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22.5.2002 | Von:
Hans-Martin Schönherr-Mann

Wieviel Vertrauen verdienen Politiker?

Personalisierung der Politik

Was bleibt Politikern, um dem zunehmenden Vertrauensverlust wie auch dem Desinteresse zu begegnen? Seit Jahrzenten reagiert die europäische Politik darauf mit einer Amerikanisierung speziell der Wahlkämpfe, d. h., in den Vordergrund des politischen Geschehens rücken die Personen, während die Inhalte, die Parteiprogramme an Bedeutung einbüßen. Während Parteien häufig eher negativ beurteilt werden, sollen einzelne politische Führungspersönlichkeiten mit einer gewissen Ausstrahlungs- und Faszinationskraft die Wähler anziehen und an die Partei binden. Da auch nach den grundlegenden Veränderungen nach 1989/90 die Bedeutung der parteipolitischen Programmatik weiter nachlässt, darf man davon ausgehen, dass dieser Trend der Personalisierung weiterhin anhalten wird. Es stellt sich jedoch die Frage, ob dadurch der Vertrauensverlust aufgefangen werden kann. Denn einerseits lässt die Faszinationskraft von Politikern - noch dazu, wenn es ihnen gelingt, an die Regierung zu kommen - im grauen Politik-Alltag sehr schnell nach. Andererseits verlangt solche Faszinationskraft heute vor allem "Telegenität". Dazu muss der Politiker nicht nur mit den Medien erfolgreich zusammenarbeiten, sondern auch eine mediale Ausstrahlung besitzen und sie entsprechend nutzen. Das aber zwingt ihn zu einer permanenten Anspannung, um keine Fehler zu begehen.

Der Politiker aber, der sich zu sehr auf seine mediale Wirkung konzentriert, geht einen mephistophelischen Bund ein: "Für einen Kammerdiener gibt es keinen Helden", zitiert Hegel ein bekanntes Sprichwort und fügt hinzu: "nicht aber darum, weil dieser kein Held, sondern weil jener der Kammerdiener ist". [6] In früheren Jahrhunderten feierten Epos wie bildende Künste den Helden, heute betreiben die Medien dieses Geschäft. Nicht dass die modernen Medien ungern Helden küren würden, solange sich das Publikum davon beeindrucken und sich damit die Auflage oder Einschaltquote steigern lässt. Aber ebenso schätzt es das Publikum, wenn die Medien Helden demontieren, wenn sie aus der Perspektive des "Kammerdieners" deren banale Menschlichkeit entlarven: Skandale steigern eben die Auflage noch mehr.

Fußnoten

6.
Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte, Werke Bd. 12, Frankfurt/M. 1970, S. 48.