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5.6.2002 | Von:
Michael Opielka

Familie und Beruf Eine deutsche Geschichte

III. Familie als Sozialkapital - Zukunftsinvestitionen

Sozialpolitik ist mehr als manch andere Teilpolitik die Kunst des Kompromisses. Der Vergleich der familienpolitischen Programme beider Volksparteien offenbart über weite Strecken ähnliche und - unter Abzug der milieubedingten Referenzen - auch identische Vorstellungen. Selbst die destillierte Differenz lässt Kompromisse denkbar erscheinen, zumal der untersuchte SPD-Leitantrag in ein neues Grundsatzprogramm erst noch einfließen soll.

Im Kern geht es um Fragen an die Verfassung unserer Gesellschaft, die letztlich nur gemeinsam von allen relevanten gesellschaftlichen Gruppen beantwortet werden können. Unsere Eingangsüberlegungen galten dem Verhältnis des Wertes der Arbeit in verschiedenen gesellschaftlichen Sphären, hier der Arbeit in der Familie zur Arbeit im marktvermittelten Erwerbssystem. Während über Jahrzehnte eine Aufwertung der Familienarbeit letztlich nur politisch abgeleitet, vor allem durch Unterhaltsarrangements, und als Problem der Frauen verhandelt wurde, scheint sich nun eine grundlegende Neubewertung der Familienarbeit zumindest als Möglichkeit abzuzeichnen. [54] Diese Neubewertung verdankt sich auch einer Aufmerksamkeit der soziologisch informierten Gesellschaft für jene gemeinschaftlichen Bindungen, Werte, Normen und Institutionen, die neuerdings unter dem Begriff des "Sozialkapitals" [55] gefasst werden und die der 5. Familienbericht der Bundesregierung als "Humankapital" bzw. "Humanvermögen" erörterte. Die Familie spielt bei der Bildung von Sozial- bzw. Humankapital eine zentrale Rolle, die mit Hilfe von repräsentativen Zeitbudgetstudien und der "Satellitenrechnung Haushaltsproduktion" des Statistischen Bundesamtes unterdessen die nötige Wahrnehmung erfährt: "Es ist also realistisch, davon auszugehen, dass der Gesamtwert der in die Sozialprodukterhebungen nicht eingehenden Hausarbeit mehr als die Hälfte des Sozialprodukts ausmacht", fasst Franz-Xaver Kaufmann den Stand der Forschung zusammen. [56]

Die Anerkennung des Wertes der in den Familien geleisteten Arbeit ist heute empirisch gut begründbar. Jetzt ist die Politik gefragt, geeignete institutionelle Muster zu formulieren, die diese Anerkennung sichtbar machen - wie jede gesellschaftliche Institution Träger von Sinnvollzügen ist. Kritiker dieser Überlegungen mögen eine Art Familiensozialismus vermuten. Die Vermutung ist nicht abwegig. Denn alle Sozialpolitik lässt sich, wie es der sozialdemokratische Sozialpolitiklehrer Eduard Heimann in den zwanziger Jahren formulierte, als "Sozialismus im Kapitalismus" lesen.

Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf erweist sich in gesellschaftspolitischer Perspektive mithin als ein Thema, das mit den Rezepten der Vergangenheit nicht bearbeitet werden kann. Es erfordert eine grundlegende Erweiterung der sozialpolitischen Programmatik, eine Transformation des erwerbszentrierten Wohlfahrtsstaates und eine Anerkennung der Arbeit in der Familie als gesellschaftliche Arbeit.  

Internetverweise des Autors: 

Familienpolitik im Internet:
http://www.familienpolitik-online.de

http://www.heidelberger-familienbuero.de

http://www.deutscher-familienverband.org

Bundesfamilienministerium:
http://www.bmfsfj.de

http://www.familie-deutschland.de

Familien-Audit der Hertie-Stiftung:
http://www.beruf-und-familie.de

Fußnoten

54.
Vgl. Andreas Netzler/Michael Opielka (Hrsg.), Neubewertung der Familienarbeit in der Sozialpolitik, Opladen 1998; Christian Leipert (Hrsg.), Familie als Beruf: Arbeitsfeld der Zukunft, Opladen 2001; A. Krebs (Anm. 52).
55.
Vgl. Robert D. Putnam, Bowling Alone. The Collapse and Revival of American Community, New York u. a. 2000.
56.
F.-X. Kaufmann (Anm. 23), S. 75.