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22.5.2002 | Von:
Hans-Martin Schönherr-Mann

Wieviel Vertrauen verdienen Politiker?

Das Vertrauen in die Demokratie

Der Vertrauensverlust der Politik geht einher mit einem allgemeinen Trend der Verunsicherung des Alltags, der in hoch industrialisierten Gesellschaften immer unüberschaubarer und komplexer wird. Der Einzelne muss sich in den meisten Lebensbereichen auf andere Menschen verlassen, deren Expertenwissen er nur unzulänglich nachzuvollziehen in der Lage ist. So entsteht Misstrauen beispielsweise in bestimmte Nahrungsmittel, in die medizinische Versorgung, in die Energiegewinnung etc. In diesen Zusammenhang gehört auch das Misstrauen der Politik, der politischen Administration gegenüber, nicht zuletzt da diese sich immer weniger imstande sieht, den komplexer werdenden Lebensbedingungen nachhaltig gerecht zu werden.

Gegenüber diesen Trends bestehen durchaus auch gegenläufige Entwicklungen. Eine Langzeitstudie des Allensbacher Instituts für Demoskopie ermittelte in den fünfziger Jahren in der Bundesrepublik, dass mehr als die Hälfte der Befragten Misstrauen gegenüber ihren Mitmenschen bekundeten. Diese Rate sank langsam, bis Anfang der neunziger Jahre noch etwa 25 Prozent solch fehlendes Vertrauen bekundeten, während zur selben Zeit Umfragen in Ostdeutschland die westdeutschen Nachkriegswerte wiederholten. [4]

Das Vertrauen in die Demokratie hat nicht im selben Maße nachgelassen wie das Vertrauen in die Politik. So stellt Anthony Giddens fest: "Obwohl . . . der Anteil von Menschen, die Politikern Vertrauen schenken, während der letzten drei Jahrzehnte gesunken ist, hat darunter der Glaube an die Demokratie an sich nicht gelitten. 90 Prozent der US-Bevölkerung sind ,mit einer demokratischen Regierungsform zufrieden'." [5] Solche hohen Zustimmungsraten erreicht die Demokratie in Westeuropa, gerade auch in Deutschland, zwar gemeinhin nicht. Trotzdem gibt es seit 1989 kein ernsthaftes Konkurrenzmodell gegenüber der Demokratie mehr. Dass sich Bürger hinsichtlich der Politik abstinent verhalten - man denke an die zunehmende Wahlenthaltung und an das Schlagwort von der Politikverdrossenheit -, interpretierte die Us-amerikanische Demokratieforschung um die Mitte des 20. Jahrhunderts als Zufriedenheit mit der Politik. In Europa hat man indes erhebliche Schwierigkeiten, Politikabstinenz nicht als Misstrauen zu begreifen.

Fußnoten

4.
Vgl. Michael Stürmer, Vertrauen im modernen Staat; in: Peter Kemper (Hrsg.), Müssen Politiker ehrlich sein?, Frankfurt/M. - Leipzig 1993, S. 88.
5.
A. Giddens (Anm. 1), S. 87.