Jean-Martin Charcot, ein französischer Pathologe und Neurologe, demonstriert an der Salpêtrière die hysterische Patientin Blanche Wittman in hypnotisiertem Zustand. Gemälde von André Brouillet, 1887

8.6.2018 | Von:
Thomas Lampert

Soziale Ungleichheit der Gesundheitschancen und Krankheitsrisiken

Frühe Weichenstellungen
Die aktuelle Diskussion über die Ursachen gesundheitlicher Ungleichheiten ist darüber hinaus durch eine stärkere Einbeziehung der zeitlichen Dimension, also des Lebensverlaufs, charakterisiert. Für das Verständnis gesundheitlicher Ungleichheiten sind insbesondere drei Erklärungsmodelle aufschlussreich:[12] Erstens wird davon ausgegangen, dass negative Einflüsse in Entwicklungsphasen, die mit einer erhöhten organischen Vulnerabilität einhergehen – wie Schwangerschaft oder Pubertät – zu organischen Schädigungen führen und das Krankheitsrisiko langfristig erhöhen können ("Modell kritischer Perioden"). Ein häufig genanntes Beispiel ist Rauchen während der Schwangerschaft, das nachweislich verschiedene Organe des Fötus schädigt und unter anderem das Risiko für Herz-Kreislauf- und Atemwegserkrankungen im späteren Leben erhöht. Zweitens gilt für die meisten Risiken und Belastungen, dass ihre Auswirkungen auf die Gesundheit mit der Dauer und der Intensität der Exposition zunehmen ("Modell der Risikoakkumulation"). Neben dem Rauchen oder dem Alkoholkonsum trifft dies auch auf andere Verhaltensaspekte wie eine ungesunde Ernährung und geringe körperliche Aktivität zu, aber ebenso auf gesundheitliche Auswirkungen von Arbeits-, Wohn- und Umweltbedingungen. Drittens ist zu berücksichtigen, dass länger andauernde Krankheiten und Funktionseinschränkungen die berufliche Entwicklung und damit auch die soziale Positionierung negativ beeinflussen können, etwa weil bestimmte Tätigkeiten nicht mehr ausgeübt werden können oder sogar der Arbeitsplatz verloren geht. Zudem haben Kinder, die gesundheitlich stark beeinträchtigt sind, schlechtere Bildungs- und Ausbildungschancen und später schlechtere Aussichten auf dem Arbeitsmarkt ("Modell gesundheitsbedingter sozialer Mobilität").

Die vorliegenden Studien machen deutlich, wie früh die Weichen für die Gesundheit gestellt werden. Gerade in Bezug auf das Rauchen in der Schwangerschaft sind die sozialen Unterschiede eklatant. Aber auch hinsichtlich des Stillens, das sowohl für das Kind als auch die Mutter mit gesundheitlichen Vorteilen verbunden ist, und die Teilnahme an den sogenannten U-Untersuchungen beim Kinderarzt, die zur Früherkennung von Entwicklungs- und Gesundheitsstörungen dienen, sind erhebliche Unterschiede zuungunsten von Kindern aus Familien mit niedrigem sozialen Status zu beobachten (Abbildung 3).[13]

Auch in der weiteren gesundheitlichen Entwicklung sind zum Teil erhebliche soziale Unterschiede auszumachen. So werden bei Kindern aus Familien mit niedrigem Sozialstatus im Alter von fünf bis sechs Jahren, also kurz vor der Einschulung, deutlich häufiger Sehstörungen, Sprach-, Sprech- und Stimmstörungen sowie Wahrnehmungs- und psychomotorische Störungen festgestellt. Für intellektuelle Entwicklungsverzögerungen, emotionale und soziale Störungen sowie psychiatrische Auffälligkeiten gilt ebenfalls, dass sie bei Kindern aus Familien mit niedrigem Sozialstatus vermehrt auftreten.[14]

Abbildung 3: Frühkindliche Einflussfaktoren der Gesundheit nach sozialem StatusAbbildung 3: Frühkindliche Einflussfaktoren der Gesundheit nach sozialem Status (© eigene Darstellung; Datenbasis: Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland (KiGGS, Welle 1, 2009–2012))

Bei Kindern und Jugendlichen auf Grund- und weiterführenden Schulen sind ebenfalls deutliche soziale Unterschiede festzustellen, und zwar insbesondere in Bezug auf die psychosoziale Gesundheit und das Gesundheitsverhalten. Beispielsweise ist das Risiko für psychische Auffälligkeiten wie emotionale Probleme, Verhaltensprobleme und Probleme im Umgang mit Gleichaltrigen bei Kindern und Jugendlichen aus Familien mit niedrigem Sozialstatus etwa vier- bis fünffach erhöht. Zudem weisen sie ein zwei- bis dreifach erhöhtes Risiko für Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitäts- und Essstörungen auf. Ähnlich große Unterschiede sind im Gesundheitsverhalten auszumachen, was unter anderem darin zum Ausdruck kommt, dass Kinder aus der niedrigen Statusgruppe deutlich seltener frisches Obst- und Gemüse essen, dafür aber häufiger Süßigkeiten und zuckerhaltige Getränke konsumieren. Zudem treiben sie weniger Sport, sie lernen später schwimmen und sie fangen häufiger mit dem Rauchen an. Das ungünstigere Ernährungs- und Bewegungsverhalten schlägt sich in einem mehr als dreimal höherem Risiko für Adipositas im Kindes- und Jugendalter nieder, mit erheblichen Konsequenzen für die weitere gesundheitliche Entwicklung.[15]

Zeitliche Entwicklungen
Bei der Erklärung der sozialen Unterschiede in der Gesundheit und Lebenserwartung ist darüber hinaus die gesellschaftliche Entwicklung zu berücksichtigen, also zum Beispiel Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt, das Ausmaß der Armutsbetroffenheit, der demografische Wandel oder der Zuzug von Asylsuchenden und Flüchtlingen. Um die Frage zu beantworten, wie sich diese Entwicklungen auf die gesundheitliche Ungleichheiten auswirken, kann in Deutschland inzwischen auf eine deutlich verbesserte Datenlage zurückgegriffen werden. Mit Blick auf die Selbsteinschätzung des allgemeinen Gesundheitszustandes konnte etwa für die 25- bis 69-jährige Bevölkerung gezeigt werden, dass die sozialen Unterschiede im Vergleich der Zeiträume 1994–1999 und 2009–2014 zugenommen haben.

Interessant sind darüber hinaus die Ergebnisse zur Entwicklung von sozialen Unterschieden im Gesundheitsverhalten. Für den Tabakkonsum lässt sich feststellen, dass der seit etwa 2003 zu beobachtende Rückgang vor allem darauf zurückzuführen ist, dass Personen mit hoher Bildung weniger rauchen (Abbildung 4). In den anderen Bildungsgruppen sind keine bedeutsamen Unterschiede festzustellen, bei Frauen mit niedriger Bildung hat der Anteil der Raucherinnen sogar eher zugenommen – das gilt zumindest für die hier betrachtete Gruppe der 30- bis 64-Jährigen. Eine ähnliche Entwicklung ist auch für die sportliche Aktivität zu verzeichnen. Für den Zeitraum von 2003 bis 2012 konnte für die 25- bis 69-jährige Bevölkerung gezeigt werden, dass der Anteil der Personen, die überhaupt keinen Sport treiben, in der hohen Statusgruppe deutlich abgenommen hat, und zwar auf unter 20 Prozent, während er in der niedrigen Statusgruppe mit etwa 50 Prozent unverändert hoch blieb.[16]

Abbildung 4: Zeitliche Entwicklung des Rauchens bei 30- bis 64-jährigen Männern und Frauen nach BildungAbbildung 4: Zeitliche Entwicklung des Rauchens bei 30- bis 64-jährigen Männern und Frauen nach Bildung (© Eigene Darstellung; Datenbasis: Sozio-oekonomisches Panel (SOEP 2003–2016))


Fußnoten

12.
Vgl. Chris Power/Diana Kuh, Die Entwicklung gesundheitlicher Ungleichheiten im Lebenslauf, in: Johannes Siegrist/Michael Marmot (Hrsg.), Soziale Ungleichheit und Gesundheit: Erklärungsansätze und gesundheitspolitische Folgerungen, Bern 2008, S. 45–76.
13.
Vgl. Thomas Lampert/Benjamin Kuntz, Gesund aufwachsen. Welche Rolle spielt der soziale Status? Gesundheitsberichterstattung des Bundes, GBE kompakt 1/2015.
14.
Vgl. Gabriele Ellsäßer/Karin Lüdecker/Landesamt für Umwelt, Gesundheit und Verbraucherschutz Brandenburg, Ergebnisse der Schuleingangsuntersuchungen zum Zusammenhang von Sozialstatus und Gesundheit, Potsdam 2016.
15.
Vgl. Lampert/Kuntz (Anm. 13).
16.
Vgl. Jens Hoebel et al., Changing Educational Inequalities in Sporting Inactivity Among Adults in Germany: a Trend Study from 2003–2012, in: BMC Public Health 17/2017, S. 547–556.
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