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5.6.2002 | Von:
Michael Opielka

Familie und Beruf Eine deutsche Geschichte

I. Familienlaboratorium Deutschland

1. NS-Mutterpflicht



Man liest häufig, dass das Leitbild der Hausfrauenehe in Deutschland erst durch die Politik des nationalsozialistischen Regimes durchgesetzt wurde. Im historischen Rückblick auf die Geschichte der Frauenerwerbstätigkeit zeigt sich allerdings, so Birgit Pfau-Effinger, "dass die Hausfrauenehe ... schon deutlich früher in das Zentrum des Geschlechterarrangements gerückt war" [1] . In der Tat plädieren seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts praktisch alle gesellschaftlichen Gruppen (nicht nur) in Deutschland für das Familienmodell der Versorgerehe.

"Den ersten, besten und ihr gemäßen Platz hat die Frau in der Familie", so schwärmte Joseph Goebbels in seiner Eröffnungsrede anlässlich der Ausstellung "Die Frau" im März 1933. [2] Dennoch: Der familienpolitische Sonderweg der Nationalsozialisten lag weniger in einer Verdrängung der Frauen aus der Erwerbssphäre. Zwar wurde durch eine Vielzahl politischer Maßnahmen die Vollhausfrau gefördert, typisch war jedoch eine Paradoxie: Frauen sollten als Hausfrau und Mutter gestärkt werden und abrufbar sein für außerhäusliche Arbeit, zugleich wurde ihre traditionelle rechtliche Stellung in Ehe und Familie erschüttert. Die rassistische Zielsetzung des Regimes unterwarf die Frauen Eheeignungstests und Zwangssterilisationen, vor allem aber reduzierte sie die Männer auf ihre biologische Fortpflanzungsfunktion und förderte die sexuelle und soziale Verantwortungslosigkeit von Männern als Vätern. [3] Die Ehe wurde staatlich funktionalisiert, das bürgerlich-private Leitbild abgelehnt. Mutterschaft wurde zur nationalen und rassenideologischen Pflicht.

Die Erwerbsbeteiligung der Frauen wurde nach anfänglichen Kampagnen gegen die so genannten "Doppelverdiener" mit Umstellung auf die Kriegsproduktion ab 1936 massiv gefördert, so erhielten ab 1937 nur noch erwerbstätige Frauen einen Heiratskredit. [4] Der Erfolg dieser Maßnahmen, bis hin zur Melde- und Arbeitspflicht für Frauen ab 1943, blieb dennoch begrenzt. Die Erwerbsbeteiligung von Frauen stieg von Kriegsbeginn bis Kriegsende nur wenig an (von 14,5 auf 14,9 Millionen): "Die wesentliche Ursache dafür lag darin, dass Frauen, deren Männer in den Krieg gezogen waren, eine besondere finanzielle Unterstützung erhielten. Viele Frauen zogen sich daraufhin aus dem Erwerbsleben zurück - eine nichtintendierte Folge dieser Maßnahme." [5]

Die NS-Familienpolitik hinterließ ein kulturelles Problem: Die Hausfrauenehe und - noch allgemeiner - die Anerkennung der mütterlichen (Arbeits-)Leistung galt im Nachkriegsdeutschland und vor allem nach 1968 für viele kritische Intellektuelle als ein Produkt der faschistischen Mutterideologie. Das war historisch falsch und theoretisch folgenreich. Denn "Mütterlichkeit" stand nun unter politischem Verdacht.

2. DDR: Recht und Pflicht zur Erwerbsarbeit



In der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) wurde die Frauenpolitik unter dem Einfluss der sowjetischen Militäradministration bewusst und radikal von derjenigen der Nationalsozialisten abgegrenzt. Man propagierte unter Bezug auf die marxistischen Traditionen der deutschen Arbeiterbewegung ein neues Frauenbild, das mit mehrfachen Modifikationen bis zum Ende der DDR erhalten blieb. [6] Die "Frauenfrage" sei als soziales Problem nur mit der Aufhebung des Privateigentums zu lösen. Die Gleichheit der Geschlechter könne nur erreicht werden, wenn die Frau aus der familiären Versklavung und der ökonomischen Abhängigkeit vom Mann geführt und als eigenständiges ökonomisches Subjekt in die gesellschaftliche Produktion einbezogen werde. Im Zentrum stand deshalb zunächst die formale Gleichstellung der Frauen in der Arbeitswelt. Die Familie war - im Unterschied zu den westlichen Besatzungszonen - zunächst kein Thema der Politik: "Die weit gehende rechtlich-politische Abstinenz in Bezug auf die Familie bedeutete jedoch, dass am Status quo der Zuständigkeit der Frauen für die Familie nicht gerüttelt wurde; ihre Gleichberechtigung sollte über die Erwerbsbeteiligung erreicht werden, ohne dass ihre familialen Verpflichtungen Berücksichtigung fanden." [7] Ab Anfang der sechziger Jahre wurde die Politik der Integration der Frauen in die Erwerbsarbeit um eine Qualifizierungsoffensive erweitert, die durch erste sozialpolitische Maßnahmen zur Milderung der Doppelbelastung der Frauen durch Beruf und Familie ergänzt wurde (Haushaltstag usf.).

Rückblickend galten die ersten Phasen der Frauenpolitik in SBZ und DDR bis etwa 1964 "als die progressivsten im Sinne der Herstellung der Geschlechtergleichheit" [8] . Doch der Erfolg dieser Politik blieb bescheiden. Mit der Einführung eines neuen Familiengesetzbuches (1965) und dem VII. Parteitag der SED im Jahr 1967 wurde nun die Familie selbst zum Gegenstand politischer Interventionen. Beide Ehepartner wurden formal-rechtlich für Erziehung der Kinder und Hausarbeit zuständig. In Wirklichkeit änderte sich jedoch wenig. [9] Der familienpolitischen Wende der DDR-Politik wurde eine "Doppelbödigkeit" vorgeworfen: Ihr ging es, so Ute Gerhard, nicht in erster Linie um Geschlechtergleichheit auch innerhalb der Familie, sondern vor allem um die Funktionalisierung der Familie als Institution und Sozialisationsinstanz des sozialistischen Staates. [10]

Mit dem drastischen Geburtenrückgang ab Mitte der sechziger Jahre wurde seit dem VIII. Parteitag der SED 1972 die Familienpolitik und die - als Begriff erst eingeführte - Sozialpolitik auch bevölkerungspolitischen Zielen unterworfen, die Beeinflussung der Reproduktionsfunktion der Familie galt als vordringliche Aufgabe. Kernpunkte des bis in die Endzeit der DDR immer mehr erweiterten Maßnahmenpakets waren zum einen die sukzessive Erhöhung der Transferzahlungen, die an die Gründung der Familie bzw. die Geburt von Kindern geknüpft waren, die Ausdehnung des Schwangerschafts- und Wochenurlaubs und flankierend ein Ausbau des Dienstleistungs- und Betreuungssystems, das den Frauen nach dem Wochenurlaub die Rückkehr in das Erwerbssystem ermöglichen sollte. Das große Ziel der DDR-Sozialpolitik war die Absicherung der weiblichen Vollzeiterwerbstätigkeit, um der angesichts der Arbeitskräfteknappheit als bedrohlich erlebten Zunahme weiblicher Teilzeitarbeit zu begegnen. 1976 wurden ab dem zweiten Kind ein Babyjahr eingeführt und weitere Leistungen für Mütter verbessert, um eine Steigerung der Geburtenzahlen zu erreichen. Väter konnten zunächst weder das Babyjahr (dies erst ab 1986) noch den Haushaltstag nutzen: "Die Sonderrechte für berufstätige Mütter (verkürzte Arbeitszeit, verlängerte Erwerbsunterbrechungen) bedeuteten die erneute Zuordnung der Frauenpflichten zur Mutter." [11] Frauen waren so aus betrieblicher Sicht Risikofaktoren und folglich karrierestrategisch benachteiligt. Auf den Widerspruch zwischen Gleichstellungspostulat und faktischer Diskriminierung reagierten die Frauen (auch) in der DDR mit Reproduktionsverzicht. Seit Beginn der achtziger Jahre wurde verstärkt das Leitbild der Familie mit drei Kindern propagiert, ab 1986 konnte bereits mit der Geburt des ersten Kindes ein Babyjahr in Anspruch genommen werden, das nach der Geburt des dritten Kindes auf 18 Monate verlängert wurde.

Die Geburtenrate sank trotz dieser Maßnahmen auch in der DDR in den achtziger Jahren von 1,94 (1980) auf 1,57 (1989) [12] und näherte sich dadurch den stets noch niedrigeren Raten der Bundesrepublik an. Bemerkenswert ist, dass sich der Anteil der kinderlosen Frauen in der DDR kontinuierlich verringerte, und so mehr Frauen weniger Kinder zur Welt brachten. Kinder und Ehe gehörten in der DDR zur Normalexistenz, die Familie spielte eine zentrale Rolle. [13]

Zusammenfassend lässt sich die Politik der Vereinbarkeit von Familie und Beruf in der DDR mit Hildegard Nickel als "Kombinations-Arrangement" bezeichnen: Doppelerwerbstätigkeit beider Partner wurde mit staatlicher Kinderbetreuung kombiniert, die Idee der vollen Arbeitsmarktintegration von Frauen wurde mit ihrer primären Zuständigkeit für Haushalt und Kinderbetreuung verknüpft. In den neuen Bundesländern versuchen die Frauen bis heute nach diesem Modell zu leben. [14]

3. Westdeutschland: Von der Komplementarität zur Partnerschaft



Die Politik in der Bundesrepublik Deutschland knüpfte, anders als diejenige der DDR, unmittelbar an das bürgerliche Familienmodell der Hausfrauenehe an, das seit Anfang des 20. Jahrhunderts kulturell das Zentrum des Geschlechter-Arrangements gebildet hat. In den fünfziger Jahren wurde es erstmals tatsächlich auch auf breiter Basis praktiziert, in Westdeutschland wie im Übrigen auch in den USA. Nicht erwerbstätig zu sein wurde von und für Ehefrauen als ein Ausdruck von Wohlstand und Privilegien gedeutet. [15] Eva Kolinsky machte darauf aufmerksam, dass es keineswegs nur eine Allianz von Männern war, welche die Frauen in den Haushalt zurückschickte. In der unmittelbaren Nachkriegszeit waren es im Wesentlichen die Frauen selbst, die das physische Überleben organisierten, dabei Kompetenzen entwickelten und den vielfach entmutigten und seelisch beschädigten, aus dem Krieg heimkehrenden Männern gleich oder auch überlegen waren. Die Frauen wollten, so Kolinsky, in der Familie in einer Zeit des Chaos und der Zerstörung eine alternative Welt der "Normalität" finden, "den Traum von Normalität, Stabilität und persönlichem Status in einer Familienwelt" [16] . Zudem waren es vor allem Arbeiterfrauen, die in der Kriegswirtschaft eingesetzt worden waren. Für Mittelschichtfrauen bot das Erwerbssystem weder im noch unmittelbar nach dem Krieg qualifizierte Optionen. "Den Frauen entging damit eine große historische Chance", so Birgit Pfau-Effinger [17] , denn niemals war der Frauenanteil in der Bevölkerung so hoch, sie stellten 70 Prozent des Wählerpotenzials. Doch Frauen waren in Westdeutschland weder in leitenden politischen Positionen vertreten, noch hatten die Parteien dort eine besondere gleichstellungspolitische Absicht. [18]

In der Folge konzentrierte sich im Adenauer-Deutschland die Familienpolitik auf die Absicherung der Hausfrauenehe (Ehegattensplitting, Kindergeld, Mutterschutz u. a.), was "geringfügige" Teilzeitarbeit durchaus einschloss, sodass Frauen mit dem Selbstverständnis als Hausfrau unter dem materiellen Schutz der Versorgerehe ein geringes zusätzliches Einkommen erzielen konnten. Empirische Studien, wie sie von Elisabeth Pfeil und Helge Pross in den sechziger und frühen siebziger Jahren durchgeführt wurden, zeigten bei jungen Frauen durchgängig eine familienzentrierte Lebensplanung und bei Hausfrauen eine ambivalente Einstellung zur Erwerbsarbeit. Denn mit der Demokratisierung und Liberalisierung der westdeutschen Gesellschaft vor allem nach 1968 und der Entstehung einer neuen Frauenbewegung sahen viele Frauen nur in der Erwerbsarbeit die Möglichkeit ihrer Emanzipation. Doch sie fürchteten, in jener "Außenwelt" mit den Männern nicht konkurrieren zu können.

Das hat sich infolge der starken Expansion des Bildungswesens zu Beginn der siebziger Jahre deutlich geändert. Für die Töchtergeneration der achtziger und neunziger Jahre bildet die Erwerbstätigkeit einen zentralen Kern ihres Biografieentwurfs. Birgit Pfau-Effinger erklärt den Wandel in der Orientierung von westdeutschen Frauen gegenüber der Erwerbsarbeit vor allem damit, dass es auf der kulturellen Ebene zu einer Vertiefung des Widerspruchs kam zwischen allgemeinen Bürgerrechten einerseits und den tradierten Mustern von Ungleichheit in der Ehe andererseits. Zudem verloren die Werte von Fürsorge, Aufopferung und Selbstlosigkeit, die an die Hausfrauenrolle geknüpft waren, in den Zeiten der Individualisierung und des Hedonismus immer mehr an Bedeutung. Der entscheidende Wendepunkt lag in den siebziger Jahren: Diejenigen Frauen, die sich ganz ihrer Familie widmeten, wurden nun - in einer Zeit, die Individuen nach ihrer Stellung in der beruflichen Hierarchie klassifiziert - als "Nicht-Arbeitende" abqualifiziert. [19] Weitere Gründe für den Wertewandel im Verhältnis von Familie und Beruf für Frauen finden sich im Brüchigwerden lebenslanger Ehekontrakte, im erhöhten Wohlstandsniveau und in gehobenen Konsumansprüchen sowie, aufgrund der Bildungsexpansion, in neuen Zugängen von Frauen zu qualifizierten Berufsfeldern. Von erheblicher Bedeutung war schließlich das Wachstum des Dienstleistungssektors in den letzten Jahrzehnten, das vor allem der Frauenerwerbstätigkeit zugute kam.

Die bundesrepublikanische Familienpolitik reagierte auf den sozialen und kulturellen Wandel vor allem während der sozialliberalen Koalition (1969 - 1982) ambivalent. Einerseits wurde beispielsweise das Eherecht mit dem Ziel der Gleichstellung beider Partner reformiert, wie überhaupt die SPD von der Gestaltbarkeit sozialer Wirklichkeit durch Recht ausging. Andererseits wurde die Frauenerwerbstätigkeit nicht nur gefördert (Berufsbildung, Bafög u. a.), sondern auch problematisiert. So konstatierte die Bundesregierung in ihrem zweiten Familienbericht (1974) erhebliche "Sozialisationsstörungen" in der Familie, die ihre Ursache auch in der "bedauerlichen Zunahme der Erwerbstätigkeit verheirateter Frauen" fände. Die SPD diskutierte (1979) die Einführung eines Erziehungsgeldes, das in der Frauenbewegung sehr umstritten war: Während die einen in einem "Lohn für Hausarbeit" eine Festschreibung patriarchaler Abhängigkeit erkannten, sahen andere darin die überfällige Anerkennung der gesellschaftlich notwendigen Arbeit von Müttern und Hausfrauen. [20]

Mit der christlich-liberalen Koalition ab 1982 erfolgte eine rhetorische Wende: Anders als während der sozialliberalen Koalition wurde nun weniger die partnerschaftliche Aufgabenteilung in der Familie fokussiert; vielmehr hob man auf familiale Werte ab und zielte unter der Signatur einer "neuen Partnerschaft zwischen Frau und Mann" mit dem 33. Bundesparteitag der CDU (1985) nicht mehr auf die Gleichberechtigung der Partner (auch zur Erwerbsarbeit), sondern auf die Gleichwertigkeit von Hausarbeit und außerhäuslicher Erwerbsarbeit. Konsequent wurde 1986 (zeitnah übrigens zu vergleichbaren Regelungen in der DDR) das Erziehungsurlaubs- und Bundeserziehungsgeldgesetz verabschiedet, wobei die Zahlungen von Anfang an so niedrig (und zudem nicht indexiert) waren, dass sie fast ausschließlich von Frauen in Anspruch genommen wurden. Es ist historisch bemerkenswert, dass sowohl diese Reformen wie zehn Jahre später die Einführung eines Rechtsanspruches auf einen Kindergartenplatz mit der Reform des Jugendhilferechts auch (manche sagen: vor allem) als familienpolitische Kompensationen von jeweils parallelen Veränderungen des Abtreibungsrechtes (§ 218) gelesen werden können.

Trotz der Plausibilität frauenpolitischer Kritik an einer im europäischen Maßstab eher konservativen bundesrepublikanischen Politik zum Verhältnis von Familie und Beruf scheint diese zumindest für längere Zeit durchaus nicht an den Bedürfnissen der Bürgerinnen und Bürger vorbei gehandelt zu haben. Für westdeutsche Frauen kennzeichnend war auch noch in den neunziger Jahren ein Vereinbarkeitsmodell auf der Grundlage zeitlich reduzierter Beteiligung am Erwerbsleben: Einer Repräsentativbefragung von Allensbach im Jahr 1996 zufolge würden 46 Prozent der Frauen am liebsten Mutter und in Teilzeit berufstätig, immerhin 33 Prozent würden am liebsten ausschließlich Hausfrau und Mutter sein, wobei letzteres von Frauen der älteren Generation bevorzugt wird, eine Abnahme jenes Leitbildes also wahrscheinlich ist. Nur 8 Prozent der westdeutschen Frauen wollen eine vollberufstätige Mutter und nur 9 Prozent eine kinderlose "Karrierefrau" werden oder bleiben. [21]

Diese Einstellungen sind keineswegs unrealistisch, denn die westdeutschen Männer haben sich - ähnlich wie ihre ostdeutschen Geschlechtsgenossen - nur in sehr begrenztem Umfang verstärkt auf ihre Kinder und insbesondere die Kinderbetreuung eingelassen. Zwar spielt eine partnerschaftliche Beteiligung der Männer an Hausarbeit und Kinderbetreuung für viele Frauen eine wichtige Rolle. Hier kommt es auch zu vielen häuslichen Konflikten. Gleichzeitig wird anscheinend aber die Norm der Vollzeitbeschäftigung, die Rolle des männlichen "Familienernährers", die Versorgerehe und das Modell der "Eineinhalb-Erwerbstätigkeit" in der Phase aktiver Elternschaft auch von den Frauen der jüngsten Generation kaum infrage gestellt. "Man könnte", so Pfau-Effinger, "die zugrunde liegende Idee tendenziell als ‘Gleichstellung in der Differenz‘ im Rahmen der Versorgerehe bezeichnen: Viele Frauen möchten frauenspezifische, in der Familienphase mit Elementen privater Mutterschaft verbundene Lebensläufe verfolgen können, ohne deshalb gegenüber Männern gesellschaftlich benachteiligt zu werden." [22]

4. Ostdeutschland: Anschluss an das moderne Europa



Mit der deutschen Einheit prallten zunächst die geschlechterpolitischen Unterschiede zwischen Ost und West aufeinander. Bis heute unterscheiden sich die Orientierungen ost- und westdeutscher Frauen zur Vollzeiterwerbstätigkeit, allerdings mit einer gewissen Konvergenz in Richtung der westlichen Leitbilder der "Gleichheit in Differenz". Man könnte die Lage vereinfacht wie folgt beschreiben: Die Frauen wollen überwiegend Kinder, Männer ebenso. Da Kinder mit Arbeit verbunden sind, stellt sich die Frage, wer die Arbeit macht. Für die ersten drei Lebensjahre sieht in den westlichen Bundesländern weit mehr als die Hälfte der Frauen in einer Professionalisierung und Institutionalisierung der Kinderbetreuung keine Lösung, in den östlichen Bundesländern ist dieser Anteil merklich geringer. Doch selbst bei einem hohen Professionalisierungsgrad bleibt gerade bei kleinen Kindern viel Arbeit übrig, die Notwendigkeit der Präsenz und Bereitschaft. Wer soll diese Zeitinvestition erbringen? Die Männer wollen an ihrem Erwerbsverhalten wenig ändern, was die Frauen durchaus unterstützen. Somit bleibt die Familienarbeit den Frauen. Sicher, das ist eine einfache Beschreibung. Doch sie wird von der Datenlage gestützt: "In der ganz überwiegenden Mehrheit aller Familien scheint die Verantwortung für die Hausarbeit nach übereinstimmender Auffassung bei den Frauen zu liegen, während die Beteiligung der Männer als Hilfe bei der Hausarbeit interpretiert wird." [23]

Das ist im Übrigen nicht nur im vereinten Deutschland der Fall, sondern auch in anderenorts, selbst in den als moderner gedeuteten skandinavischen Ländern. [24] Männer sind zudem verbal eher zur Haus- und Erziehungsarbeit bereit als in ihrem Verhalten. Dies spricht für eine gewisse Ungleichzeitigkeit von Bewusstsein und Tat, aber wohl auch für erhebliche objektive Hindernisse. Je länger nämlich bei vergleichbarer Qualifikation beider Partner die bezahlte Arbeitszeit der Partnerin ist, umso mehr sind die Männer zur Hausarbeit motiviert.

Fußnoten

1.
Birgit Pfau-Effinger, Kultur- und Frauenerwerbstätigkeit in Europa. Theorie und Empirie des internationalen Vergleichs, Opladen 2000, S. 114.
2.
Zit. nach Claus Mühlfeld/Friedrich Schönweiss, Nationalsozialistische Familienpolitik, Stuttgart 1989, S. 61.
3.
Vgl. Gabriele Czarnowski, Das kontrollierte Paar. Ehe und Sexualpolitik im Nationalsozialismus, Weinheim - Basel 1991.
4.
Vgl. Eva Kolinsky, Women in West Germany. Life, Work and Politics, Oxford u. a. 1989.
5.
B. Pfau-Effinger (Anm. 1), S. 115.
6.
Vgl. Kerstin Bast/Ilona Ostner, Ehe und Familie in der Sozialpolitik der DDR und BRD - ein Vergleich, in: Winfried Schmähl (Hrsg.), Sozialpolitik im Prozess der deutschen Vereinigung, Frankfurt/M. - New York 1992, S. 228 - 270.
7.
Katrin Schäfgen, Die Verdopplung der Ungleichheit. Sozialstruktur und Geschlechterverhältnisse in der Bundesrepublik und in der DDR, Opladen 2000, S. 93.
8.
Ebd., S. 102.
9.
Die Zeitbudgetanalysen der DDR - geschlechtsgetrennte Zeitreihen liegen nur für die Periode 1974 bis 1985 vor - verweisen auf eine konstant geringere Beteiligung der Männer an der Familienarbeit: Der Anteil der Männer an den hauswirtschaftlichen Tätigkeiten stieg in diesem Zeitraum zwar von 26,4 auf 30,1 Prozent, an der Pflege, Betreuung und Beschäftigung mit Kindern von 24,1 auf 25,8 Prozent, doch dürfte es sich um statistische Artefakte handeln, da sich der absolute Arbeitseinsatz der Männer nicht erhöhte, nur derjenige der Frauen für diese Zeitbudgetanteile leicht sank. Vgl. Günter Manz/Gunnar Winkler (Hrsg.), Sozialpolitik, Berlin 1988², S. 198.
10.
Vgl. Ute Gerhard, Die staatlich institutionalisierte "Lösung" der Frauenfrage. Zur Geschichte der Geschlechterverhältnisse in der DDR, in: Hartmut Kaelble u. a. (Hrsg.), Sozialgeschichte der DDR, Stuttgart 1994, S. 383 - 403.
11.
K. Schäfgen (Anm. 7), S. 109.
12.
Vgl. Hartmut Wendt, The Former German Democratic Republic: the Standardized Family, in: Franz-Xaver Kaufmann u. a. (Hrsg.), Family Life and Family Policies in Europe. Vol. I, Oxford 1997, S. 119.
13.
Hartmut Wendt spricht von der "standardisierten Familie" und einer "standardisierten Mutterschaft" insoweit, als Lebensmodelle neben der Doppelerwerbsehe sozial und rechtlich diskriminiert wurden. Familienformen neben der Kernfamilie, wie nichteheliche Lebensgemeinschaften oder Alleinerziehende, nahmen allerdings auch in.der DDR zumindest in den achtziger Jahren zu. Vgl. H. Wendt (Anm. 12), S. 148 f.
14.
Vgl. B. Pfau-Effinger (Anm. 1), S. 128.
15.
Vgl. E. Kolinsky (Anm. 4), S. 24.
16.
Ebd., S. 37 (Übersetzung durch den Verfasser des Beitrages).
17.
B. Pfau-Effinger (Anm. 1), S. 119.
18.
"Ausschlussstrategien männlicher Akteure im Erwerbssystem und die kulturellen Orientierungen eines größeren Teils der Frauen haben offenbar gemeinsam dazu beigetragen, einen möglichen Wandel im Geschlechter-Arrangement zu verhindern." Ebd.
19.
Ebd., S. 121.
20.
Vgl. K. Schäfgen (Anm. 7), S. 80 f.
21.
Vgl. B. Pfau-Effinger (Anm. 1), S. 126.
22.
Ebd., S. 128, vgl. auch Michael Opielka/Ilona Ostner, Umbau des Sozialstaats?, in: dies. (Hrsg.), Umbau des Sozialstaats, Essen 1987, S. 7 - 22, die in diesem Zusammenhang von "Teilhabe" als Leitidee sprechen, als eine Art Synthese der historischen "Differenz" zwischen den Geschlechtern und dem marxistisch-feministischem Postulat der "Gleichheit". Zu einer systematischen familienpolitischen Diskussion vgl. Michael Opielka, Familie und Familienpolitik, in: Franz-Michael Konrad (Hrsg.), Kindheit und Familie. Beiträge aus interdisziplinärer und kulturvergleichender Sicht, Münster 2001, S. 227 - 247.
23.
Franz-Xaver Kaufmann, Zukunft der Familie im vereinten Deutschland, München 1995, S. 127.
24.
Die Männer dort betrachten ihre Beteiligung am Haushalt als "freiwillige Leistung", als "Liebesbeweis", womit sie "in hohem Maße von der emotionalen Stabilität der partnerschaftlichen Beziehung abhängig" ist. Ebd.