Jean-Martin Charcot, ein französischer Pathologe und Neurologe, demonstriert an der Salpêtrière die hysterische Patientin Blanche Wittman in hypnotisiertem Zustand. Gemälde von André Brouillet, 1887

8.6.2018 | Von:
Nils B. Heyen

Von der Krankheitsbekämpfung zur Gesundheitsoptimierung. Aktuelle Technikvisionen für Medizin und Gesundheit

Digitale Gesundheit

Wenn von der "digitalen Revolution" im Gesundheitswesen gesprochen wird,[12] kommen verschiedene Dinge zusammen: Erstens geht es um die neuen technischen Möglichkeiten, den Menschen und seine Gesundheit zu digitalisieren. Das betrifft nicht nur Daten zur oben erwähnten genetischen und biomolekularen Konstitution, die auch ohne den Umweg über einen Arzt direkt bei Privatfirmen wie 23andMe (eine US-amerikanische Firma, die Genanalysen anbietet) bestellt werden können, sondern auch Daten zu Vitalparametern wie Herzfrequenz, Atmung oder Blutdruck sowie zum individuellen Bewegungs-, Schlaf- und Ernährungsverhalten, die im Zuge digitaler Selbstvermessung per Smartphone oder Wearables generiert werden. Unter Begriffen wie "Medizin 2.0" oder "Gesundheit 2.0" geht es zweitens um neue Formen der Kommunikation und Kollaboration zwischen Menschen über das Internet, seien es Ärzt/innen, Patient/innen oder allgemein an Gesundheitsthemen Interessierte. Dazu zählen etwa Health Social Networks wie PatientsLikeMe, wo Krankheitssymptome und Erfahrungen mit bestimmten Medikamenten und Behandlungen gesammelt, ausgetauscht und ausgewertet werden. Beispiele wie dieses oder auch das digitale Self-Tracking befördern die Idee eines Empowerments, also die Vorstellung, die Gesundheit selbst in die Hand nehmen zu können, ohne professionelle Hilfe. Daher gehört auch eine Demokratisierung der Medizin zu den Versprechungen dieser Vision. Schließlich bezieht sich die Vision drittens auf Big Data in Medizin und Gesundheitswesen, also auf die Zusammenführung und Analyse all der zuvor genannten Datenarten mit Daten aus der medizinischen Versorgung und Forschung, von Gesundheitsämtern und Krankenversicherungen.[13]

Während Big Data eher unbestimmt Fortschritte sowohl im Bereich der Therapie als auch der Prävention verspricht, scheinen die beiden anderen Aspekte deutlich anschlussfähiger an das Konzept der Gesundheitsförderung als die Vision der P4-Medizin. Das liegt daran, dass sie die professionelle Medizin oft nur am Rande behandeln und stattdessen am Empowerment, an den Gesundheitskompetenzen und am alltäglichen Gesundheitsverhalten des Einzelnen ansetzen. Tatsächlich können Aktivitäten der Selbstvermessung so gestaltet sein, dass sie selbstbezogenes Gesundheitswissen produzieren und insofern zu einer Selbstexpertisierung führen. Empirisch ist das allerdings eher die Ausnahme. [14] Massenhaft praktiziert werden Aktivitäten zum Monitoring von Vitalparametern oder zur Optimierung, zum Beispiel der Fitness oder der Ernährung.

An solchen Praktiken und Technikangeboten wird kritisiert, dass sie den Druck auf den Einzelnen, sich vorgegebenen Normen zu unterwerfen, stark erhöhen und einer weiteren Ökonomisierung des Sozialen Vorschub leisten, die aus jedem Menschen einen Manager oder Unternehmer seiner selbst macht.[15] Diese Kritik freilich lässt auch das Konzept der Gesundheitsförderung und die allgemeine Idee des Empowerments nicht unberührt. Davon abgesehen impliziert die Vision nicht zu unterschätzende Risiken im Hinblick auf den Datenschutz, einen denkbaren Datenreduktionismus sowie die Nutzung der Daten durch Versicherungen oder Arbeitgeber mit entsprechenden Überwachungs- und Diskriminierungspotenzialen.

Enhancement

Enhancement meint die technisch induzierte Verbesserung oder Optimierung der Gesundheit oder des menschlichen Körpers; und zwar über das normale, als gesund oder natürlich empfundene Maß hinaus. Dies unterscheidet Enhancement von Therapie, die die Wiederherstellung der Gesundheit zum Ziel hat. Mehr noch als die beiden zuvor diskutierten Technikvisionen ist Enhancement ein Oberbegriff, unter dem sich diverse Visionen, aber auch Utopien versammeln. Bereits praktisch angewendet werden Techniken aus dem Bereich des Neuro-Enhancements, wie etwa das Arzneimittel Ritalin, das einerseits in der Therapie von ADHS eingesetzt, andererseits aber von einigen Studierenden zur (vorübergehenden) kognitiven Leistungssteigerung genutzt und daher auch "Gehirn-Doping" genannt wird. Noch weiter gehen Visionen, die den menschlichen Alterungsprozess verlangsamen oder gleich ganz "abschaffen" wollen. In den Bereich des Utopischen fallen schließlich Zukunftsideen der Transhumanisten, wie beispielsweise den Menschen über Prothesen und Implantate in einen Cyborg (ein Hybridwesen aus Mensch und Maschine mit entsprechend übermenschlichen Fähigkeiten) zu verwandeln oder sein Bewusstsein zu digitalisieren, um seine Intelligenz über Upgrades künstlich zu steigern.[16]

Es ist offensichtlich, dass die angedeuteten Praktiken und Ideen weit über das hinausgehen, was eingangs unter Krankheitsprävention und Gesundheitsförderung beschrieben worden ist. Auch scheint das Ziel unbestimmter, weil es sich eben nicht in "normaler" Gesundheit erschöpft. Gleichwohl ist zu erwarten, dass sich viele Enhancement-Technologien in ihrer Wirkungsweise an medizinischen Techniken orientieren und sich künftig notwendige Regulierungsmaßnahmen eng an die bestehenden Strukturen im Gesundheitswesen anlehnen werden.[17] Inwiefern solche Praktiken gesellschaftlich überhaupt akzeptiert und sich durchsetzen werden, scheint derzeit weitgehend offen.

Fazit

Nicht nur der gesundheitspolitische Diskurs, auch aktuelle technische Visionen für Medizin und Gesundheit weisen weg von einer kurativen, auf Heilung fokussierten Medizin hin zu einer präventiven Perspektive, die Gesundheit stärkt bis optimiert – ohne dass dies die Behandlung akuter Krankheiten obsolet machen würde. Während die P4-Medizin zwar neue biotechnologische Mittel einsetzt, aber trotzdem weitgehend Therapie und Prävention gleichermaßen in Betracht zieht, um die modernen Zivilisationskrankheiten zu bekämpfen, bedient die Vision der digitalen Gesundheit weitaus stärker die Idee eines über das klassische Medizinsystem hinausgehenden Gesundheitswesens mit gesundheitskompetenten und sich gesundheitsbewusst verhaltenden Menschen. Noch weiter von der medizinischen Heilkunde entfernt haben sich Enhancement-Visionen, in denen es allerdings im Kern weniger um Gesundheitsoptimierung als um die Steigerung menschlicher Fähigkeiten über das Normalmaß hinaus geht. Welche Technikvision auch immer in Zukunft wirkmächtiger wird, die gesellschaftlichen Implikationen gilt es in jedem Fall zu reflektieren und bei der Gestaltung der Entwicklung zu berücksichtigen.

Fußnoten

12.
Vgl. z.B. Eric Topol, The Creative Destruction of Medicine, New York 2012.
13.
Vgl. Peter Langkafel, Auf dem Weg zum Dr. Algorithmus? Potenziale von Big Data in der Medizin, in: APuZ 11–12/2015, S. 27–32.
14.
Vgl. Nils B. Heyen, Von der Selbstvermessung zur Selbstexpertisierung, in: ders. et al. (Hrsg.), Personal Health Science. Persönliches Gesundheitswissen zwischen Selbstsorge und Bürgerforschung, Wiesbaden 2018 (i.E.).
15.
Vgl. Ulrich Bröckling, Das unternehmerische Selbst. Soziologie einer Subjektivierungsform, Frankfurt/M. 2007.
16.
Vgl. Sascha Dickel, Der Neue Mensch – ein (technik)utopisches Upgrade, in: APuZ 37–38/2016, S. 16–21.
17.
Vgl. Peter Wehling/Willy Viehöver, Einleitungskapitel, in: dies. (Hrsg.), Entgrenzung der Medizin. Von der Heilkunst zur Verbesserung des Menschen?, Bielefeld 2011, S. 7–47, hier S. 24.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Nils B. Heyen für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

Sie dürfen den Text unter Nennung der Lizenz CC BY-NC-ND 3.0 DE und des/der Autors/-in teilen.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.