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15.7.2002 | Von:
Olaf Köller
Jürgen Baumert

Das Abitur - immer noch eingültiger Indikator für die Studierfähigkeit?

III. Anhaltspunkte für die Studier-fähigkeit deutscher Abiturienten:Befunde aus zwei deutschenSchulleistungsstudien

Die KMK hat 1995 im Hinblick auf die allgemeine Studierfähigkeit deutscher Schülerinnen und Schüler vertiefte Kenntnis in Mathematik, der ersten Fremdsprache und der Muttersprache (Deutsch) gefordert. Im Rahmen der dritten Internationalen Mathematik- und Naturwissenschaftsstudie TIMSS wurde eine national repräsentative Stichprobe von rund 2 000 Schülerinnen und Schülern am Ende der gymnasialen Oberstufe hinsichtlich ihrer Mathematikleistungen untersucht. Die beteiligten Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung definierten auf Grund der im Test erreichten Leistungen unterschiedliche Kompetenzstufen und analysierten dann den prozentualen Anteil der Schülerinnen und Schüler, die ein Kompetenzniveau erreichten, das aufgrund von Lehrplänen und Prüfungsanforderungen in der gymnasialen Oberstufe erwartet werden kann. Dieses Kompetenzniveau bildet eine Facette der Studierfähigkeit ab. Überraschenderweise erreichte sowohl in den neuen wie in den alten Bundesländern nur knapp ein Drittel aller Schülerinnen und Schüler diesen Standard. Verfehlen junge Erwachsene dieses Niveau, liegt die Vermutung nahe, dass ihre Erfolgschancen in Studiengängen, die Mathematikkenntnisse verlangen, relativ gering sind. Als eine Konsequenz dieser Befunde kann heute in keinem Bundesland mehr Mathematik abgewählt werden. [22]

Um festzustellen, inwieweit deutsche Abiturienten über Englischkenntnisse verfügen, die für ein Studium an amerikanischen Universitäten ausreichend sind, wurde im Rahmen der von uns durchgeführten Studie Bildungsprozesse und psychosoziale Entwicklung im Jugendalter und jungen Erwachsenenalter (BIJU) eine Version des TOEFL eingesetzt. Dabei ergab sich für über 1 000 Schülerinnen und Schüler aus einem großen Bundesland, dass 60 Prozent der untersuchten Probanden den kritischen Zulassungswert für prestigearme amerikanische Universitäten (500) erreichten oder überschritten. Immer noch über 30 Prozent meisterten einen Schwellenwert von 600, der an so renommierten Universitäten wie Princeton oder Harvard gefordert wird. Bemerkenswert ist ferner, dass der Prozentsatz der erfolgreichen Schüler und Schülerinnen deutlich ansteigt, wenn diese im Laufe ihrer Schulzeit einen längeren Studienaufenthalt im englischsprachigen Ausland verbracht hatten. Dieser Befund wird in der obigen Abbildung veranschaulicht, in der die Mittelwerte im TOEFL nach Kursniveau und Aufenthalt im englischsprachigen Ausland aufgebrochen sind. Die Abbildung zeigt aber auch, dass das Leistungsniveau, das in Grundkursen nach neunjährigem Pflichtunterricht ohne Auslandsaufenthalt im Mittel erreicht wird, nicht ausreicht, um die Sprachprüfung an einer prestigearmen amerikanischen Universität zu bestehen. Es sind also in erheblichem Maße die außerschulischen Opportunitäten, die Englischkenntnisse auf einem Niveau garantieren, das die Chancen auf ein Studium an einer angesehenen amerikanischen Universität erhöht.

Schließlich wurde im Rahmen der BIJU-Studie rund 500 Gymnasiasten eine Referatsaufgabe vorgegeben, die fächerübergreifende Fertigkeiten verlangte, wie sie üblicherweise auch im Studium gefordert sind. Die Schülerinnen und Schüler wurden gebeten, zwei Texte zur Gentechnik zu lesen, die keine speziellen biologischen Vorkenntnisse zu ihrem Verständnis erforderten. Der eine Text behandelte biologische, der andere philosophisch-ethische Fragen. Die genaue Instruktion ist im folgenden Kasten wiedergegeben.

Die Instruktion macht deutlich, dass hier neben Lese- bzw. Textverständnis auch Fertigkeiten wie Informationsverarbeitung unter Zeitdruck, die Identifikation zentraler Gedanken sowie Präsentationstechniken gefordert sind, die man sehr gut dem Bereich der studienpropädeutischen Vorbereitung zuordnen kann. Dieser Typus von Aufgaben wird auch relativ oft von Unternehmen in Assessment-Center-Sitzungen zur Auswahl von Trainees genutzt.

Die Auswertung ergab, dass die Aufgabe einen großen Teil der beteiligten Schülerinnen und Schüler überforderte. Lediglich 40 Prozent gelang es, den geforderten Referatstext vorzulegen. Rund 30 Prozent hielten wenigstens Stichworte für ihr Referat fest, die übrigen 30 Prozent waren nicht in der Lage, überhaupt etwas Schriftliches abzugeben. Die Gruppe der Personen, die einen Referatstext formuliert hatte, konnte auch signifikant mehr Kernaussagen (im Mittel 9,22 von 13 Aussagen) des Textes identifizieren als die Gruppe von Personen, die lediglich Stichworte verfasst hatten (im Mittel 7,52). Höhere schriftliche Formulierungsfähigkeit geht also mit einem höheren Maß an Leseverständnis einher.

Fußnoten

22.
Generell das Kurswahlsystem der gymnasialen Oberstufe für solche Ergebnise verantwortlich zu machen wäre "sicherlich verfehlt, da die im Rahmen der TIMSS-Studie Analysen zum Kurswahlverhalten gezeigt haben, dass die Kernfächer Deutsch, Mathematik und 1. Fremdsprache zusammen mit der Biologie in der Oberstufe am häufigsten als Leistungskurse gewählt werden.