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22.5.2002 | Von:
Sonja Hegasy

Zum Verhältnis von Wissenschaft, Technologie und Globalisierung in der arabischen Welt

III. Aneignung und Abgrenzung

In der arabischen Welt wird die Debatte um "westliche" Wissenschaft von Vertretern dreier Schulen geprägt: erstens den Islamisierern von Wissenschaft, zweitens den Dependenztheoretikern und drittens den Globalisierern. Letztere sind eine Gruppe, die sich schon vor dem inflationären Gebrauch des Begriffs "Globalisierung" Anfang der neunziger Jahre für die Integration ihrer Wissenschaftslandschaft in internationale Forschungszusammenhänge engagiert hat.Vgl. z. B. ders., Die technologische Distanz zur arabischen Einheit (arabisch), Beirut 1985; G. Corm (Anm. 11); Mohammed al-Sayyed Said, Die technologische Revolution (arabisch), Kairo 1996; Elias Zureik, Values, Social Organization and Technology Change in the Arab World, in: A. Zahlan (Anm. 11), S. 185 - 199. Im Gegensatz zu den Islamisierern von Wissenschaft werden sie manchmal auch als säkulare Naturwissenschaftler bezeichnet. Diese Bezeichnung scheint allerdings am Kern ihres Anliegens vorbeizugehen, da sie nur in Abgrenzung zur kulturalistischen Perspektive der Islamisten gedacht ist, nicht aber den selbst gewählten Schwerpunkt dieser Wissenschaftler, eben jene Integration in globale Forschungszusammenhänge, benennt.

Die Islamisierer von Wissenschaft, wie z. B. Seyyed Hossein Nasr,Vgl. Seyyed Hossein Nasr, Islam and the West: Yesterday and Today, in: The American Journal of Islamic Social Sciences, 13 (1996) 4, S. 551 - 562. benutzen den Koran als alleinigen Bezugsrahmen und verweisen auf das glorreiche Zeitalter islamischer Wissenschaft zwischem dem achten und zwölften Jahrhundert.Zu Entstehungsbedingungen und Leistungen islamischer Wissenschaft vgl. Ignaz Goldziher, The Attitude of Orthodox Islam toward the "Ancient Sciences", in: Merlin L. Swartz (Hrsg.), Studies on Islam, Oxford 1981, S. 185 - 215; Rashid Roshdi, Histoire des Sciences Arabes, Paris 1997; George Saliba, The Role of Maragha in the Development of Islamic Astronomy: A Scientific Revolution before the Renaissance, in: Revue de Synthèse, 4 (1987) 3 - 4, S. 361 - 373. So begegnen sie der paradoxen Gefühlslage, auf der einen Seite an Modernisierungprozessen teilhaben zu wollen, auf der anderen Seite diese aber von Verwestlichungprozessen trennen zu müssen. "Diese Prozesse, die vor allem auch auf dem Weg der technischen Modernisierung in die alltägliche Lebensgestaltung und selbst in die Beziehungen zwischen den Geschlechtern vielfältig und tief eingreifen, bewirken Orientierungslosigkeit. ... Nicht mehr in bezug auf westliche Fremdherrschaft soll der Islam die Lösung sein, sondern im Hinblick auf die eigene Verstrickung in Verwestlichung, die auch dort, wo westliche Technologie überreichlich angekauft werden kann, neue Formen menschlichen Zusammenlebens erfordert."Johannes Reissner, Die militant-islamischen Gruppen, in: Werner Ende/Udo Steinbach (Hrsg.), Der Islam in der Gegenwart, München 19964, S. 643 f.

Die zweite Schule reagierte in der Auseinandersetzung mit der als überlegen empfundenen westlichen Technologie mit einem dependenztheoretischen Erklärungsansatz. Kritiker dieser Denkschule argumentierten, dass die Errungenschaften nicht an die tatsächlichen Problemstellungen der Entwicklungsländer angepasst seien. Auf die Lebensqualität der breiten Bevölkerung hätten sie keinen Einfluss. Im Gegenteil, diese Technologien verschöben die Prioritäten im Staatshaushalt, erhöhten die Auslandsschulden und verschärften die Abhängigkeit vom Westen. Dabei beziehen sich Vertreter der dependeztheoretischen Schule in keiner Weise auf religions- oder kulturspezifische Dialoghindernisse (während diese Diskussion umgekehrt bei deutschen Managern sehr ausgeprägt und nicht frei von satirischen Elementen istVgl. Adnan Almaney, Cultural Traits of the Arabs: Growing Interest for International Management, in: Management International Review, 21 (1988) 3, S. 10 - 18; Ulrich Encke, Unternehmensentwicklung: Das Spannungsverhältnis zwischen islamischem Fundamentalismus und Marktwirtschaft, München 1993; Brij Nino Kumar, Kulturabhängigkleit von Anreizsystemen, in: Günther Schanz (Hrsg.), Handbuch Anreizsysteme, Stuttgart 1991, S. 127 - 148.), sondern nehmen in erster Linie einen neo-imperialistischen Diskurs als Referenzrahmen. Die dependenztheoretische Debatte um Wissenschaft und Technologie hat sich nicht dem kulturrelativistischen Standpunkt der Islamisten angepasst: Globalisierung wird nicht als Marginalisierung des Muslims interpretiert, sondern als Marginalisierung des Schwächeren.

Ein Teil der arabischen Autoren nimmt westliche Wissenschaftler und Unternehmer als aktiven Teil des "clash of civilizations" oder einer zunehmenden Feindschaft zwischen der islamischen und der christlichen Welt wahr. Patente, Nobelpreise oder internationale wissenschaftliche Konferenzen würden fast ausschließlich in den Westen vergeben. Das internationale Patentrecht verstärke die Abhängigkeit von den Industrieländern. Nach Quraish wurden in der arabischen Welt 92 Prozent der angemeldeten Patente ausländischen Experten erteilt.Vgl. Mohammed Quraish, Technologietransfer in der arabischen Welt, in: Die arabische Zukunft (arabisch), 3 (1982) 37, S. 85 - 107. Weltweit gehören weniger als sechs Prozent aller angemeldeten Patente Staatsbürgern von Entwicklungsländern, und nur ein geringer Anteil der in Entwicklungsländern angemeldeten Patente wird tatsächlich für die Produktion in diesen Ländern genutzt.Vgl. Andrea Heubel, Technologietransfer durch internationale Unternehmenskooperation, München 1994, S. 31. 1996 meldete Ägypten ganze drei Patente an.Vgl. ESCWA, Science and Technology Indicators. Basic concepts, definitions and prospects for development, New York 1997, S. 19. In einer Länderstudie zu Ägypten kommt Antoine Zahlan im Anschluss an eine quantitative Evaluierung zu dem Schluss, dass es "unsichtbare Schulen" gebe, die Informationen austauschen, sich gegenseitig über Fortschritte und Neuentdeckungen auf dem Laufenden halten, sich zu Konferenzen einladen und sich so motivieren. Hieran nehme die arabische Welt kaum teil. "Visible and invisible colleges channel information and contribute substantially to discussion that eventually lead to scientific discoveries... These gatherings and channels of communication are also important to scientists in search of jobs and research support. It is through the process of socialization into these invisible colleges that young scientists can develop their objectives and acquire new direction. This belonging is not a mark of dependence or weakness, but is necessary to scientific activity. In recent literature on science in DCs (developing countries, S.H.) some authors have interpreted this type of relationship as a form of dependence and as an expression of the marginalization of DC science. The confusion in public opinion that has now accumulated on this specific relationship is an illustration of the rather difficult environment of the Third World scientist."A. Zahlan (Anm. 11), S. 13 f. Selbst wenn internationale Konferenzen im arabischen Raum stattfinden, sind arabische Wissenschaftler häufig unterrepräsentiert.

Im Zeitalter der Globalisierung - so die dritte Schule - wird das Phänomen der Integration von Wirtschaft, Politik, Kultur und Wissenschaft als Fortsetzung der Unterdrückung durch eine "Neue Weltordnung" und als antiarabische Entwicklung gesehen. Die Globalisierungsprozesse des ausgehenden 20. Jahrhunderts werden nicht als Zeitalter verstanden, welches neue Phänomene aufgrund einer wissenschaftlich-technischen Revolution birgt, sondern als neokoloniales Bedrohungsszenarium dargestellt und diskutiert. Dies ist ein zweifelhaftes intellektuelles Unterfangen, denn es orientiert die öffentliche Meinung an einem "falschen" Feind. Indem Globalisierungsprozesse als unausweichliche Amerikanisierungsprozesse verstanden werden, werden Einflüsse aus der Region zurück ins "Zentrum" negiert. Die Neigung, sich selbst nur als Objekte und Opfer einer globalen Eroberungswelle zu sehen, führt unbewusst ein Projekt des Westens fort, das die linkssäkularen Intellektuellen zutiefst ablehnen, nämlich den Ausschluss bzw. die Isolation arabischer Natur- und Sozialwissenschaftler. Diese Isolation wirkt sich negativ auf das nationale Forschungspotenzial aus. Es fehlt die kritische Masse (d. h. ein Meinungsmarkt), um Wissenschaftlern konstruktives Feed-back zu geben. Hieraus erklärt sich eines der schwerwiegendsten Entwicklungshindernisse der Region: die Abwanderung einer sehr großen Zahl von Akademikern. Nach Antoine Zahlan emigrierten bis Mitte der siebziger Jahre 50 Prozent aller arabischen Mediziner, 23 Prozent aller Ingenieure und 15 Prozent aller Naturwissenschaftler in die USA und nach Westeuropa. Georges Corm nennt diesen brain drain "umgekehrten Technologietransfer"G. Corm (Anm. 12) , S. 103..