Palmen im Sturm. Hurrikan Irma trift auf die US-Küste bei Palm Beach/Florida, 10.09.2017.

18.5.2018 | Von:
Thomas Hickmann
Berenike Prem

Von Gegnern zu Partnern? Zum Verhältnis von NGOs und Unternehmen in der internationalen Klimapolitik

Zusammenarbeit in der Klimapolitik

Die verschiedenen Funktionen von NGOs zur Regulierung von Unternehmenshandeln lassen sich besonders eindrücklich in der globalen Klimapolitik beobachten.[13] Als sich in den 1980er Jahren die wissenschaftlichen Belege für den Klimawandel häuften, bildeten sich die ersten Protestbewegungen gegen die größten Verursacher des globalen Treibhausgasausstoßes heraus. In dieser Zeit formierten sich verschiedene Advocacy-Netzwerke mit dem Ziel, die Öffentlichkeit auf das Problem des Klimawandels und auf schädliche Unternehmenspraktiken aufmerksam zu machen.[14]

Eine der bedeutendsten Organisationen in diesem Zusammenhang ist das Climate Action Network, das 1989 als Dachverband verschiedener Umwelt-NGOs gegründet wurde. Heute besteht das Netzwerk aus über tausend Mitgliederorganisationen, darunter bekannte international agierende NGOs wie Friends of the Earth, Greenpeace und World Wide Fund For Nature (WWF), aber auch viele kleinere Umweltgruppen aus Industrie- und Entwicklungsländern. Das Climate Action Network operiert sowohl innerhalb von Nationalstaaten als auch auf der globalen Ebene. Ein Teil der Arbeit des Netzwerkes konzentriert sich darauf, die Gründe für die fortschreitende Erderwärmung publik zu machen und nationale Regierungen sowie den Privatsektor zu Klimaschutzaktivitäten zu bewegen. Für diesen Zweck nutzt das Netzwerk Regionalbüros in vielen Teilen der Welt und übt durch direkte Lobbyarbeit sowie medienwirksame Kampagnen Druck auf politische und unternehmerische Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger aus, damit sie Verpflichtungen zur Begrenzung und Reduzierung von Treibhausgasemissionen einführen.[15]

Ein anderer Schwerpunkt der Arbeit des Climate Action Network ist es, Informationen über den zwischenstaatlichen Verhandlungsprozess zu sammeln, aufzubereiten und den verschiedenen beteiligten Akteuren zur Verfügung zu stellen. Seit Anfang der 1990er Jahre nimmt das Netzwerk an den internationalen Konferenzen der Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen teil und veröffentlicht den Newsletter "ECO", der den aktuellen Verhandlungsstand sowie die Positionen zentraler Akteure zusammenfasst.[16]

Gleichzeitig agieren Mitgliederorganisationen des Netzwerkes und viele andere NGOs als Berater für Unternehmen bei technischen Fragen in Bezug auf das Problem des Klimawandels. Sie liefern Hintergrundberichte und Datenmaterial und stellen ihr Wissen dem Privatsektor zur Verfügung, um unternehmerisches Handeln zu verändern. Dabei handelt es sich zum Beispiel auch um Erkenntnisse darüber, wie in der täglichen Unternehmenspraxis Energie und Emissionen eingespart werden können. Zudem übersetzen NGOs die komplexen Verhandlungsprozesse für Unternehmen und liefern praktische Lösungsansätze, beispielsweise zur Energieeinsparung, auf deren Basis Unternehmen ihre Klimaschutzstrategien entwickeln.[17] Ohne die Expertise von NGOs und ihre umweltorientierte Beratung wären viele Unternehmen nicht in der Lage, ihre Produktion klimafreundlich zu gestalten.

Des Weiteren sind NGOs in der globalen Klimapolitik daran beteiligt, Verhaltenskodizes für private Unternehmen zu entwickeln und zu formulieren. Weil es Staaten lange Zeit nicht gelungen war, einen weitreichenden Regulierungsrahmen zu verabschieden, der Staaten zu ambitionierten Klimaschutzmaßnahmen verpflichtet, haben NGOs zahlreiche Initiativen gegründet, die Unternehmen zu freiwilligen Maßnahmen für eine umweltfreundliche und nachhaltige Produktionsweise bewegen sollen.

Eines der bekanntesten Programme dieser Art ist die Global Reporting Initiative, die 1997 von der US-amerikanischen Umweltorganisation Ceres (früher: Coalition of Environmentally Responsible Economies) mit Unterstützung des Umweltprogramms der Vereinten Nationen gegründet wurde.[18] Diese Initiative arbeitet mit Richtlinien, die von NGOs und dem Privatsektor in einem partizipativen Verfahren kontinuierlich weiterentwickelt werden. Anhand dieser können Unternehmen über ihre individuellen Nachhaltigkeitsstrategien mit besonderem Fokus auf Maßnahmen gegen den Klimawandel berichten. Auf Basis verschiedener Indikatoren zu wirtschaftlichen, ökologischen und gesellschaftlichen Aspekten unternehmerischer Tätigkeiten wird die Vergleichbarkeit der Berichte gewährleistet, wodurch Transparenz über die Unternehmenspolitik in diesem Bereich geschaffen und der Privatsektor zu einer nachhaltigen und klimafreundlichen Produktionsweise angeregt werden soll. Tatsächlich haben NGOs und Unternehmen mit dieser Initiative eine Regelungslücke gefüllt, da bislang nur wenige Staaten verbindliche Standards für die Berichterstattung über die ökologischen und sozialen Auswirkungen unternehmerischer Aktivitäten formuliert haben. Die Richtlinien werden inzwischen von vielen großen Unternehmen genutzt.

Zugleich treten einige NGOs als Partner von Unternehmen bei der Umsetzung von Klimaschutzprojekten auf. Dabei handelt es sich meist um freiwillige Initiativen, mit denen einzelne Firmen versuchen, ihr unternehmerisches Engagement für den Klimaschutz herauszustellen und zu Marketingzwecken zu nutzen.[19] Auch dieses Phänomen kann zumindest teilweise darauf zurückgeführt werden, dass Unternehmen nicht zu weitreichenden Klimaschutzmaßnahmen verpflichtet sind und daher versuchen, sich mit freiwilligen Projekten zu profilieren.

Ein weithin bekanntes Beispiel hierfür ist die Zusammenarbeit des WWF mit finanzkräftigen Großkonzernen wie beispielsweise der Krombacher Brauerei.[20] Dabei finanzieren private Unternehmen verschiedene Projekte zum Schutz des Regenwaldes oder zur Wiederaufforstung abgeholzter Flächen in Entwicklungsländern, wodurch Kohlenstoff gebunden und der Ausstoß von Treibhausgasen reduziert wird. Der WWF übernimmt hierbei mit seiner Erfahrung und eigenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern die Umsetzung der Projekte vor Ort. Die enge Zusammenarbeit mit privaten Unternehmen hat dem WWF starke Kritik eingebracht. Er sieht sich dem Vorwurf ausgesetzt, eine zu industriefreundliche Haltung einzunehmen und sich für das greenwashing des Privatsektors herzugeben. Zudem bemängeln Kritikerinnen und Kritiker, dass sich NGOs durch diese Form der Zusammenarbeit mit Unternehmen von privaten Geldern abhängig machen und nicht nur ihre Glaubwürdigkeit im öffentlichen Diskurs verlieren, sondern auch ihre Fähigkeit, privatwirtschaftliche Akteure für ihr Verhalten zu kritisieren.[21]

In der genannten letzten Phase des Politikformulierungsprozesses übernehmen NGOs schließlich auch die Kontrolle über die Einhaltung von Klimaschutzstandards durch Unternehmen. Beispiele für diese Funktion von NGOs in der globalen Klimapolitik sind die zahlreichen privaten Zertifizierungsprogramme für den Handel mit Emissionsrechten. Diese Initiativen können wiederum als zivilgesellschaftliche Alternativen zu den über viele Jahre ergebnislos verlaufenen internationalen Klimaverhandlungen gesehen werden.[22]

Eine der größten Zertifizierungsprogramme für Emissionsrechte ist der Gold Standard, der 2003 von Helio International, SouthSouthNorth und dem WWF gegründet wurde. Der Gold Standard ist eine von NGOs getragene gemeinnützige Organisation, die unter Anwendung sozialer und umweltpolitischer Kriterien ein Label an besonders nachhaltige Projekte zum Schutz des Klimas verleiht. Die Vergabe dieses Labels ist an die Einhaltung bestimmter Qualitätsstandards für Klimaschutzprojekte in Schwellen- und Entwicklungsländern gebunden. Dadurch soll erreicht werden, dass durch die Projekte nicht nur Treibhausgasemissionen eingespart werden, sondern gleichzeitig auch ein Beitrag zur Armutsminderung der Bevölkerung in den Projektländern geleistet wird.[23]

Der Gold Standard gilt zwar als eines der glaubwürdigsten Zertifizierungsprogramme seiner Art, aber auch diese Form der Zusammenarbeit von NGOs mit privaten Unternehmen hat viel Kritik hervorgerufen. Verschiedene Autorinnen und Autoren weisen darauf hin, dass private Zertifizierungsprogramme zu Interessenkonflikten führen, da die NGOs von den Unternehmen bezahlt werden, deren Verhalten sie kritisch überprüfen sollen.[24] Es stellt sich dadurch erneut die Frage, inwiefern NGOs wirklich autonom von wirtschaftlichen Interessen agieren können.

Fußnoten

13.
Vgl. Thomas Hickmann, The Reconfiguration of Authority in Global Climate Governance, in: International Studies Review 3/2017, S. 430–451.
14.
Vgl. Margaret E. Keck/Kathryn Sikkink, Activists Beyond Borders: Advocacy Networks in International Politics, Ithaca 1998.
15.
Vgl. Kristian Krieger, Climate Action Network, in: Helmut Anheier/Stefan Toepler (Hrsg.), International Encyclopedia of Civil Society, New York 2010, S. 479f.
16.
Vgl. Matthias Duwe, The Climate Action Network: A Glance Behind the Curtains of a Transnational NGO Network, in: Review of European, Comparative & International Environmental Law 2/2001, S. 177–189.
17.
Vgl. Nancy Kong et al., Moving Business/Industry Towards Sustainable Consumption: The Role of NGOs, in: European Management Journal 2/2002, S. 109–127.
18.
Vgl. Halina Szejnwald Brown/Martin de Jong/Teodorina Lessidrenska, The Rise of the Global Reporting Initiative: A Case of Institutional Entrepreneurship, in: Environmental Politics 2/2009, S. 182–200.
19.
Vgl. Thomas Hickmann, Voluntary Global Business Initiatives and the International Climate Negotiations: A Case Study of the Greenhouse Gas Protocol, in: Journal of Cleaner Production 169/2017, S. 94–104.
20.
Vgl. Florian T. Furtak, World Wide Fund for Nature (WWF), in: ders. (Hrsg.), Internationale Organisationen: Staatliche und nichtstaatliche Organisationen in der Weltpolitik, Wiesbaden 2015, S. 393–406.
21.
Vgl. Melanie Coni-Zimmer, Zivilgesellschaftliche Kritik und CSR als unternehmerische Legitimitätspolitik, in: Anna Geis/Frank Nullmeier/Christopher Daase (Hrsg.), Der Aufstieg der Legitimitätspolitik: Rechtfertigung und Kritik politisch-ökonomischer Ordnungen, Baden-Baden 2012, S. 319–336.
22.
Vgl. Thomas Hickmann, Private Authority in Global Climate Governance: A Case Study of the Clean Development Mechanism, in: Climate and Development 1/2013, S. 46–54.
23.
Vgl. Harald Fuhr/Thomas Hickmann, Transnationale Klimainitiativen und die internationalen Klimaverhandlungen, in: Zeitschrift für Umweltpolitik und Umweltrecht 39/2016, S. 88–94.
24.
Vgl. Peter Newell/Matthew Paterson, Climate Capitalism: Global Warming and the Transformation of the Global Economy, Cambridge 2010; Steffen Böhm/Maria Ceci Misoczky/Sandra Moog, Greening Capitalism? A Marxist Critique of Carbon Markets, in: Organization Studies 11/2012, S. 1617–1638.
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