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5.6.2002 | Von:
Jutta Ecarius

Ostdeutsche Kindheiten im sozialgeschichtlichen Wandel

Familiale Generationenlinien der Jahrgänge 1908 - 1929, 1939 - 1953 und 1968 - 1975

II. Empirische Analyse von drei Kindergenerationen in Familien

1. Geordnete Kindheit: die älteste Kindergeneration (1908 - 1929)



Die älteste Generation erfährt die Erziehung der Eltern, die circa um 1885 geboren sind, als Befehlen und Unterordnung. Gehorsam ist ein zentraler Inhalt der Erziehung: "Wir waren damals so erzogen, das, was die Eltern wollten und sagten, das haben wir getan." (geb. 1908, weiblich). Sie lernen, die Wahrheit zu sagen und nicht zu lügen. Die Eltern regeln auch die Interaktionen zwischen den Geschwistern. Zudem bestimmen sie die Kleiderordnung. Die Mädchen dürfen nur "Röcke" tragen und als Haartracht bevorzugen sie "Schnecken hinter den Ohren" (1908, w.). Gesungen werden Volkslieder, gelesen werden Kirchenblätter, aber auch Klassiker. Typisch für die Kindheit der ältesten Generation, die in bäuerlichen Familien aufwächst, ist, dass sie schon früh in der Landwirtschaft mithelfen. "Wie ich ein bisschen größer war, da wurde schon Arbeit verlangt." Oder: "Es war nicht zu viel, aber wir hatten ganz schön unsere Pflichten" (1917, w.).

Mag aus gegenwärtiger Sicht das Konzept des Befehlshaushaltes als stark reglementierend und kontrollierend erscheinen, so verdeutlichen die ErzählerInnen, dass dies Teil ihrer alltäglichen kindlichen Lebenswelt ist. Daraus resultiert auch das Verständnis für die elterliche Erziehungspraxis. Wenn es eine Ohrfeige gibt, die als ungerecht empfunden wird, "war alles aus Liebe und ich akzeptierte das" (1913, m.). Die Erziehung wird trotz Strenge und der Forderung nach Unterordnung als liebevolle Erziehung erinnert. Kritik an der Erziehung äußern sie, wenn sie sich vernachlässigt fühlen. Auch wenn Verständnis dafür gezeigt wird, dass die Eltern in berufliche Notwendigkeiten eingebunden sind, wird der Wunsch geäußert, dass die Eltern "sich mehr um die Kinder kümmern, mehr für die Kinder da sein" könnten (1908, w.). Diese Kritik bezieht sich nicht auf die Regeln des autoritären Befehlshaushaltes. Die Erziehung zur Sauberkeit, Ordnung, Wahrheitsliebe bleiben positive Erziehungsinhalte.

Dazu gehört auch das Erleben von Christlichkeit, das typisch für die Kindheitserfahrungen der ältesten Generation ist. Religion ist Teil des familialen Alltags. Es wird erzählt, dass die Eltern den "Glauben in‘s Herz gepflanzt haben" (1913, m.). Kindheitserfahrungen und das Einüben christlicher Werte sind so sehr in den Alltag eingebettet, dass teilweise im Sinne von "das klappte alles" (1910, w.) bilanziert wird.

Kindheitserinnerungen sind eng verbunden mit den Erfahrungen einer geschlechtsspezifischen Erziehung. Die Jungen verspüren Ängstlichkeit und Ohnmachtsgefühle, fühlen sich klein und oft unterlegen. Es sind nicht nur die Eltern, welche die Kinder ängstigen, sondern auch die Gleichaltrigen. Herr Abel berichtet, dass ihn die Schulkameraden vom Fahrrad gestoßen und einmal sogar "gekreuzigt" haben. Herr Lau hat als Kind Angst vor dem Hauswirt, der die "ganze Familie tyrannisierte". Die Mädchen erzählen von "Handarbeiten", aber auch von Spielen mit Gleichaltrigen. Sie sind als Jugendliche im Wanderverein, besuchen die Kirmes und nehmen am Gemeinde- und Bibelkreis teil.

Jungen und Mädchen beschreiten Ausbildungswege, auch gegen ihren Protest. Manche Mädchen erleben die geschlechtsspezifische Benachteiligung als Freiraum: "Ich weiß bloß, dass ich dachte, ‘ach, brauchst Du nicht mehr so viel zu lernen‘." Von wissbegierigen Mädchen wird die Schule demgegenüber positiv erinnert, wobei die Hoffnung auf eine spätere erfolgreiche berufliche Laufbahn enttäuscht wird. Die Eltern lenken den schulischen Weg der Mädchen in geschlechtsspezifische Bahnen und fordern Unterordnung. Die Jungen aus bürgerlichen Familien oder solchen mit Grundbesitz werden mit konkreten schulischen und beruflichen Erwartungen konfrontiert, die zu erfüllen sind. Daraus resultiert für manche Jungen das Gefühl der Überforderung und Ängstlichkeit, aber auch der Anspruch, ein bürgerliches Leben führen zu wollen. Für wieder andere ist Schule Zwang. "Während ich in der Schulzeit oft elend aussah, blühte ich in den Ferien auf und fühlte mich da erst richtig frei" (1913, m.).

Kinder aus dem Arbeitermilieu erleben Beschränkungen durch das Schul- oder Lehrgeld, das die Eltern nicht aufbringen können. Kindheit im Arbeitermilieu heißt oft Leben in Armut. Primitive Wohnverhältnisse in Souterrainwohnungen, Waschküchen als Badezimmer sowie ärmliche Kleidung werden erinnert. "Zu essen gab es auch nichts. Dann hatten die von ihrem Futterrest Maisschrot und Hafer, und da haben wir dann davon gelebt. Maisschrot, der ließ sich gut kochen und Sirup dazu" (1909, m.). Wenn nicht von Hunger berichtet wird, dann von der Eintönigkeit des Essens und Luxusgütern wie bspw. Butter. Aufwachsen bedeutet, "Holzpantoffeln" zu tragen und "in den Sommermonaten barfuß zu laufen" (1913, m.). Zugleich wird zwischen Erziehung und ärmlichen Verhältnissen unterschieden. "Wir sind gut erzogen worden, aber hinten und vorne fehlte es. Da hatten wir keine Schuhe, da gingen wir barfuß" (1909, m.).

Der Familienverband stellt insgesamt die primäre Lebens- und Erfahrenswelt dar. Das Zusammenleben mit Geschwistern, aber auch mit Großeltern und weiteren Verwandten wie Tanten und Onkeln gehören zu den zentralen Erfahrungen in der Kindheit. Kindheit wird gleichgesetzt mit der Einbindung in die Strukturen der Familie, der Anwesenheit der Eltern und Großeltern, milieu- und geschlechtsspezifischen Sozialmilieus, in denen Gehorsam und Unterordnung, aber auch Religiosität, Pflichterfüllung, Ehrlichkeit, Pünktlichkeit, Gerechtigkeit und Für-das-Gute-dasein selbstverständliche Verhaltensanforderungen sind.

2. Nachkriegszeit als Normalität: die mittlere Kindergeneration 1939 - 1953



Auch in dieser Zeitperiode wird Kindheit als Aufwachsen in einem großen Familienverband erinnert. Jedoch sind es nun auch die Großeltern, die ansatzweise Erziehungsaufgaben übernehmen. Da die Mütter in diesem Sample überwiegend berufstätig sind, übernehmen einige Großmütter, die um 1885 Geborenen, die Erziehung und werden so zu zentralen Bezugspersonen. "Die Oma wusste immer Rat und konnte einem helfen, wenn man hingefallen war" (1943, w.). Die Großmütter werden als streng erinnert: "Meine Großmutter, ja, die hat schon mal schnell, einen kleinen Klaps gab‘'s da schon mal drauf, war dann zwar gleich wieder gut, aber das gab es schon mal, so ein bisschen was" (1943, w.). Aber nicht nur die Großmütter sind zentrale Bezugspersonen. Zu Ersatzeltern werden auch ältere Geschwister, die sich um die Jüngeren kümmern. Die älteste Schwester war "fast wie eine kleine Mutti" (1943, w.). In den Familien, in denen der Vater fehlt, setzen die Kinder andere Personen an dessen Stelle: "Die Tante hat auch ein bisschen die Vaterstelle ersetzt, denn sie war strenger als meine Mutter und hat sich manchmal ein bisschen eingemischt in unsere Erziehung" (1941, w.). Die Abwesenheit des Vaters ist für die Kinder nicht nur schmerzlich. Das soziale Umfeld wird als vollständig und natürlich erlebt, auch wenn der Vater in Gefangenschaft ist (1939, m.). Die Kinder konzentrieren sich auf die anwesenden Personen.

Kindheit der Nachkriegsgeneration heißt, die Überlastung der Eltern sowie deren erfahrene Schicksalsschläge zu spüren: "Meine Mutter war zu gütig... . . ., aber sicher kam das dadurch, dass sie immer abgespannt war und etwas erschöpft und überlastet, und streng konnte sie gar nicht sein" (1943, w.). Die zweite Generation wünscht sich die Mutter manchmal "lebensfroher, unter anderen Umständen wäre sie vielleicht auch anders gewesen" (1942, w.). Gewünscht werden mehr Einfühlungsvermögen und mehr zur Verfügung stehende Zeit, manchmal auch mehr Strenge. Die Zwiespältigkeit von wenig gemeinsamer Zeit und liebevoller Zuwendung ist eine schmerzliche und zugleich schöne Erinnerung: "Ich kann mich erinnern, auf der einen Seite doch viel Liebe von meinen Eltern erhalten zu haben, auf der anderen Seite, dass sie ganz wenig Zeit für uns hatten und wir viel verteilt worden sind an Bekannte, Verwandte, Hausangestellte" (1944, w.).

Diese Kindergeneration erfährt überwiegend einen autoritären Befehlshaushalt sowie eine christliche Erziehung. "Ich komme aus einem christlichen Elternhaus, und da sind natürlich diese Werte auch in der Erziehung von Bedeutung gewesen, das heißt ja Wahrhaftigkeit, Hilfsbereitschaft, Verlässlichkeit" (1939, m). Emotionale Fürsorge, autoritärer Befehlshaushalt und religiöse Erziehung markieren die Kindheitserfahrungen. Die Kinder ordnen sich in den Familienalltag ein, helfen im Haushalt und folgen der Anforderung nach Sauberkeit: "Bevor man zu Tisch geht, wäscht man sich die Hände" (1942, m.). Auch wenn der Regelkanon der Familie insgesamt noch relativ streng ist, erleben sie etwas mehr Freiräume. Sie dürfen abends länger aufbleiben und ihre Freunde weitgehend selbst aussuchen (Abel 1939, m.). Erinnert werden aber auch körperliche Strafen. "Da gab es eben eine Schelle, wenn es nicht so gelaufen ist, und meine Mutter hat sich auch nicht nerven lassen" (1940, m.).

Kindheit heißt auch, Junge oder Mädchen zu werden. Jungen erzählen von Streichen und "Rabaukentum" (1943, m.). Für sie sind es die Gleichaltrigengruppen, in denen sie Mutproben bestehen oder gar Scheunen anzünden. Zugleich erleben sie sich innerhalb der Familie als schüchtern und ängstlich und erzählen von Kinderkrankheiten wie Mandeln oder Mumps. Die Mädchen der mittleren Generation müssen im Haushalt helfen und geschlechtsspezifische Aufgaben übernehmen. Auch das Spielzeug ist je nach Geschlecht unterschiedlich. Manche der Mädchen erinnern, dass sie lieber die Straße oder das Gelände bevorzugt haben und der Puppenwagen uninteressant war. Aber in der Schule stehen ihnen nun andere Bildungswege offen.

Kindheit heißt für manche auch Aufwachsen in Baracken, in Kälte und Armut. Die Kleidung wird aus Matratzenstoffen genäht und für die Jüngeren umgearbeitet. Hervor stechen jedoch die schönen Erlebnisse. Wir "sind viel im Wald gewesen, haben Pilze gesammelt, Beeren, Holz gesammelt zum Heizen und dies und jenes, wie das halt nötig war damals, aber das war eine relativ schöne Kindheit, das muss ich sagen" (1944, w.). Wieder andere erleben Kindheit ohne Hunger (1939, m.; 1942, w.). Für sie ist Kindheit aufgrund der Lebensbedingungen etwas Besonderes, ein Gemeinschaftserleben mit anderen: "Notleiden brauchten wird nicht, aber es war sicher auch ein anderes Verhältnis der Kinder untereinander, als es jetzt ist, weil jeder hatte nicht so viel und alle haben zusammen gehalten" (1942, w.).

Kinder mit bürgerlichem Hintergrund erleben den Widerspruch zum sozialistischen Umfeld in der DDR und lernen, sich zwischen diesen beiden Welten zu bewegen. Sie haben sich mit der Schule und ihren Normierungen auseinander zu setzen. "Die Schulzeit war für mich sehr übel, weil ich in diesem Viertel, da waren wir als Kapitalistenkinder ziemlich gebrandmarkt, kann man schon sagen, und das habe ich auch in der Schule sehr gespürt" (1943, w.). Stigmatisierungen bis hin zu Ausgrenzung werden zu Alltagserfahrungen. Für die Kinder ist die Schule weder ein Freiraum gegenüber den Eltern noch ein besonderer Kommunikationsort mit Gleichaltrigen, sondern eher einer der Ausgrenzung und Gängelung. Sind die Kinder religiös, erfahren sie ebenfalls Reglementierungen: "In der Schule wurden wir doch manchmal angegriffen, wurden nicht so akzeptiert von den Lehrern. Der Schuldirektor hatte mich ein paarmal bestellt, und da war ich doch oft angegriffen worden" (1943, w.). Die religiöse Orientierung kann aber auch zu familialen Konflikten führen, wenn die Kinder eine sozialistische Grundhaltung entwickeln (1942, w.). Teilweise verliert sie auch an Bedeutung.

Eine sozialistische Erziehung gelingt, wenn die Kinder im Elternhaus keine kritische Einstellung zum DDR-Regime erfahren, Religion unbedeutend ist und die Betreuungseinrichtungen genutzt werden. Erziehung wird nun auch aktiv von der Schule übernommen: "Du, wenn die meinten, Oberschule muss sein, dann war das so" (1943, w.). In der Familie wird wenig Leistungsdruck ausgeübt. "Sie konnte auch nicht, sie war eine sehr einfache Frau" (1943, w.). Andererseits werden von den Eltern schulische Erwartungen und Leistungsansprüche an die Kinder herangetragen. Interessant ist hier, dass gerade bei den um 1945 Geborenen die Eltern an Vorstellungen ihres Herkunftsmilieus ansetzen und versuchen, ihre Kinder zu beeinflussen. Der Besuch der Oberschule und der Abschluss des Abiturs wird von Eltern und auch Großeltern mit bürgerlichem Hintergrund als selbstverständlich erachtet, auch wenn die Kinder politische Konflikte in der Schule erfahren. Dort erlebt die mittlere Kindergeneration eine sozialistische Kontrolle oder aber Stütze, je nach sozialer Herkunft.

3. Familie, Schule und Gemeinde: die jüngste Kindergeneration 1968 - 1975



Die jüngste Generation erlebt weitgehend eine moderne Erziehung, eine Erziehung an der kurzen Leine, teilweise versehen mit Elementen des Befehlshaushalts: "einerseits ziemlich locker und andererseits mit einer ziemlichen Strenge" (1970, w.). Es überwiegt jedoch eine Erziehung des Verhandelns. Es gab "nie irgendwelche Verbote, es sei denn, es war wirklich einleuchtend" (1970, w.). Die Eltern erziehen zur Offenheit, Ehrlichkeit und Selbstständigkeit. Familiale Regeln sind das gemeinsame Tischdecken und Abendessen sowie das Aufräumen des eigenen Zimmers. Zu bestimmten Zeiten darf ferngesehen werden, und belohnt werden gute Noten in der Schule. Das Wochenende wird in der Familie mit den Großeltern und weiteren Verwandten verbracht. Die Familie ist der Ort des Rückhaltes und der Fürsorge, aber auch der Freizeitgestaltung. Die Kinder erleben, dass sie mit ihren Eigenheiten akzeptiert werden, der Grad der Informalisierung relativ hoch ist und jedes Kind über einen privaten Bereich verfügt. Zugleich ist die Familie traditionell hierarchisch strukturiert. Auch in der DDR werden die Eltern "als richtig klassische Eltern" (1972, w.) erlebt: "der Vater als der Gott und die Mutter als Hausfrau, die daneben steht" (1972, w.). In der Regel sind jedoch beide Elternteile berufstätig.

Insgesamt erlebt diese Generation die elterliche Erziehung eher indirekt mit viel Fürsorge und versteckter Lenkung. Erzählt wird immer wieder, dass es keine Regeln gebe, wobei Regeln mit Reglementierungen und autoritären Befehlen gleichgesetzt werden. Erst wenn sie sich in eine andere als die vorgesehene Richtung entwickeln, erfahren sie Kontrolle und Auseinandersetzung. Wenn bspw. der Vater feststellt, dass "meine Individualität nicht mehr mit seiner Individualität übereinstimmte, dann fing es an zu kriseln" (1972, w.). Erst dann erkennen sie elterliche Grenzen und Anforderungen. Kritisiert wird die Abwesenheit der Eltern, wenn das Alleinsein zum Zwang eines frühen Selbstständigwerdens wird. Teilweise leiden die Kinder auch unter der Strenge, Härte sowie Lieblosigkeit, sodass sie es vorziehen, dass die Eltern oder der betreffende Elternteil nicht zu Hause sind. Gesucht wird Nähe und Verständnis, aber auch Anleitung, die nicht Kontrolle ist (1972, m.).

Trotz einer Erziehung zur Selbstständigkeit verspüren sie geschlechtsspezifische Reglementierungen. Die Erziehung zur Männlichkeit wird als Härte und Lieblosigkeit erfahren, da die eigene Person mit ihren spezifischen Bedürfnissen nicht berücksichtigt wird. Beklagt wird, dass die Eltern "immer einen richtigen Mann aus mir machen wollten, na ja härter werden und sich durchsetzen können" (1972, m.). Auch die Mädchen erleben Bereiche, in denen sie auf ihre Geschlechtlichkeit verwiesen werden. Sie erzählen davon, dass sie sich gegen geschlechtsspezifisches Spielzeug wehren, und kritisieren die ungleichen Anforderungen zur Mithilfe im Haushalt. Zugleich ist es ihnen jedoch aufgrund der veränderten Erziehungspraxis der Eltern möglich, Regeln neu auszuhandeln und sich gegen geschlechtsspezifische Disziplinierungen zu wehren.

Kindheit Ende der sechziger Jahre heißt zudem, von den Großeltern erzogen zu werden, vor allem dann, wenn die Mutter berufstätig ist. Detailliert berichten sie, wie und wann sie von den Großeltern abgeholt wurden, bei welchen Großeltern sie gelebt haben, zu welchen sie keine Beziehung haben und was die Faszination der Beziehung ausmacht. Sie betonen die Anleitung und Erziehung, die emotionale Unterstützung und Fürsorge sowie die Geduld und Zeit, welche die Großeltern aufbringen. "Nach der Schule, wenn Vater und Mutter noch arbeiten waren, war ich meistens bei denen, auch mit gespielt, Großmutter hat mit mir Hausaufgaben gemacht, haben sich um mich gekümmert, Mittag gegessen und alles was dazu gehört" (1975, m.). Oder: "Wenn ich mit meinen Eltern mal nicht zurechtkomme, dann war ich immer bei meinen Großeltern (Lachen) . . .... und ich hatte auch eine unheimlich enge Beziehung zu meiner Oma" (1969, w.). Die Großväter fungieren teilweise als Vermittler von Familientraditionen.

Diese Generation erfährt in ihrer Kindheit selten Leistungsdruck. Leistungsdruck ist nur dann sichtbar, wenn die Eltern den sozialen Aufstieg und die Erwartungen der ältesten Generation nicht erfüllen konnten. Da der Vater "keine Karriere machen konnte, sondern arbeiten gehen musste", um die junge Familie zu ernähren, werden alle Hoffnungen auf die nächste Generation gesetzt. So wollen die Eltern "immer ein bisschen mehr, wollten mich mit Wissen vollpeitschen, haben mich eigentlich auch gezwungen" (1972, m.). Ansonsten ist die Schule Freizeitort. "Also nachher in der fünften Klasse habe ich angefangen, Gitarre zu spielen, und bin oft zum Sport gewesen, also habe dann intensiv Volleyball gespielt" (1972, w.). Dort trifft man Freunde und spielt Fußball.

Kindheit bedeutet, eine sozialistische Gesellschaft mit institutionellen Strukturen und entsprechenden sozialen Typisierungen zu erleben. Der institutionelle Rahmen wird als Alltagswelt erfahren. Fast alle Kinder besuchen den Kindergarten, die meisten Mütter arbeiten, und fast alle Kinder sind Mitglieder der Kinder- und Jugendorganisationen der DDR: der Jungen Pioniere und der FDJ. Freizeitangebote sind an die Schule angegliedert, und die Schule ist weniger Ort der Leistung als einer der Treffen. Diejenigen Kinder, deren Eltern einem bildungsorientierten Milieu angehören, erleben Reglementierungen. Dennoch orientieren sich viele Kinder entlang des vorgegebenen institutionellen Ablaufs, der ihnen Sicherheit gibt, verbunden mit der Gewissheit, dass die schulische und berufliche Planung übernommen wird und die Freizeitaktivitäten ebenfalls über diese Institutionen organisiert werden. Stolz wird von verschiedenen Posten berichtet: "Ich war irgendwo eine Autorität schon, also wenn irgendwas war, dann haben sie mich losgeschickt, und das hat mir auch eine Menge Spaß gemacht da so. Also ich war die meiste Zeit FDJ-Sekretär und davor war ich so ein Agitationsmensch in der Klasse, und es hat mir eine Menge Spaß gemacht" (1972, w.).

Falls Kindheit auch Glauben heißt, kommt eine weitere Sozialisationsinstanz, die Gemeinde, hinzu, was gleichbedeutend mit Auseinandersetzungen ist. "Wir sind Sonntag für Sonntag in die Kirche gegangen, ich habe meinen gesamten Freundeskreis eigentlich in Katholikenkreisen aufgebaut - und dann gab es die Schule zum einen Punkt und zum anderen Punkt halt die Kirche und den Pfarrer und meine Eltern, die halt ziemlich kontrovers geredet haben" (1970, w.). Problematisch werden Familienverbände erlebt, wenn in den einzelnen Generationen unterschiedliche Überzeugungen vorhanden sind, die Großmutter bspw. Zeugin Jehovas ist und die Eltern Parteimitglied sind. Es kam "auch Kontrolle jetzt vom Betrieb meines Vaters..., dass da welche kamen vom MDI (Ministerium des Innern) und dass die halt meine Oma kontrolliert haben und auch Hausdurchsuchungen gemacht haben, ob da irgendwelche Zeitschriften oder so was vorhanden sind .... . . meine Oma hat auch ziemlich darunter gelitten" (1972, w.). Jedoch wird die Familienstruktur nach außen wie nach innen gewahrt.