Jean-Martin Charcot, ein französischer Pathologe und Neurologe, demonstriert an der Salpêtrière die hysterische Patientin Blanche Wittman in hypnotisiertem Zustand. Gemälde von André Brouillet, 1887

8.6.2018 | Von:
Vera Regitz-Zagrosek

Gesundheit, Krankheit und Geschlecht

Zum anderen zeigte auch eine Befragung der Ärzt*innen ungenügendes Wissen über Geschlechterunterschiede bei Herzerkrankungen. Frauenspezifische Risikofaktoren oder spezielle diagnostische Strategien bei Frauen bei KHE waren weitgehend nicht bekannt. Die Mediziner*innen wussten sehr wohl, dass Aufklärungskampagnen wie zum Beispiel Nichtraucher-Kampagnen Frauen und Männer nicht gleich gut erreichen. Und sie waren sich auch im Klaren darüber, dass die Prävention von Herzerkrankungen bei beiden Geschlechtern große Unterschiede aufweist. Aufgrund der großen Bedeutung der Herzerkrankungen als Todes- und Invaliditätsursache Nummer eins bei Frauen und bei Männern sollte dieses Bewusstsein aber dringend weiter verbreitet werden, damit eine effektive Behandlung und Gesundheitsvorsorge in der gesamten Bevölkerung möglich wird.

Medikamente

Wie ging es mit eingangs erwähnten Infarktpatientin weiter? Unter anderem wird man ihr Medikamente verschrieben haben. Wenn sie ein etabliertes Medikament gegen Herzschwäche bekommt, nämlich Digoxin, könnte sie in Gefahr sein. Der Wirkstoff, der aus dem Woll-Fingerhut gewonnen wird, wurde als eines der ältesten Medikamente gegen Herzschwäche jahrzehntelang bei Frauen und Männern gleichermaßen eingesetzt; bei vielen gegen das sogenannte Altersherz benutzt. Eine große Studie zu seiner Wirksamkeit in den 1990er Jahren wurde als Empfehlung für seinen Einsatz bei beiden Geschlechtern interpretiert, allerdings ohne, dass eine geschlechtsspezifische Analyse stattgefunden hätte. Diese erfolgte erst 2002: Man sah zur großen Überraschung, dass Digoxin bei Männern gut wirkte, während es bei Frauen die Sterblichkeit sehr deutlich erhöhte. Dies ist sicher ein extremes Beispiel für unterschiedliche Medikamentenwirkung bei beiden Geschlechtern; es gibt jedoch mehr solcher Fälle.[7] Manche Mittel wirken bei Frauen nicht gegen Herzrhythmusstörungen, sondern lösen sie eher aus. Medikamente gegen Bluthochdruck haben bei Frauen oft mehr Nebenwirkungen. Aspirin wirkt zur Verhinderung eines ersten Herzinfarktes vor allem bei Männern unter 65, nicht bei Frauen dieses Alters. Gängige Schlafmittel wirken bei Frauen länger und stärker und führen deswegen oft zu Unfällen am nächsten Morgen.

Die Gründe für unterschiedliche Medikamentenwirkungen sind vielfältig. Zum Beispiel werden Arzneimittel bei Frauen und Männern vom Körper anders aufgenommen, umgebaut, haben Wechselwirkungen mit Geschlechtshormonen und werden anders ausgeschieden. Die Nierenfunktion ist beispielsweise bei kleinen alten Frauen sehr viel schlechter als bei gleichaltrigen Männern. Weiter unterscheiden sich die Organe von Frauen und Männern in ihrer Feinbauweise und Funktion ihrer Zellen.

Obwohl viele dieser Unterschiede bekannt sind, werden Arzneimittel oft nur an jungen männlichen Tieren entwickelt – meist acht Wochen alten Mäusen. Die Frage, ob die an männlichen Tieren gefundenen Substanzen auch bei weiblichen Tieren oder Frauen wirksam sind, interessiert wenig bis gar nicht. Wir haben in einer eigenen Studie ein gentechnisches Medikament an 400 Mäusen geprüft – es verbesserte das Überleben bei den männlichen Tieren hervorragend, bei den weiblichen gar nicht.[8] Probleme, die nur bei weiblichen Tieren entstehen, wie etwa eine Interaktion mit dem Zyklus, werden in den Studien an ausschließlich männlichen Tieren gar nicht entdeckt. Und: Mit diesem Vorgehen kann man Substanzen, die vor allem bei weiblichen Tieren oder Frauen wirksam wären, gar nicht finden. Auch klinische Studien – also Studien an Patient*innen – wurden lange vorzugsweise an Männern durchgeführt und waren häufig nicht darauf ausgelegt, Wirkungen bei Frauen zu erfassen. Erst seit kurzem sollen neue Arzneimittel gleichermaßen an Männern und Frauen getestet werden. Aber die vorhandenen fast 100.000 alten Substanzen in unseren Apotheken sind nicht an Männern und Frauen getestet.[9]

Hinzu kommt, dass Frauen und Männer Arzneimittel anders einnehmen. Ihre Compliance ist unterschiedlich, sie nehmen unterschiedlich viele, möglicherweise interagierende, freiverkäufliche Substanzen zu den verschriebenen Arzneimitteln ein. Weiter ist bekannt, dass Ärzt*innen Frauen und Männer unterschiedlich intensiv behandeln.

Noch ist die Arzneimitteltherapie also nicht für beide Geschlechter optimiert. Aber es besteht ein immer größeres Bewusstsein dafür, welche Unterschiede zwischen Frauen und Männern beachtet werden müssen, um für beide Geschlechter optimale Arzneimittel in optimalen Dosen bereitzustellen.

Fußnoten

7.
Vgl. Vera Regitz-Zagrosek, Sex and Gender Differences in Pharmacology, Handbook of Experimental Pharmacology 214, Berlin–Heidelberg 2012, S. 214–600; dies., Geschlechterunterschiede in der Pharmakotherapie, in: Bundesgesundheitsblatt Gesundheitsforschung Gesundheitsschutz 9/2014, S. 1067–1073.
8.
Vgl. Vera Regitz-Zagrosek/Georgios Kararigas, Mechanistic Pathways of Sex Differences in Cardiovascular Disease, in: Physiological Reviews 1/2017, S. 1–37.
9.
Vgl. Regitz-Zagrosek 2012 (Anm. 7).
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