BUNDESTAGSWAHL 2021 Mehr erfahren
APUZ Dossier Bild

5.6.2002 | Von:
Marc Szydlik

Familie - Lebenslauf - Ungleichheit

Familiensolidarität und soziale Ungleichheit sind zwei Seiten derselben Medaille. Eltern unterstützen ihre Kinder über ihren gesamten Lebenslauf. Die Generationensolidarität reißt keineswegs nach dem Auszug der Kinder aus dem Elternhaus ab.

Einleitung

Familien vollbringen groß(artig)e Leistungen: Kinder werden aufgezogen und auf ein eigenständiges Leben vorbereitet, Familienmitglieder werden lebenslang emotional unterstützt, man hilft im Haushalt und bei der Enkelbetreuung, pflegt bei Krankheit und im Alter, und man steht mit beträchtlichen finanziellen Transfers füreinander ein.


All dies - und noch viel mehr - kann jedoch nicht über eine unwillkommene "Nebenwirkung" hinwegtäuschen: Die Familienleistungen sind äußerst ungleich verteilt. Damit ist nicht gemeint, dass innerhalb von Familien beispielsweise so genannten schwarzen Schafen weniger Unterstützung zuteil wird bzw. die Lieblingsenkel besonders bedacht werden. Vielmehr verläuft die Trennlinie zwischen den Familien. Eltern aus höheren sozialen Schichten gelingt es in der Regel, dass ihre Kinder wiederum höheren sozialen Schichten angehören. Die Solidarität zwischen den Familiengenerationen ist zwar generell stark ausgeprägt, aber wo größere Ressourcen vorhanden sind, fallen auch die Unterstützungsleistungen größer aus. Auch wenn dies einem romantischen Familienbild widersprechen mag: Familien sind zu einem gehörigen Maß an der Reproduktion und Vegrößerung sozialer Ungleichheit beteiligt.

Um sich die Mechanismen dieser (Re)produktion sozialer Ungleichheit vor Augen zu führen, ist es hilfreich, eine lebenslauftheoretische Perspektive zu wählen. Der Lebenslauf wird dabei als Abfolge wesentlicher "Stationen" betrachtet, an denen jeweils maßgebliche Weichenstellungen erfolgen. Diese betreffen die Wohlfahrtsposition der Individuen und das Gefüge sozialer Ungleichheit insgesamt. Solche Weichenstellungen lassen sich über den gesamten Lebenslauf nachzeichnen und strukturieren ihn entsprechend. Dazu gehören der Schulbeginn, der Übergang von der Grund- auf die weiterführende Schule, von der Schule in die Berufsausbildung bzw. auf die Universität, von der Ausbildung in den Beruf und vom Beruf in den Ruhestand ebenso wie die Partnerwahl, die Familiengründung und der Immobilienerwerb.

Es ist somit notwendig, im Hinblick auf den Zusammenhang von Familiensolidarität und Ungleichheit den gesamten Lebenslauf in den Blick zu nehmen. Dies betrifft natürlich zunächst die Zeit vor dem Auszug der Kinder aus dem Elternhaus, aber auch das Verhältnis zwischen den Familiengenerationen über die Haushaltsgrenzen hinweg, nachdem die erwachsenen Kinder das Elternhaus verlassen und einen eigenen Haushalt gegründet haben. Die Frage lautet: Inwiefern wird soziale Ungleichheit an den entscheidenden Stationen des Lebenslaufs durch familiale Generationensolidarität (re)produziert?