die Universitäten die Humboldt'sche Einheit von Forschung und Lehre für forschungsinteressierte Studenten aufrechterhalten und quasi im Nebenberuf für die damals wenigen akademischen Berufe ausbilden. Mit der Proliferation akademischer Berufe und der wachsenden Zahl von Studenten wurde die Einheit von Forschung und Lehre zur Fiktion, die von einem Großteil der Professoren, vor allem in den Geisteswissenschaften, bis heute aufrechterhalten wird. Mit dieser Realitätsverdrängung haben sich die Universitäten erfolgreich gegen eine grundlegende Strukturreform gestemmt mit dem Ergebnis, dass heute ein gewichtiger Teil der Spitzenforschung in Deutschland außerhalb der Universitäten zu Hause ist und die Fachhochschulen die bessere berufsorientierte Ausbildung für diejenigen Disziplinen anbieten, in denen ihnen Studiengänge zugestanden wurden.

Wie könnte eine Hochschulstruktur aussehen, die einerseits die Einheit von Forschung und Lehre für den wissenschaftlichen Nachwuchs wahrt und andererseits für mehr als ein Drittel eines Jahrgangs ausgezeichnete berufsbefähigende wissenschaftliche Ausbildung bietet?

1. Die Einbeziehung der Fachhochschulen



Wie oben erwähnt, propagiert der Wissenschaftsrat seit Jahrzehnten, dass Fachhochschulen gegenüber Universitäten andersartig, aber gleichwertig seien. Dahinter verbirgt sich das Konzept, die Fachhochschulen mit Möglichkeiten praxisnaher Forschung und Entwicklung so auszubauen, dass sie die meisten berufsbefähigenden Studiengänge anbieten und wenigstens die Hälfte der Studenten aufnehmen, während die Universitäten sich auf Forschung und forschende Lehre konzentrieren könnten, nicht nur für den wissenschaftlichen Nachwuchs, sondern auch für die wenigen Berufe, die auf theorienahe Lehre angewiesen sind. In allen Bundesländern wurden in den letzten zwei Jahrzehnten Fachhochschulen ausgebaut, die Verteilung der Aufgabenschwerpunkte auf zwei Hochschultypen scheiterte jedoch aus mehreren Gründen, wovon zwei ausschlaggebend sind:

- Da der Bestand an wissenschaftlichem Personal durch die Kapazitätsverordnung an die Studentenzahlen gekoppelt ist, kämpfen die Universitäten in Zeiten generellen Personalabbaus um jeden Studenten. Um ihre Attraktivität zu erhöhen, entwickelten sie sogar eine Reihe neuer, praxisnaher Studiengänge, die besser in Fachhochschulen aufgehoben wären, und stemmten sich gegen neue Fachhochschulstudiengänge in traditionell universitären Disziplinen, wie z.B. Rechtswissenschaften.

- Im öffentlichen Bereich steht der höhere Dienst nach wie vor nur Absolventen von Universitäten offen, während Fachochschulabsolventen auf den gehobenen Dienst verwiesen werden. Alle Versuche, vor allem des Wissenschaftsrats, für Absolventen beider Hochschularten eine einheitliche Eingangsbesoldung mit nachfolgender leistungsbezogener Differenzierung durchzusetzen, scheiterten bis heute an der Beamtenlobby des Innenministeriums.

Diese antiquierte und standespolitisch motivierte Regelung treibt zwangsläufig Auszubildende in die Universitäten, die an Fachhochschulen eine sachgerechtere und berufsspezifischere Ausbildung erführen. So ist und bleibt dieses klare Strukturkonzept "großer" Fachhochschulen mit praxisnaher wissenschaftlicher Ausbildung und "kleiner" forschungsintensiver Universitäten wohl auch weiterhin ein Wunschtraum.

2. Die Binnendifferenzierung des wissenschaftlichen Personals



Eine personelle Aufgabendifferenzierung innerhalb der Universitäten könnte ebenfalls zu einer sachgerechten Lösung des Problems führen:

- Ein Teil der Wissenschaftler, ausgewiesen z. B. durch Drittmittel anziehende Forschungsideen, betreibt in erster Linie Forschung und forschende Lehre für den wissenschaftlichen Nachwuchs. Dieser Teil des Lehrkörpers beteiligt sich an der allgemeinen Ausbildung nur insoweit, als das aktuelle Forschungsprofil einer Fakultät auch im Grundstudium sichtbar sein muss.

- Ein anderer Teil der Wissenschaftler widmet sich vorrangig einer anspruchsvollen Lehre und forscht an Themen, die weniger dem rasanten Publikationsdruck der internationalen Fachkonkurrenz ausgesetzt sind. Bis heute sind allerdings Lehraktivitäten für jede Wissenschaftlerkarriere Zeitverschwendung. Bei Berufungen zählen fast ausschließlich Publikationslisten und Drittmittelkonten.

Mit der leistungsbezogenen Besoldung des neuen Gesetzes bekommen die Hochschulen zum ersten Mal ein Instrument in die Hand, mit dem sie gezielt anspruchsvolle wissenschaftliche Lehrleistungen belohnen können. Damit ist endlich das Tor für eine Wissenschaftlerkarriere geöffnet, die sich auch oder sogar vorwiegend auf exzellente Lehrleistungen gründet. Eine Karriere durch Lehre wird besonders für die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen interessant, die aus familiären oder anderen Gründen in der Hochschule eine Teilzeitbeschäftigung anstreben. Da zumindest in den experimentellen Fächern der Methoden- und Erkenntnisfortschritt so rasant fortschreitet, dass Teilzeitwissenschaftler im internationalen Forschungswettbewerb nicht mithalten können, wäre die leistungsbezogene Lehrvergütung eine attraktive Alternative zur Forschungskarriere. Die Universitäten gewönnen damit ein Lehrpersonal, das seine intellektuelle Kraft der Gestaltung einer aktualisierenden und interaktive Medien ausschöpfenden wissenschaftlichen Lehre widmen könnte. Mit einer solchen gezielt und klug eingesetzten Belohnung erstklassiger Lehre können Hochschulen sich einen hoch qualifizierten Lehrstamm heranziehen und so doch noch die Quadratur des Kreises schaffen: Spitzenforschung und erstklassige "Massen"-Lehre unter einem Dach zu vereinen. Es bleibt abzuwarten, ob Fakultäten und Präsidialämter exzellente Lehre tatsächlich so hoch schätzen und entsprechend in Lehrpersonal investieren, wie sie es in farbigen Faltblättern den Studenten versprechen.

3. Die aktuelle Wissenschaftslandschaft



Während zumal die altehrwürdigen Universitäten ihrer glorreichen Vergangenheit nachhingen und klagten, baute sich in Deutschland eine lebendige und vielgestaltige Forschungs- und Lehrlandschaft neben den Universitäten auf. Vor allem in Disziplinen, die für die Wirtschaft von Bedeutung sind, wächst inzwischen den staatlichen Hochschulen interessante private Konkurrenz heran, und auf den seriösen nationalen Ranglisten der Forschung stehen oft Wissenschaftler und Labors nicht nur der Max-Planck-Gesellschaft, sondern auch der Großforschungsinstitute (Helmholtz-Gesellschaft) und der Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Gemeinschaft auf den oberen Plätzen. Viele Spitzenforscher wandern in die von Bund und Ländern gut ausgestattete und von Massenlehre unbelastete außeruniversitäre Forschung ab. Allein meine Fakultät hat innerhalb kurzer Frist drei hervorragende Professoren an die Max-Planck-Gesellschaft verloren.

Die besten Labors dieser außeruniversitären Institute liefern nicht nur international beachtete Forschungsergebnisse, sondern bieten auch eine hervorragende, individuelle Doktorandenausbildung. Es ist eine Binsenweisheit, dass forschende Lehre nur im intensiven, persönlichen Kontakt möglich ist. Amerikanische Eliteuniversitäten liefern in den führenden Fachjournalen Tag für Tag den Beweis für den Erfolg dieser Humboldt'schen Lehrmethode. An unseren Universitäten ist dieser Lehrgrundsatz im Massenbetrieb ins Wanken geraten. Seit Jahren bietet die DFG die Finanzierung von Graduiertenkollegs an in der Hoffnung, dass die Universitäten diese Form der Lehre in kleinen Gruppen generell für die Doktorandenausbildung übernehmen. Doch auch diesen Ball haben die Hochschulen nicht aufgegriffen und überlassen die Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses außerhalb der DFG-Graduiertenkollegs dem individuellen Geschick und Interesse ihrer Professoren. Da ist es nur konsequent, dass die Max-Planck- Gesellschaft inzwischen ihre eigenen Graduiertenschulen eingeführt hat, an denen auch Universitäten beteiligt sind. Aber in keinem einzigen Fall liegt die Leitung eines Max-Planck-Kollegs in universitärer Hand. Qualität und Quantität dieser außeruniversitären Forschungs- und Lehrkapazitäten werden eher weiter wachsen als stagnieren. Universitäten tun daher gut daran, diese attraktiven Wissenschaftseinrichtungen so eng wie möglich durch gemeinsame Professuren und Lehr- und Forschungsprogramme an sich zu binden. Sie gewinnen dadurch an Attraktivität für die besseren Studenten, die sie hoffentlich bald selbst aussuchen können, während die Forschungsinstitute sich den Nachwuchs in ihre Labors holen können, den sie für konkurrenzfähige Forschung brauchen.

Die Zukunft von Forschung und Lehre ist daher nicht mehr ausschließlich intra muros zu suchen, sondern in einer sinnvollen Vernetzung von Hochschulen und außeruniversitären Forschunginstitutionen, z.B. durch Graduiertenkollegs und gemeinsame Forschungszentren, wie das European Neuroscience Centre, das in Göttingen gemeinsam von der medizinischen Fakultät, den Max-Planck-Instituten und dem Deutschen Primatenzentrum betrieben wird. In Forschung und Lehre werden die Universitäten wegen ihres universalen, prinzipiell für alle und sich neu entwickelnde Disziplinen offenen Vertretungsanspruchs immer eine besondere Rolle spielen. Sie sind jedoch auf dem zunehmend international und von unterschiedlichen Spielern besetzten Feld nur noch einer von mehreren Akteuren und auch nicht mehr selbstverständlich der Spielführer. Wer rückwärts schaut, verliert die Möglichkeit der Spielgestaltung.

Was die staatlichen Hochschulen in der Vergangenheit versäumten, wuchs der Wissenschaft in Deutschland erfreulicherweise in außeruniversitären Institutionen wieder zu: Spitzenforschung und exzellente forschende Lehre. Es liegt jetzt an den Hochschulen, durch enge Kooperationen diese externen Kompetenzen dem tertiären Bildungsbereich zum Nutzen aller zu erschließen.