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5.6.2002 | Von:
Katharina Belwe

Editorial

Im Wahljahr 2002 steht die Familie bei den Parteien hoch im Kurs. Familienpolitik gilt nunmehr als ein zentrales gesellschaftspolitisches Thema.

Einleitung

Im Wahljahr 2002 steht die Familie bei den Parteien hoch im Kurs. Familienpolitik gilt nunmehr als ein zentrales gesellschaftspolitisches Thema. Die Regierung verspricht eine flächendeckende Verbesserung der Kinderbetreuung, die Opposition bietet ein so genanntes Familiengeld. Beiden geht es um die bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Über das Verhältnis von Familie und Beruf, über Kinder und ihre Bedeutung für unsere Zukunft, die Erziehungsrolle der Eltern sowie die Beziehungen zwischen den und die Erfahrungen der Generationen wird in dieser Ausgabe diskutiert.

Barbara Schaeffer-Hegel plädiert in ihrem Essay für eine Veränderung der Rahmenbedingungen, die Frauen und Männern bestimmte Rollen auferlegen. Es sei höchste Zeit, die gesellschaftliche Verantwortung für Kinder neu zu bedenken: die Zeit und die Zuwendung, die sie brauchten, zwischen Vätern und Müttern sowie den Einrichtungen der Gesellschaft anders zu verteilen.

Für eine gerechtere Verteilung tritt auch Marc Szydlik im zweiten Essay dieser Ausgabe ein: Es gelte, die gesellschaftliche Solidarität zwischen armen und reichen Familien auszuweiten. Szydlik sieht eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe darin, der Reproduktion und Vertiefung sozialer Ungleichheit durch entsprechende Maßnahmen zu begegnen.

Welche Maßnahmen darunter fallen könnten, zeigt Frank Bertsch. Der Autor plädiert für eine vernetzte Strategie der Armutsprävention und -bekämpfung: für ein föderatives Projekt gegen Familien- und Kinderarmut. Neben Einkommenstransfers fordert er Maßnahmen, die Selbsthilfe ermöglichen und mobilisieren: Aufklärung und Bildung, Beratung und Beteiligung, das Erlernen persönlicher Bewältigungsstrategien von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen sowie die Reorganisation sozialer und kultureller, baulicher und ökologischer Infrastrukturen in kommunalen Lebensräumen.

Das Verhältnis von Familie und Beruf steht nach Michael Opielka praktisch, theoretisch und politisch zur Debatte. Nach einem Blick in die Geschichte der deutschen Familienpolitik wendet sich der Autor der familienpolitischen Programmatik der beiden großen Volksparteien sowie zwei weiteren aktuellen Vorschlägen zu. Der Vergleich der familienpolitischen Programme von SPD und CDU offenbare über weite Strecken ähnliche, teilweise sogar identische Vorstellungen. Opielka hält Kompromisse für denkbar. Eine grundlegende Neubewertung der Familienarbeit scheine sich zumindest als Möglichkeit abzuzeichnen.

Jutta Ecarius nähert sich ihrem Thema qualitativ-biografisch: über die Befragung von Zeitzeugen. Im Zentrum ihrer Analyse stehen die subjektiven Erfahrungen von drei Generationen in Ostdeutschland, ihr Erleben von Kindheit, die Anforderungen und Freiräume in der Familie und die Erziehungspraxis der Eltern und Großeltern. Nach Auffassung der Autorin kommt in den familialen Generationsbeziehungen in besonderer Weise die Verflechtung individueller Erfahrungen von Kindheit und sozialer Zeitgeschichte zum Tragen.

Thomas Meyer wendet sich gegen die im populärwissenschaftlichen Diskurs vertretene Auffassung von der Vernachlässigung der Erziehungsaufgabe durch die Eltern in der Bundesrepublik Deutschland. Seine These vom Wandel der Elternschaft weist in die entgegengesetzte Richtung. Die Grenze zwischen Familie und ihrer gesellschaftlichen Umwelt werde immer durchlässiger. Folge sei eine - im Sinne von Jürgen Habermas - zunehmende "Kolonialisierung" der privaten Lebenswelt durch äußere Mächte.