Jean-Martin Charcot, ein französischer Pathologe und Neurologe, demonstriert an der Salpêtrière die hysterische Patientin Blanche Wittman in hypnotisiertem Zustand. Gemälde von André Brouillet, 1887

8.6.2018 | Von:
Thomas Gerlinger

Baustelle Gesundheitssystem. Aktuelle Herausforderungen in der Gesundheitspolitik – Essay

Neben diese Mängel tritt ein weiteres Problem: Obwohl die Arztdichte in Deutschland im internationalen Vergleich sehr hoch ist, gibt es eine Reihe von Regionen, in denen eine Unterversorgung herrscht, der Zugang zur ärztlichen Versorgung unbefriedigend ist oder sich eine Unterversorgung abzeichnet, wenn massive Gegensteuerungen unterbleiben. Dies betrifft insbesondere die hausärztliche Versorgung in benachteiligten Regionen – vor allem im ländlichen Raum, aber auch in Großstädten beziehungsweise Agglomerationsräumen, in denen Armut und Arbeitslosigkeit besonders häufig anzutreffen sind,[17] Dies betrifft zum Beispiel Teile Mecklenburg-Vorpommerns und Sachsen-Anhalts oder den Berliner Bezirk Neukölln. Gleichzeitig existiert in einer großen Zahl von Zulassungsbezirken, insbesondere in den großstädtischen Zentren, eine zum Teil erhebliche Überversorgung mit Ärzten.[18]

Mit dem Versorgungsstrukturgesetz (2011) und dem Versorgungsstärkungsgesetz (2015) wurden zuletzt zahlreiche Maßnahmen auf den Weg gebracht, die der Abkehr von benachteiligten Regionen entgegenwirken sollen. Im Mittelpunkt stehen eine Reform der vertragsärztlichen Bedarfsplanung, darunter eine Verkleinerung der Planungsbezirke für die hausärztliche Versorgung und eine Erweiterung von Möglichkeiten zur regionalen Abweichung von bundesweiten Vorgaben, sowie diverse (vor allem finanzielle) Anreize für Ärzte und Ärztinnen, sich in unterversorgten oder von Unterversorgung bedrohten Regionen niederzulassen. Zudem beschlossen der Bundestag, die Bundesministerien für Gesundheit und Forschung und die Gesundheits- und Kultusministerkonferenzen der Bundesländer 2017 mit dem "Masterplan 2020", die Allgemeinmedizin im Medizinstudium zu stärken und den Länden das Recht einzuräumen, bis zu zehn Prozent der Medizinstudienplätze an Studierende zu vergeben, die bereit sind, sich in unterversorgten Regionen niederzulassen.

Bisher gibt es aber keine Anzeichen dafür, dass diese Maßnahmen dazu geführt hätten, den skizzierten Trend zu stoppen oder gar umzukehren. Ein wichtiger Grund dafür, dass Ärzte sich selten in benachteiligten Regionen niederlassen, ist sicher auch, dass dort die Zahl beziehungsweise der Anteil von Privatversicherten unterdurchschnittlich ist, und es sich somit für die Ärzte schlichtweg nicht lohnt: Denn für privatärztliche Leistungen erhalten sie erheblich höhere Honorare als für Leistungen, die sie für GKV-Patienten erbringen. Eine Lösung dieses Problems wird ohne eine Aufhebung der Trennung von gesetzlicher und privater Krankenversicherung kaum möglich sein.

Versicherungssystem

Schließlich zählt zu den großen Herausforderungen der Gesundheitspolitik die notwendige und überfällige Neuordnung des Krankenversicherungssystems selbst im Sinne einer Aufhebung der Trennung von gesetzlicher und privater Krankenversicherung. Das Nebeneinander der beiden Systeme gehört zu den traditionellen Merkmalen des deutschen Gesundheitssystems[19] und ist Gegenstand vielfältiger Kritik.

Diese Kritik bezieht sich auf unterschiedliche Aspekte: Zum einen beteiligen sich Privatversicherte nicht am Solidarausgleich der gesetzlich Krankenversicherten, obwohl ihr Durchschnittseinkommen deutlich höher ist.[20] Zum anderen gehen mit dem Status des Privatversicherten Privilegien bei der Krankenversorgung einher. So sind insbesondere die Wartezeiten für Termine bei Fachärzten häufig deutlich kürzer als jene für GKV-Patienten, weil die Honorare für die Behandlung von PKV-Patienten erheblich höher liegen.[21] Diese Unterschiede in der Vergütung von Leistungen sind auch ein wichtiger Grund für die erwähnte Ungleichverteilung von Ärzten zulasten ökonomisch und infrastrukturell benachteiligter Regionen. Ferner haben Privatversicherte auch einen direkten Zugang zur ambulanten Versorgung am Krankenhaus und zu medizinischen Innovationen. Darüber hinaus findet zwischen beiden Systemen auch eine Risikoselektion zulasten der GKV statt. Personen, die nicht in der GKV pflichtversichert sind, können sich zwischen einem der beiden Systeme entscheiden. Dabei entscheiden sich in aller Regel diejenigen Personen mit "hohen" Risiken für die GKV, also diejenigen mit Vorerkrankungen oder Risikofaktoren für chronische Erkrankungen (etwa Übergewichtige oder Raucher) oder solche mit nicht-erwerbstätigem Ehepartner und (mehreren) Kindern, denn in der PKV müssten sie – im Unterschied zur GKV – einen Risikoaufschlag auf die Versicherungsprämie zahlen (Vorerkrankungen, Risikofaktoren) beziehungsweise jedes Familienmitglied individuell versichern.

Fußnoten

17.
Vgl. Bertelsmann Stiftung, Faktencheck Gesundheit, Regionale Verteilung von Arztsitzen, Gütersloh 2014.
18.
Vgl. Joachim Klose/Isabel Rehbein, Ärzteatlas 2017. Daten zur Versorgungsdichte von Vertragsärzten, Berlin 2017.
19.
Vgl. Roman Böckmann, Quo vadis PKV?, Wiesbaden 2011, S. 45ff.
20.
Vgl. Heinz Rothgang/Dominik Domhoff, Beitragssatzeffekte und Verteilungswirkungen der Einführung einer "Solidarischen Gesundheits- und Pflegeversicherung", Gutachten im Auftrag der Bundestagsfraktion Die Linke und der Rosa-Luxemburg-Stiftung, Bremen 2017, http://www.rosalux.de/fileadmin/rls_uploads/pdfs/Studien/Solidarische_Gesundheits-_und_Pflegeversicherung__Mai_2017.pdf«.
21.
Vgl. Markus Lüngen et al., Waiting Times for Elective Treatments According to Insurance Status: A Randomized Empirical Study in Germany, in: International Journal for Equity in Health 1/2008, S. 1–7.
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