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5.6.2002 | Von:
Marc Szydlik

Familie - Lebenslauf - Ungleichheit

I. Kindheit und Jugend

Die Eltern bestimmen die Lebensqualität ihrer Kinder besonders stark in deren ersten Lebensjahren. Ihre materiellen Ressourcen entscheiden zum Beispiel über die Wohngegend, in der die Kinder aufwachsen. Sie sind auch verantwortlich dafür, wie die Wohnung und das Kinderzimmer ausgestattet sind, ob ein eigener Garten vorhanden ist, welches Spielzeug zur Verfügung steht, welche Kleidung getragen und welche Reisen unternommen werden. Zudem: Welcher Wert wird in der Familie auf das Lesen von Büchern gelegt? Wird dem Kind ein Musikinstrument nahe gebracht? Existiert im Haushalt ein Internetanschluss?

Die Wohngegend, die sich die Eltern leisten können, hat Einfluss darauf, aus welcher sozialen Schicht die ersten Freunde und Freundinnen ihrer Kinder stammen. Mit der Auswahl von Spiel- und Sportgeräten, Markenkleidung, Reisezielen, Computer und der Höhe des Taschengeldes wirken die Eltern auf die soziale Anerkennung, die ihre Kinder von anderen Kindern erfahren. Zudem werden gerade in den ersten Lebensjahren wesentliche Grundlagen für den späteren Erfolg in Schule und Beruf gelegt. Neben den materiellen sind es vor allem die Zeitressourcen der Eltern, ihre Aspirationen und ihr Bildungshintergrund, die bestimmten Kindern besonders zugute kommen und diese gegenüber anderen Kindern bevorteilen.

Eine der wichtigsten Entscheidungen für das spätere Leben der Kinder fällt in der Bundesrepublik Deutschland mit der Auswahl der Schule: Hauptschule, Realschule oder Gymnasium. Mit dieser Entscheidung wird nicht nur die unmittelbare Schullaufbahn der Kinder festgelegt, sondern sie hat auch immense Folgen für lebenslange Ungleichheiten. Beruf, Einkommen, Prestige, Karriere, Arbeitsplatzsicherheit, Beschäftigungsbedingungen, Übereinstimmung von Ausbildung und Arbeitsplatz, Vermögen, Rentenhöhe, Partnerwahl, Gesundheit, Lebensdauer und vieles mehr hängen nachhaltig davon ab, welcher dieser durch den Schultyp vorgegebenen drei Bildungsschichten man angehört. Eltern haben einen entscheidenden Einfluss auf diese äußerst wichtige Weichenstellung für das gesamte Leben ihrer Kinder.

Empirische Befunde existieren vor allem zum Einfluss der sozialen Herkunft auf den Bildungserfolg der Kinder. Dabei wird die Frage, inwiefern die Bildungsexpansion zu einem Wandel beim Generationeneinfluss geführt hat, unterschiedlich beantwortet: Manche Autoren stellen eine Verringerung des Herkunftseffekts fest, andere behaupten keine Veränderung, wieder andere berichten von einer Zunahme des Herkunftseinflusses und wiederum andere zeigen, dass sich sowohl Öffnungs- als auch Schließungstendenzen bestimmter Gruppen abzeichnen, die sich aber insgesamt die Waage halten.

Große Einigkeit besteht bei der Beantwortung der eigentlich entscheidenden Frage: Wirken sich die familialen Generationenbeziehungen weiterhin auf die soziale Ungleichheit beim Bildungserwerb aus? Die Antwort lautet: Es existieren immense Herkunftseffekte. Kinder von Eltern, die höheren sozialen Schichten angehören, haben eine wesentlich größere Chance, höhere Bildungsabschlüsse zu erreichen. Kinder mit weniger privilegierten Eltern landen dementsprechend in niedrigeren Bildungsgängen. Gleichzeitig zeigt sich, dass die Eltern besonders stark die ersten, früh zu treffenden Entscheidungen über den Bildungsweg ihrer Kinder beeinflussen. Erschreckend sind in diesem Zusammenhang auch die Befunde der Pisa-Studie: Nirgendwo sonst in den einbezogenen Ländern hängen die Kompetenzen der Schüler so stark von der sozialen Herkunft ab wie in Deutschland.

Eltern sorgen mittels vielfältiger Leistungen für ihre Kinder auch für eine Ausdifferenzierung innerhalb der drei Schulformen. Während der Schulzeit kümmern sie sich mehr oder weniger intensiv um den Schulerfolg ihrer Kinder, kontrollieren mehr oder weniger gut deren Hausaufgaben und sorgen mehr oder weniger für Nachhilfe. Und beim Übergang in die Berufsausbildung liefern sie - soweit sie dies können - Informationen, bieten Entscheidungshilfen, fördern den Ehrgeiz ihrer Kinder und vermitteln diesen, wenn sie dazu aufgrund ihrer Kontakte in der Lage sind, Praktika, Lehrstellen und Auslandsaufenthalte. Die Ressourcen der Eltern, ob es sich nun um Geld, Zeit, Bildung oder Beziehungen handelt, werden so unmittelbar an die Kinder weitergereicht. Ressourcenschwächere Eltern können ihren Kindern entsprechend weniger bieten.