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22.5.2002 | Von:
Sonja Hegasy

Zum Verhältnis von Wissenschaft, Technologie und Globalisierung in der arabischen Welt

IV. Versailles?

In späteren Kommentaren zu den Attentaten wurde häufig hämisch nachgefragt, was denn "das Versailles der Muslime sein soll, das sie daran hindert, zivile und wohlhabende Gesellschaftsordnungen aufzubauen"Gustav Seibt, Massen und Männer, in: Süddeutsche Zeitung (SZ) vom 24. 11. 2001. Stellvertretend für diese Äußerungen sei hier Seibt zitiert, man hört sie jedoch erschreckenderweise auch aus deutschen politikberatenden Institutionen.. Diese ignorante Position macht jegliche Hoffnungen auf einen "Dialog zwischen den Zivilisationen"Khatami in der Übersetzung von J. Reissner (Anm. 9). zunichte, da arabische Grundpositionen schlichtweg übergangen werden. Die De-Industrialisierung des Iraks ist in weitsichtigen Beiträgen schon vor dem 11. September mit dem Programm der Allierten zur Isolierung und Ächtung Deutschlands nach dem Ersten Weltkrieg verglichen worden.Vgl. Janna Nolan, Sovereignty and Collective Intervention: Controlling Weapons of Mass Destruction, in: Gene M. Lyons/Michael Mastanduno (Hrsg.), Beyond Westphalia: State Sovereignty and International Intervention, Baltimore 1995, zit. in: R. Falk (Anm. 2), S. 16 f. Im Anschluss an Falk möchte ich daher kurz die zentralen Punkte aufführen, die Muslime von einem strategischen Ausschluss ihrer Vertreter aus der Weltgesellschaft sprechen lassen und die sie als kontinuierliche Demütigung wahrnehmen: Kein muslimisches Land ist permanentes Mitglied des UN-Sicherheitsrats oder Mitglied der G-8, und noch nie hat es einen muslimischen UN-Generalsekretär gegeben.

Falk weist auf die Unausgeglichenheit der Bewertung bei muslimischen und nichtmuslimischen Opfern sowie auf das geringe Mitgefühl für Erstere hin (z. B. in Palästina, Bosnien, Tschetschenien oder Kaschmir), die diskriminierende Behandlung des Atmowaffensperrvertrags (in Bezug auf Pakistan werde von einer "islamischen Bombe" gesprochen, während niemand in Zusammenhang mit Israel von einer "jüdischen Bombe" spreche), unterschiedliche Strafmaßnahmen der internationalen Gemeinschaft (z. B. die Beendigung der Sanktionen in Serbien mit dem Ende des Kriegs, hingegen über zehnjährige Beibehaltung der Sanktionen gegen den Irak trotz der hohen Zahl ziviler Opfer), den Umgang mit Terroranschlägen (die Verhandlung gegen Timothy McVeigh wurde aus Oklahoma verlegt aus Sorge um die Objektivität der Geschworenen, während der Urheber des ersten Attentats auf das WTC 1993, Omar Rahman, in New York vor Gericht gestellt wurde) und die Stigmatisierung einzelner Länder als "Schurkenstaaten".Vgl. R. Falk (Anm. 2). Alle diese Faktoren tragen dazu bei, dass die Bürger des Nahen Ostens wenig Interesse haben, sich im globalen Dorf nach westlichen Mustern einzurichten.