Palmen im Sturm. Hurrikan Irma trift auf die US-Küste bei Palm Beach/Florida, 10.09.2017.

18.5.2018 | Von:
Thomas Hickmann
Berenike Prem

Von Gegnern zu Partnern? Zum Verhältnis von NGOs und Unternehmen in der internationalen Klimapolitik

Gründe für zunehmende Kooperation

Die angeführten Beispiele illustrieren, dass sich die Rollen, die NGOs im Verhältnis zum Privatsektor in der globalen Klimapolitik spielen, Stück für Stück erweitert haben. NGOs setzen nicht mehr nur auf Protestaktionen und Kampagnen, um Unternehmenspraktiken zu verändern, sondern arbeiten inzwischen häufig eng mit privaten Unternehmen zusammen. Sie greifen dabei auf ein breites Spektrum an Handlungsoptionen zurück und erfüllen unterschiedliche Funktionen in den verschiedenen Phasen des Politikformulierungsprozesses, um unternehmerische Klimaschutzaktivitäten zu fördern.

Die Ursachen für die verstärkte Zusammenarbeit von zivilgesellschaftlichen Organisationen und dem Privatsektor sind vielfältig. Ein Grund sind die angesprochenen Regelungslücken, die lange aufgrund mangelnder staatlicher Klimaschutzanstrengungen existierten. Die zunehmende Professionalisierung von NGOs ist eine weitere wichtige Erklärung.[25] In den vergangenen Jahren haben viele NGOs spezifische Kompetenzen aufgebaut und verfügen über hochqualifizierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Sie beschränken ihre Aktivitäten nicht mehr nur darauf, Missstände anzuprangern und bestimmte gesellschaftliche Verhältnisse zu kritisieren. Stattdessen verbreiten sie Informationen über internationale Verhandlungsprozesse und formulieren auf Basis ihrer eigenen Expertise Ansätze zur Lösung globaler Probleme wie dem Klimawandel. Darüber hinaus formulieren sie Verhaltenskodizes für den Privatsektor, organisieren Klimaschutzprojekte mit privaten Unternehmen und kontrollieren in Zertifizierungsprogrammen die Einhaltung eigener Umwelt- und Sozialstandards.

Neben diesen organisationsinternen Erklärungsfaktoren weisen einige Forscherinnen und Forscher auch auf äußere Rahmenbedingungen für die Erweiterung der Rolle nichtstaatlicher Akteure in der Umwelt- und Klimapolitik hin. Sie sehen in dem sich wandelnden Verhältnis zwischen NGOs und dem Privatsektor den Aufstieg einer globalen Norm, die eine aktive Einbindung nichtstaatlicher Akteure in die Politikgestaltung propagiert, um grenzüberschreitende Umweltprobleme zu lösen.[26] Diese Norm fand 1992 auf der Konferenz der Vereinten Nationen über Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro erstmals Eingang in die globale Agenda für nachhaltige Entwicklung. Auf dieser Konferenz beschloss die internationale Staatengemeinschaft mit der sogenannten Agenda 21 ein globales Aktionsprogramm, das verschiedene Leitlinien zur Förderung einer nachhaltigen Entwicklung für das 21. Jahrhundert enthält. Darin wird insbesondere festgehalten, dass nur durch eine sektorenübergreifende Zusammenarbeit zwischen staatlichen, privatwirtschaftlichen und zivilgesellschaftlichen Akteuren nachhaltige Fortschritte bei der Bekämpfung globaler Umwelt- und Entwicklungsprobleme erreicht werden können. Damit wurde der sogenannte Erdgipfel in Rio de Janeiro für viele NGOs zum Anlass, ihre klassische Watchdog-Rolle zu erweitern und ihre Strategie gegenüber privaten Unternehmen neu zu definieren.[27]

Dennoch bilden die klimapolitisch aktiven NGOs keine homogene Gruppe.[28] Vielmehr gibt es im Lager der Umwelt-NGOs eine Vielzahl unterschiedlicher Perspektiven und Herangehensweisen in Bezug auf den Privatsektor. Zahlreiche NGOs pflegen heute einen konstruktiven Dialog mit privaten Unternehmen, stellen ihnen ihre Expertise und Erfahrung zur Verfügung und setzen gemeinsame Projekte um. Gleichzeitig gibt es immer noch Gruppen, die eine grundsätzlich kritische Haltung und eine gewisse Distanz zu privaten Unternehmen wahren. Seit 2007 versammeln sich diese NGOs im Bündnis Climate Justice Now, das sich auf der internationalen Klimakonferenz in Bali als kritische Alternative zum Climate Action Network formierte. In diesen NGO-Dachverbänden spiegeln sich die unterschiedlichen Positionen wider, obgleich auch innerhalb dieser Gruppen die Unterschiede zwischen den Mitgliedern beträchtlich sind. Dies unterstreicht, dass zwar nicht alle NGOs eng mit Unternehmen zusammenarbeiten, sich jedoch insgesamt die Bandbreite der Funktionen von NGOs in den vergangenen Jahren stark ausdifferenziert hat.

Fazit und Ausblick

NGOs haben ihre Funktionen in Bezug auf den Privatsektor in der globalen Klimapolitik deutlich erweitert und arbeiten zunehmend mit Unternehmen zusammen. Diese Zusammenarbeit von NGOs und dem Privatsektor führt letztlich zu einer Stärkung der Rolle von Unternehmen als zentrale Akteure der globalen Wirtschaftsordnung. Private Unternehmen werden als Partner wahrgenommen, die bei der Bewältigung des Klimawandels und anderer globaler Herausforderungen eine wichtige Rolle einnehmen.

Eine Öffnung von NGOs gegenüber privaten Unternehmen sowie sektorenübergreifende Partnerschaften werden von einer Mehrheit der klimapolitischen Akteure als die angemessene Lösung gesellschaftlicher Probleme gesehen. Dieses vorherrschende Partnerschafts-Paradigma eröffnet NGOs großen Einfluss- und Handlungsspielraum, um Unternehmenshandeln zu verändern. Es führt jedoch gleichzeitig dazu, dass NGOs in Interessenkonflikte geraten und im schlimmsten Fall ihre Kritikfähigkeit gegenüber dem Privatsektor verlieren.

Ein Ausweg aus diesem Dilemma könnte eine Arbeitsteilung zwischen den unterschiedlichen Gruppen von NGOs sein, wie sie teilweise bereits existiert.[29] NGOs können ihre Hauptaufgabenbereiche definieren und sich die verschiedenen Funktionen im Politikformulierungsprozess aufteilen. Während "kritische" NGOs sich auf Proteste gegen Verhandlungsblockierer und rückständige Unternehmen konzentrieren, können andere NGOs die Zusammenarbeit mit Unternehmen suchen. Letztlich verbindet alle NGOs trotz ihrer unterschiedlichen Perspektiven und Herangehensweisen das gleiche Ziel: Sie versuchen unternehmerisches Handeln zu verändern, um das Klima zu schützen.

Fußnoten

25.
Vgl. Sabine Lang, NGOs, Civil Society, and the Public Sphere, Cambridge 2012.
26.
Vgl. Klaus Dingwerth/Philipp H. Pattberg, World Politics and Organizational Fields: The Case of Transnational Sustainability Governance, in: European Journal of International Relations 4/2009, S. 707–743.
27.
Vgl. Laurence Schwesinger Berlie, Alliances for Sustainable Development: Business and NGO Partnerships, Basingstoke 2010.
28.
Vgl. Tanja Brühl/Marika Gereke, Der Beitrag von Non-State Actors zum Schutz der Umwelt: Eine kritische Analyse der Rolle von NGOs in der Klimapolitik, in: Zeitschrift für Außen-und Sicherheitspolitik 2/2015, S. 677–694.
29.
Vgl. Yaziji/Doh (Anm. 3), S. 106.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autoren/-innen: Thomas Hickmann, Berenike Prem für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

Sie dürfen den Text unter Nennung der Lizenz CC BY-NC-ND 3.0 DE und der Autoren/-innen teilen.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.