Jean-Martin Charcot, ein französischer Pathologe und Neurologe, demonstriert an der Salpêtrière die hysterische Patientin Blanche Wittman in hypnotisiertem Zustand. Gemälde von André Brouillet, 1887

8.6.2018 | Von:
Thomas Lampert

Soziale Ungleichheit der Gesundheitschancen und Krankheitsrisiken

Zusammenfassung

Eine ständig zunehmende Zahl an Studien belegt, dass in Deutschland erhebliche soziale Unterschiede in der Gesundheit und Lebenserwartung bestehen. Diese Unterschiede sind nicht nur zwischen der niedrigen und hohen Statusgruppe, sondern über die gesamte Statushierarchie zu beobachten. Zudem weisen die Studien darauf hin, dass der soziale Status bereits die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen beeinflusst, mit entsprechenden Konsequenzen im weiteren Lebensverlauf. Bislang finden sich keine Anhaltspunkte dafür, dass sich die sozialen Unterschiede in der Gesundheit und Lebenserwartung über die Zeit verringert haben könnten. Auf die zurückliegenden 20 bis 30 Jahre bezogen ist vielmehr von relativ stabilen gesundheitlichen Ungleichheiten auszugehen. In einigen Bereichen haben sich die sozialen Unterschiede sogar ausgeweitet, da an sich positive Entwicklungen wie der Rückgang des Tabakkonsums oder die Zunahme der Sportbeteiligung nur oder überwiegend in der mittleren und hohen Statusgruppe festzustellen sind. Dies weist darauf hin, dass auch erfolgreiche Maßnahmen, wie sie zuletzt im Bereich der Tabakprävention und Tabakkontrollpolitik sowie der Bewegungs- und Sportförderung umgesetzt wurden, die Bevölkerungsgruppen, die eigentlich den größten Förderbedarf haben, nicht gleichermaßen erreichen.

Diese Ergebnisse entsprechen weitgehend dem internationalen Forschungsstand. Als Referenz können insbesondere Studien aus den Vereinigten Staaten, Großbritannien und den skandinavischen Ländern dienen. Die Datenlage ist dort deutlich besser als hierzulande und die Entwicklung der gesundheitlichen Ungleichheiten kann über lange Zeiträume analysiert werden. In diesen Ländern gibt es ebenfalls erhebliche gesundheitliche Ungleichheiten, die sich in der Verbreitung von Krankheiten, Beschwerden, Risikofaktoren sowie vorzeitigen Sterbefällen zeigen. Ebenso lässt sich für diese Länder feststellen, dass sich die gesundheitlichen Ungleichheiten im Verlauf der letzten Jahrzehnte nicht verringert, sondern eher verfestigt und zum Teil noch ausgeweitet haben.[17]

Die Reduzierung der gesundheitlichen Ungleichheiten bleibt somit auch in den kommenden Jahren ein wichtiges politisches Handlungsziel. Da davon auszugehen ist, dass die gesundheitlichen Ungleichheiten infolge eines komplexen Zusammenspiels materieller, psychosozialer und verhaltensbezogener Faktoren zustande kommen, müssen auch die Interventionen an mehreren Stellen ansetzen. Von Bedeutung sind unter anderem Maßnahmen, die auf die eigentlichen Ursachen der gesundheitlichen Ungleichheiten zielen und in verschiedenen Politikbereichen zu verorten sind. Neben der Bekämpfung von Armut geht es dabei um die Verringerung ungleicher Bildungschancen, eine Verbesserung der Arbeitsmarktchancen von Geringqualifizierten, die Unterstützung und Stärkung von sozial benachteiligten Familien sowie die Eindämmung von sozialräumlich ungleich verteilten Umweltbelastungen und -risiken.

Daneben ist die Gesundheitspolitik gefragt: Im Zusammenhang mit der medizinischen und pflegerischen Versorgung ist zu berücksichtigen, dass sozial benachteiligte Bevölkerungsgruppen aufgrund des erhöhten Risikos für chronische Erkrankungen, Beschwerden und Funktionseinschränkungen einen größeren Versorgungsbedarf haben. Außerdem bestehen häufiger spezifische Versorgungsbedarfe, etwa aufgrund von Mehrfacherkrankung, psychischen Begleiterkrankungen oder einer Suchtproblematik.[18] Maßnahmen der Prävention und Gesundheitsförderung müssen auch und insbesondere die sozial Benachteiligten erreichen und so früh wie möglich ansetzen. Bewährt haben sich in dieser Hinsicht vor allem Interventionen, die auf eindeutig definierte Bevölkerungsgruppen ausgerichtet sind, die Lebensbedingungen und Problemlagen der angesprochenen Gruppen berücksichtigen sowie die Zielgruppen und beteiligten Einrichtungen und Akteure in die Planung, Durchführung und auch Bewertung der Maßnahmen einbeziehen.[19]

Die Erfahrungen aus anderen Ländern wie Schweden oder Großbritannien zeigen, dass die Verringerung gesundheitlicher Ungleichheiten eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe ist und politikbereichsübergreifende Anstrengungen erfordert, zum einen in Bezug auf die Bekämpfung der Ursachen, die sich zu einem Großteil an benachteiligten Lebensverhältnissen und verminderten Teilhabechancen festmachen lassen, zum anderen in der Anforderung, Prävention und Gesundheitsförderung in allen Politikfeldern zu verankern ("Health in all Policies"). Zugleich machen sie deutlich, dass die Verringerung gesundheitlicher Ungleichheiten eine langfristige Aufgabe ist und die ergriffenen Maßnahmen stabile strukturelle und gesetzliche Rahmenbedingungen sowie eine sichere Finanzierung benötigen.[20]

Fußnoten

17.
Vgl. Mackenbach (Anm. 3); KOM (Anm. 3).
18.
Vgl. Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen, Kooperation und Verantwortung – Voraussetzungen einer zielorientierten Gesundheitsversorgung, Baden-Baden 2008.
19.
Vgl. Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, Kriterien guter Praxis in der Gesundheitsförderung bei sozial Benachteiligten, Köln 2013.
20.
Vgl. Johan Mackenbach, Can We Reduce Health Inequalities? An Analysis of the English Strategy (1997–2010), in: Journal of Epidemiology and Community Health 7/2011, S. 568–575; The National Institute of Public Health, Sweden’s New Public Health Policy, Stockholm 2003; Department of Health, Tackling Health Inequalities: 10 Years On, London 2009.
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