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15.7.2002 | Von:
Wolfgang Bergsdorf

Die Universität in der Wissensgesellschaft

Im Beitrag wird der Begriff der Wissensgesellschaft im Spannungsfeld von Wissenschaft und Öffentlichkeit diskutiert. Konstitutiv für den aufgeklärten Bürger dieser Gesellschaft ist der Erwerb eines deutlich höheren Maßes an souveräner Entscheidungskompetenz.

I. Probleme auf dem Weg in die Wissensgesellschaft

Für gesellschaftliche und technologische Entwicklungen wird stets nach griffigen Bezeichnungen gesucht. Die derzeitige Entwicklung wird "Wissensgesellschaft" genannt. Solche Termini sind problematisch, wird doch aus der komplexen Vielfalt der gesellschaftlichen Rahmenbedingung eine einzige Dimension herausgegriffen und semantisch zur Epochenbezeichnung erhöht. Und dennoch sind sie notwendig, weil sie die im Strom der Zeit vom zeitgenössischen Bewusstsein kaum wahrgenommenen Veränderungen auf einen Nenner bringen.


Der Vater des Terminus Wissensgesellschaft ist der amerikanische Soziologe Robert E. Lane, der 1966 über die "Knowledge Society" schrieb. Sein Kollege Daniel Bell hat den Begriff übernommen und in seinem Buch über die postindustrielle Gesellschaft populär gemacht. [1]

Natürlich soll mit einem Begriff wie "Wissensgesellschaft" früheren Epochen nicht unterstellt werden, dass Wissen in ihnen keine Rolle gespielt hätte. Aber die ständig wachsende Häufigkeit der Verwendung des Terminus "Wissensgesellschaft" verweist auf die zentrale Bedeutung, die dem Wissen in unserer pluralistischen, von Globalisierungsängsten geschüttelten und von Globalisierungserwartungen enthusiasmierten Wohlstandsgesell- schaft zukommt. Zu Arbeit und Kapital tritt als dritte Quelle der Wohlstandswertschöpfung das Wissen hinzu, das anders als die beiden ersten Quellen mit Hilfe der Informationstechnologien unerschöpflich gemacht werden kann. Das hoffen jedenfalls die euphorischen Vordenker der Wissensgesellschaft.

Die Begrifflichkeit Wissensgesellschaft hat aber auch noch eine andere Dimension, die als großes doppeltes Versprechen gedeutet werden kann. Die zentrale Bedeutung der Informationen oder (im Singular) des Wissens als ultimative Ressource nährt die Illusion, das Spannungsfeld von Wissenschaft und Öffentlichkeit könnte aufgehoben werden. Moderne Gesellschaften haben die Öffentlichkeit als "Methode" der Problemreduktion erfunden, um ihren Mitgliedern die Chance zu geben, sich über alles zu unterrichten, worüber sie sich aus unmittelbarem Erleben kein eigenes Urteil bilden können. Wissenschaft hingegen ist die systematische Anstrengung, das verfügbare Wissen auf allen Gebieten in der Breite und in der Tiefe zu erweitern und miteinander zu verknüpfen. Wissenschaft benötigt Internationalität wie die Lunge Luft zum Atmen. Öffentlichkeit braucht Lokalität und Regionalität. Nationale Medien sind die Ausnahme, nicht die Regel. Öffentlichkeit ist hochselektiv. Es gibt zwar Kriterien der Auswahl, die festlegen, welche Chance ein Thema hat, öffentlich zu werden, aber der Zufall spielt eine bedeutende Rolle. Wissenschaft hingegen ist systematisch, jeder Beliebigkeit abhold. Aber dennoch wird die Wissensgesellschaft etwas Neues bringen, beziehungsweise, sie hat bereits zu Novitäten geführt.

Eines Schriftstellerlobes konnte sich ein Journalist erfreuen, der kürzlich schrieb, am Ende des 20. Jahrhunderts verfügten kleine Jungs über mehr Informationen über die Welt als Voltaire, Kant und Goethe zusammen. Der mittlerweile verstorbene polnische Schriftsteller Adrzej Szczypiorski beurteilte mit etwas hinterhältiger Ironie den Urheber dieser Feststellung als "gescheit", weil er seine Beobachtung ohne Triumph verkündet habe.

Er machte auf eine Selbstverständlichkeit aufmerksam, die wir im täglichen Durcheinander aus dem Blickwinkel verlieren, die aber dennoch eine gefährliche und rätselhafte Warnung darstellt.

Tatsächlich wissen wir heute über die Welt bei weitem mehr, als unsere Vorfahren vor 200 oder 100 Jahren wissen konnten. Wissenschaft und Technik haben für eine Explosion des Wissens gesorgt, deren Ende sich in keiner Weise andeutet. Neun von zehn Wissenschaftlern, die jemals gelebt haben, sind unsere Zeitgenossen. Das hat zur Folge, dass das verfügbare Wissen sich alle zehn Jahre in den verschiedenen Disziplinen verdoppelt. So enthält zum Beispiel eine beliebige Werktagsausgabe der New York Times mehr Informationen, als dem durchschnittlichen Europäer des 17. Jahrhunderts in seinem ganzen Leben zur Verfügung standen. Aber dass wir heute klüger seien als unsere Väter, Großväter oder Urgroßväter, das wagt niemand zu behaupten, nicht einmal der von Andrzej Szczypiorski gelobte Journalist.

Aber wir wissen mehr als unsere Väter und Großväter, und dieses Wissen verdanken wir der Omnipräsenz der Medien. Sie ist der Grund dafür, dass die Medien in der heraufkommenden Wissensgesellschaft mehr noch als zuvor als deren zentrales Nervensystem Geltung beanspruchen können. Die explosionsartige Vervielfältigung der technisch erreichbaren Informationsmöglichkeiten verlangt vom Mediennutzer ein viel größeres Maß an souveräner Entscheidungskompetenz. Aufklärung heute kann deshalb verstanden werden als eine Befreiung von den Fesseln fremd bestimmter Kommunikation. [2]

Nach der Implosion der kommunistischen Systeme vor ca. zehn Jahren sind Individualisierung und Globalisierung die wichtigsten, antagonistisch erscheinenden Stichwörter, mit deren Wirkungen sich jede Politik auseinander zu setzen hat. Hoffnungen und Befürchtungen ranken sich um diese beiden Begriffe, und auch die Wissensgesellschaft als Begriff amalgamiert Hoffnungen und Befürchtungen zu einer Melange, die vor allem Zukunftsungewissheit signalisiert. Die Zukunft ist auch nicht mehr das, was sie einmal war, wusste schon Hermann Josef Abs. Man muss sich mit Alfred Polgar trösten, der die Zukunft erträglich fand, weil sie in Raten komme. Aber dieser Trost wird überschattet von der Beschleunigung des Wandels als einem der hervorstechenden Merkmale der Wissensgesellschaft.

Nachgerade Besorgnis erregend, jedenfalls Besorgnis erregend einmütig beschreiben Philosophen und Soziologen unsere gegenwärtige Lebenswirklichkeit als Resultat und Reflex eines radikalen Wandels, eines Wandels, der an Radikalität und Intensität immer weiter zunimmt. Jürgen Habermas und Hermann Lübbe etwa, ansonsten doch keineswegs eines Sinnes, sprechen übereinstimmend davon, dass uns die altbewährten Übereinkünfte, Bindungen und Verbindlichkeiten kaum noch und höchstens kurzfristig zu einer verlässlichen Orientierung im Geistigen verhelfen. Sie sprechen davon, dass sich die traditionellen Regelungen unserer Daseinsordnung zunehmend als untauglich erweisen und mit dem hektischen Fortgang der Ereignisse ihre Gültigkeit und Legitimität einbüßen. Das Erfahrungswissen, das bei früheren Generationen von den Eltern an die Kinder weitergereicht wurde, das sich bei der Bewältigung anstehender Aufgaben als hilfreich erwies, führt heute nicht mehr weit. Eine stets schwer abschätzbare Wirklichkeit mit ihren rapiden Umbrüchen und Umschichtungen treibt die traditionsverbürgten Einsichten alsbald zur kuriosen Musealität oder musealen Kuriosität.

Die Verabschiedung der Relevanz des Alltagswissens wird der wichtigste Effekt der Wissensgesellschaft sein. Weil Erfahrung im Sinne tradierter Erfahrung an Bedeutung sehr stark verlieren wird, muss das Leben zu einem permanenten Prozess des Weiterlernens werden. Die Bereitschaft und die Fähigkeit zum lebenslangen Lernen oder - um seine Alternativlosigkeit zu akzentuieren - zum lebenslänglichen Lernen wird zu einer der Schlüsselqualifikation in der Wissensgesellschaft werden.

Die Globalisierung der Märkte und - als ihre Voraussetzung - die Globalisierung der Informationsnetze sorgen dafür, dass sich die Galaxie des abendländischen Wissens mit Lichtgeschwindigkeit ausdehnt und überall zur Verfügung steht, sodass das menschliche Gedächtnis neu herausgefordert wird.

Gleichzeitig entscheidet die Schnelligkeit des Wandels, die Sensibilität für Zeitdifferenzen und vor allem das Erkennen von Zusammenhängen über die Chancen des Einzelnen auf dem Markt. Niemand kann heute wissen, was er morgen wissen muss, um sich übermorgen wirtschaftlich behaupten zu können.

Die Welt der Wissensgesellschaft wird beherrscht von der Trias Hardware, Software und dem Menschen. Hardware ist nicht länger ein Produkt aus Eisen, sondern eine millionenfache Wiederholung winziger Siliziumscheiben mit Transistoren, deren Entsorgung übrigens immer problematischer wird.

Das Milliardengeschäft namens Software ist eine logische Abstraktion, die von Zeiten und Räumen der Maschinen prinzipiell absieht, um sie in der Theorie, aber auch nur in ihr zu beherrschen.

Hardware und Software sind unschlagbar im Suchen, Speichern und Rechnen. Aber die Menschen sind auch unschlagbar, und zwar im Bewerten, in der Interpretation und im Kontextbewusstsein. Die Sintflut der Daten, die sich täglich über uns ergießt, bietet keinen Sinn. Der Sinn ergibt sich erst aus dem Kontext, und der Kontext kann nur vom Menschen hergestellt werden.

Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit zielt die Technik nicht mehr darauf ab, vor allem den Körper des Menschen zu entlasten, sondern sie soll in erster Linie sein geistiges Vermögen erweitern. Die Entdeckung der Produktivität vor hundert Jahren war der Anwendung des Wissens auf Arbeit zu verdanken. Heute entfalten wir in der Wissensgesellschaft die Autologie - die Selbstanwendung des Wissens: Wissen wird auf Wissen angewandt (Norbert Bolz).

Kommunikationskompetenz oder Medienkompetenz werden so zu Schlüsselqualifikationen in der Wissensgesellschaft. Man mag diese Begrifflichkeiten annehmen oder ablehnen. Dahinter verbirgt sich nichts anderes als die Kompetenz, kritisch zu denken, die Fähigkeiten zur Unterscheidung zwischen Belangvollem und Belanglosem, zwischen zentralen und marginalen Fragestellungen. Voraussetzungen für diese kritische Kompetenz sind Sprachbeherrschung, Argumentationskraft, Abstraktionsfähigkeit, Dialogfähigkeit und Kooperationsbereitschaft.

Die Beherrschung der Muttersprache ist die Mutter der Schlüsselkompetenzen. Nun hat die in diesem Winter veröffentlichte PISA-Studie der OECD deutlich gemacht, dass die 15-jährigen Schüler Deutschlands viel größere Schwierigkeiten bei der Perzeption unterschiedlicher Texte, ihrer Entschlüsselung und Interpretation haben als ihre Altersgenossen in den meisten Ländern der OECD. In Westeuropa haben lediglich ihre Altersgenossen in Luxemburg und Liechtenstein noch größere Probleme damit. Sicherlich hängt das mit der - im internationalen Vergleich gesehen - Nachrangigkeit des Unterrichts der eigenen Sprache zusammen, also des Deutschunterrichtes, für den als Schulfach zwischen der ersten und der zehnten Klasse nur 16 Prozent der Wochenstunden zur Verfügung stehen. In Polen sind es 22 Prozent, in Schweden 24 Prozent und in Frankreich 26 Prozent. [3]

Man könnte vermuten, die dem Deutschunterricht abgezogene Zeit würde in die Naturwissenschaften und Mathematik investiert - mit entsprechenden Leistungsergebnissen. Aber auch hier schneiden die deutschen Schüler in der PISA-Studie unterdurchschnittlich ab. Wer sich an die für Deutschland auch schlechten Ergebnisse der TIMSS-Studie von 1999 erinnert, konnte durch die PISA-Befunde nicht überrascht werden. [4] Befremdlich ist vielmehr, dass weder die TIMSS- noch die PISA-Studie einen Schock in der öffentlichen Diskussion in Deutschland ausgelöst haben.

Auch für den interessierten Zeitungsleser ist nicht zu erkennen, worin unsere Kultusminister die Gründe für das international so deprimierende Abschneiden der deutschen Schüler sehen und mit welchen Methoden und Maßnahmen sie für Abhilfe sorgen wollen. Immerhin ist das für die Zukunft unseres Landes alles andere als eine Petitesse.

Denn die Qualität der Schule entscheidet über die Wettbewerbsfähigkeit des Landes. Und deshalb ist es besonders interessant zu sehen, dass die Bundesländer, die in den letzten Jahrzehnten am wenigsten an ihren Schulen "herumgedoktert" haben, im innerdeutschen Vergleich am besten abschneiden. Das Land der Dichter und Denker hat trotz seiner großen Bildungstradition heute erhebliche, zweifellos selbst erzeugte Probleme auf seinem Weg in die Wissensgesellschaft. Das gilt auch für die akademische Bildung.

Fußnoten

1.
Vgl. Robert E. Lane, The Decline of Politics and Ideology in a Knowledgeable Society, in: American Sociological Review, (1966) 5, S. 650 ff.; vgl. auch: Daniel Bell, The Coming of Post-Industrial Society, New York 1973, S. 212-265. Anmerkung der Redaktion: Siehe hierzu auch die Ausgabe B 36/2001 dieser Zeitschrift zum Thema "Wissensgesellschaft" sowie den Beitrag von Yann Moulier-Boutang in der Ausgabe B 52-53/2001.
2.
Vgl. Wolfgang Bergsdorf, Deutschland an der Jahrtausendwende, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 1-2/2000, S. 21.
3.
Vgl. Josef Kraus, Abschied vom Struwwelpeter, in: Rheinischer Merkur, 1/2002.
4.
Zur Diskussion um TIMSS vgl. die Beiträge in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 35-36/1999.