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22.5.2002 | Von:
Sonja Hegasy

Zum Verhältnis von Wissenschaft, Technologie und Globalisierung in der arabischen Welt

V. Globalisierungsresistenz

Nach einer über 200-jährigen Phase der immer wieder hinausgezögerten Integration in den Weltmarkt und die Weltgesellschaft weist die arabische Welt einen deutlichen Widerstand gegen Globalisierungsprozesse auf. Die Zurückdrängung nationalstaatlicher Politik durch den Prozess der Globalisierung bringt das Verhältnis von Staat und Gesellschaft dermaßen ins Wanken, dass die Gegenreaktionen immer dezidierter werden. Johannes Willms hat die Anschläge vom 11. September auch als Ansinnen verstanden, die Gleichzeitigkeit von Ungleichzeitigkeiten anzuerkennen: "Aus diesen Worten (Bin Ladens 1. Video, S.H.) lässt sich das Verlangen heraushören, die reale Koexistenz von Ungleichzeitigkeiten zu akzeptieren und mittelbar auch die von fundamentalen kulturellen Gegebenheiten und Sichtweisen uneingeschränkt zu respektieren. Das aber ist eine Bedingung, die dem Okzident zutiefst fremd ist, der sich einem Universalismus seiner Werte verpflichtet weiß und deshalb seit je reinsten Gewissens bestrebt war, die Welt nach seinen Vorstellungen zu ordnen. ... Das erhellt, dass besonders Amerika einem sich derart selbstbewusst bekennenden Anti-Modernismus völlig verständnislos gegenübersteht, ja, diesen geradezu als existenzielle Bedrohung empfinden muss."Johannes Willms, in: SZ vom 18. 10. 2001.

Globalisierung wird von den meisten Theoretikern nicht als Heterogenisierung, sondern als Homogenisierung der Peripherie durch das kapitalistische Zentrum wahrgenommen. Nach ihrer Auffassung kommt es in der arabischen Welt zu einer Marginalisierung autochthoner Kulturproduktion, Technologien, Wirtschaftskreisläufe und Politikentwürfe. Empirisch zu beobachtende Phänomene, wie die Rückwirkung arabischer und muslimischer Kultur in die Zentren Europas und der USA, werden ausgeblendet. Dabei geht es nicht nur darum, dass Begriffe wie "fatwa, gihad, ayatollah und andere längst Eingang in die globale Alltagssprache gefunden hätten", wie Fürtig im Anschluss an Ahmed und Donnan ausführt,Vgl. Henner Fürtig, Einleitung, in: ders. (Anm. 7), S. 37. sondern um den autoritativen Einfluss jüngerer Kulturprodukte aus dem arabischen und islamischen Raum auf Musik (Khaled, Rashid Taha), Literatur (Rushdie, Soueif) und Film.Filme junger Regisseure aus der islamischen Welt haben in jüngster Zeit eine überraschende Präsenz auf internationalen Filmfestspielen, wie z. B. "al-Medina" von Youssef Nasrallah (2001); "Wesh wesh, qu'est-ce qui se passe?" von Rabah Ameur Zaïmeche (2002) oder "America so beautiful" von Babak Shokrian (2002). Neue Phänomene wie die Hybridisierung von Kultur werden nicht wahrgenommen, obwohl die arabische Welt in diesem Prozess sowohl Geber auch als Nehmer ist. [1] So entmächtigen sich die Gegner der Globalisierungsprozesse am Ende selbst. Die in der Analyse arabischer Theoretiker häufig benutzte Kategorie der Entfremdung, die ursprünglich der klassischen Industriegesellschaft zugeschrieben wurde, spiegelt die Rezeption klassischer neomarxistischer dependenztheoretischer Ansätze wider. Aus ihrem Blickwinkel heraus kann Globalisierung nur zu Homogenisierung und Fragmentierung führen. Technologie ist dabei ein kritisches Beispiel. Sie wird als eines von mehreren Instrumenten des "Westens" angesehen, das nur der Teilung und Fragmentierung der arabisch-islamischen Zivilisation dienen soll.

In den Attentaten vom 11. September 2001 entdeckten arabische Bürger, dass jemand aus ihrer Mitte "Globalisierung" in all ihren Aspekten "meisterte": technisch sichtbar in der Perfektion des Anflugs auf das WTC, wirtschaftlich durch die dramatischen Kurseinbrüche an der New Yorker Börse und kulturell durch "ihre" Elitestudenten, die sich so erfolgreich im Westen integriert hatten.

Fußnoten

1.
Vgl. dazu Sonja Hegasy, Double Standards in Reserve. A Text read Before and After the 11th of September, in: Harald Barrios/Andreas Boeckh (Hrsg.), Resistance to Globalization. A Comparison of three World Cultures (i.ÄE.).