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5.6.2002 | Von:
Frank Bertsch

Staat und Familien Familien- und Kinderarmut in Deutschland

II. Armut von Familien und Kindern

Verarmungsprozesse sind längst nicht mehr auf wenige soziale Schichten begrenzt. Sie sind sozial entgrenzt, jedoch nicht unumkehrbar. Lebensverhältnisse können sich heute im Verlauf eines Lebens mehrfach ändern.

Armut wird heute individualisierter wahrgenommen. Neben der Versorgungslage der Familienhaushalte erfährt die Situation der Familienmitglieder Beachtung. Eltern und Kinder werden in Armutskrisen zunehmend als handelnde Akteure ihrer Lebenswelten erkannt. Diese Sichtweise hat die Ansatzpunkte der Gesellschaftspolitik erweitert. In ihren Mittelpunkt sind Maßnahmen gerückt, die Selbsthilfe ermöglichen und mobilisieren. Armutsprävention hat einen neuen Stellenwert erhalten. Zu dieser gehören Bildung, Beratung und Beteiligung, das Erlernen persönlicher Bewältigungsstrategien von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen ebenso wie die Reorganisation der Infrastrukturen in kommunalen Lebensräumen. Armutsbekämpfung erfolgt nicht mehr allein über Einkommenstransfers, sondern ebenso über die Wiederherstellung von wirtschaftlicher und sozialer Handlungsfähigkeit. Armutsprävention und Armutsbekämpfung knüpfen an Spielräumen von Lebenslagen an; mit Optionen, die Defizite benennen, Verhaltens-, Lern- und Handlungsmöglichkeiten aufzeigen, Reserven an humanen Fähigkeiten und materiellen Ressourcen mobilisieren und Angebote an externer Hilfe erschließen.

Die wirtschaftlichen Lebensverhältnisse der Familien haben sich in West- wie in Ostdeutschland ausdifferenziert. Die Einkommensverteilung in Ostdeutschland gleicht sich der in Westdeutschland an. Einkommensunterschiede zwischen den alten und neuen Bundesländern betrafen Ende der neunziger Jahre vor allem den oberen und nur geringfügig den unteren Einkommensbereich. Die Familieneinkommen von Ehepaaren mit Kindern unterscheiden sich von denen allein erziehender Eltern sehr deutlich. Alleinerziehende sind häufiger in unteren Einkommensschichten zu finden, Ehepaare mit Kindern dagegen häufiger in höheren Einkommensschichten (auch im Vergleich zu Paaren ohne Kinder). Infolge rigider Arbeitsmärkte, fehlender Kinderbetreuungsmöglichkeiten und unzureichender Unterhaltszahlungen geraten viele allein erziehende Frauen trotz stabilisierender öffentlicher Einkommenstransfers in Einkommensarmut und Unterversorgungslagen. Die wirtschaftlichen Lebensverhältnisse eines großen Teils der allein erziehenden Frauen belegen eine soziale Segmentierung. [3] Es gibt ebenso Familiengruppen mit einer hohen Wohlstandsposition wie Familiengruppen in der Grauzone prekärer wirtschaftlicher Lebensverhältnisse oder in unmittelbaren Unterversorgungslagen. Fest steht, dass es einen breiten unteren Rand prekärer und von Armut geprägter Lebenslagen gibt.

Der Bundesregierung, die in ihrem Ersten Armuts- und Reichtumsbericht Armut über alternative Maße der Einkommensverteilung (ergänzend über die Vermögensverteilung) und über Ungleichheiten der Lebensbedingungen (ungleiche Bildungs- und Erwerbschancen und Formen der sozialen Ausgrenzung) zu identifizieren sucht, gelingt kein schlüssiger Ausweis von Armutszahlen. [4] Ende 1998 erhielten ca. 570 000 Familien mit etwa einer Million Kindern (unter 18 Jahren) laufende Hilfe zum Lebensunterhalt (Sozialhilfe). [5] 1999 waren rund 1,2 Millionen Familien mit schätzungsweise 2 Millionen Kindern überschuldet. [6] Außerdem spricht der Elfte Kinder- und Jugendbericht ". . .von etwa 250 000 überschuldeten Jugendlichen und Heranwachsenden in Deutschland" [7] . Mangelnde Zahlungsfähigkeit (Überschuldung) und ihre Folgewirkungen bilden ein hartes Indiz für Armut. Gelänge es, auf unterschiedliche Weise identifizierte Armutsgruppen von Überschneidungen zu bereinigen, läge das Niveau der Armutszahlen für Familien und Kinder sehr viel höher. So wachsen in Deutschland zum Beispiel drei bis vier Millionen Kinder und Jugendliche in Familien auf, in denen mindestens ein Elternteil suchtmittel-, insbesondere alkoholabhängig ist. [8] Es wird Zeit, dass sich in Deutschland eine Konvention der Identifizierung und Messung von Armut über Lebenslagen herausbildet (nicht über Maße der Einkommensverteilung), die eine Beurteilung der zahlenmäßigen Entwicklung von Armut ermöglicht. "Leibfried und Leisering bezeichnen Deutschland als eine '70-20-10-Gesellschaft', ein Urteil, das man mit einer gewissen Variation auf nahezu alle Industrienationen anwenden kann: 70 Prozent der Bevölkerung sind nie arm gewesen, 20 Prozent rutschen immer wieder einmal unter die Armutsgrenze, während 10 Prozent praktisch als dauerhaft arm anzusehen sind." [9]

Durch hohe Armutsrisiken gefährdet sind insbesondere folgende Bevölkerungsgruppen: Schulabbrecher und beruflich gering qualifizierte Jugendliche und Erwachsene (häufig aus zugewanderten Familien); Familien mit Langzeitarbeitslosen; Schwangere; allein erziehende Frauen; junge Familien mit kleinen Kindern, Migranten- und kinderreiche Familien.

Armut auslösende Faktoren bilden in erster Linie: Arbeitslosigkeit und niedrige Erwerbseinkommen, Probleme der Haushaltsführung und des Marktverhaltens (Bildungs- und Kompetenzdefizite bei der Haushaltsorganisation sowie auf Konsum- und Kreditmärkten) sowie kritische familiale Lebensereignisse (vor allem Problemlagen infolge einer Schwangerschaft und der Geburt eines Kinder oder infolge Trennung bzw. Scheidung). Auslösende Faktoren bilden auch berufliche Bildungsdefizite, Erkrankung und Unfall sowie Probleme von zugewanderten Familien. [10]

In Verarmungsprozessen entsteht ein enger werdender Handlungsrahmen mit einer Einschränkung von Spielräumen der Lebensverwirklichung, an den sich Familienhaushalte anzupassen haben. Ihnen wird ein diszipliniertes haushälterisches Verhalten abverlangt. Prioritäten müssen neu geordnet werden. Die Zwecke der Einkommensverwendung verändern sich. Auch die Einkommensverteilung auf die Familienmitglieder ändert sich. Unter Restriktionen versuchen Eltern zumeist die Deckung der gewohnten Lebenshaltung ihrer Kinder sicherzustellen. Einkommensarmut zieht häufig eine Destabilisierung anderer Lebenslagenbereiche nach sich, etwa der Gesundheit, der sozialen Integration und der Wohnverhältnisse. Schlechte Wohnlagen grenzen Familien aus und beeinträchtigen die Entwicklung von Kindern.

Kinderarmut betrifft die gesamte Lebenssituation von Kindern. [11] Eine isolierte Betrachtung würde verdecken, dass sich Versorgungslagen einzelner Familienmitglieder über den Gesamthaushalt ausformen. Selbst in wirtschaftlich armen Familien können Versorgungslagen sehr unterschiedlich sein. Bei dieser Differenzierung spielen die Beziehungen innerhalb der Familie und in Familiennetzen sowie die Ausschöpfung von Angeboten der sozialen Infrastruktur eine wesentliche Rolle. Gerade in armen Familien sind Kinder Gegenstand der Sorge und des Schutzes. Es gibt sehr viel mehr Eltern, die sich einschränken, um Kindern das Erforderliche zu geben, als Eltern, die an ihren Kindern "sparen". Kinderarmut steht dann erst am Ende einer von Eltern nicht mehr zu handhabenden Krisenlage. Möglichkeiten und Fähigkeiten der Familien, ihre Kinder ausreichend zu versorgen, nehmen mit der Dauer und Tiefe von Armutslagen ab (Kumulation). Zwar dürfte die Verbleibdauer in Armutslagen heute eher rückläufig sein, im Zeitablauf können sich Armutskrisen jedoch wiederholen. "Eine überraschend große Anzahl von Menschen überwindet die Armut - umgekehrt machen viel mehr Menschen als bislang angenommen irgendwann im Leben die Erfahrung, arm zu sein." [12]

"Insbesondere in Familien mit multiplen Problemlagen, beispielsweise bei Vorliegen von Sucht oder Überschuldung, kann Armut zu schlimmen Mangellagen bei Kindern führen". [13] Dies gilt auch bei innerfamilialer Gewalt. Kinder erleben dann nicht nur ihren eigenen Mangel, sondern auch das Unvermögen ihrer Eltern, Probleme zu bewältigen, was Kinder entmutigt und sie in ihrer Entwicklung zurückwirft.

Kinderarmut beschädigt das Selbstwertgefühl der Kinder, beeinträchtigt die Ausbildung ihrer Fähigkeiten und ihrer persönlichen Autonomie und gefährdet das Niveau ihrer schulischen und beruflichen Ausbildung. Die Erfahrung von Armutslagen kann aber auch findig machen und zu Überlebensfähigkeit erziehen. Gut funktionierende Eltern-Kind-Beziehungen und geeignete Lebensumgebungen können für Kinder Benachteiligungslagen ein Stück weit ausgleichen.

Fußnoten

3.
Lebenslagen in Deutschland - Erster Armuts- und Reichtumsbericht, Unterrichtung durch die Bundesregierung, Bundestags-Drucksache 14/5990 vom 8. 5. 2001, Teil A, Kap. II und III, S. 66 ff. und S. 80 ff.
4.
Vgl. ebd., S. 34 ff.
5.
Vgl. ebd., S. 74 f.
6.
Vgl. Dieter Korczak, Überschuldung in Deutschland zwischen 1988 und 1999, Schriftenreihe des BMFSFJ (Hrsg.), Band 198, Berlin 2001, S. 105 f., 134 f.
7.
Elfter Kinder- und Jugendbericht (Anm 1), B. III. 2.2 Risiken und Belastungen: Konsumdruck, Ausgrenzung und Verschuldung, S. 257.
8.
Vgl. Elfter Kinder- und Jugendbericht (Anm 1), B. IX. 1.2.4 Alkohol-, Nikotin-, Drogenmissbrauch, S. 435 f.
9.
Anthony Giddens, Die Frage der sozialen Ungleichheit (The Third Way and its Critics), in: Ulrich Beck (Hrsg.), Edition Zweite Moderne, Frankfurt/M. 2001, S. 124 f.
10.
Vgl. Michael-Burkhard Piorkowsky, Verarmungsgründe und Armutsprävention bei Privathaushalten, in: Materialien zur Familienpolitik Nr. 11, Lebenslagen von Familien und Kindern, BMFSFJ (Hrsg.), Berlin 2001; Dieter Korczak, Marktverhalten, Verschuldung und Überschuldung privater Haushalte in den neuen Bundesländern, Schriftenreihe des BMFSFJ (Hrsg.), Band 145, Stuttgart 1997.
11.
Vgl. Lothar Krappmann, Kinderarmut, in: Materialien (Anm. 10); Irmhild Kettschau, Armut in Familien - hauswirtschaftliche und haushaltswissenschaftliche Aspekte, in: Materialien (Anm. 10).
12.
A. Giddens (Anm. 9), S. 103.
13.
Tatjana Rosendorfer, Umgang mit Geld in der Familie als Armutsfaktor für Kinder, in: Materialien (Anm. 10).