Jean-Martin Charcot, ein französischer Pathologe und Neurologe, demonstriert an der Salpêtrière die hysterische Patientin Blanche Wittman in hypnotisiertem Zustand. Gemälde von André Brouillet, 1887

8.6.2018 | Von:
Sven Stollfuß

Zwischen Stigmatisierung und Differenzierung. Krankheit in Filmen und Fernsehserien

Medieneffekte

Das Sprichwort "madness is as madness looks" (deutsch "Wahnsinn ist, was nach Wahnsinn aussieht") legt, wie der Medien- und Kulturwissenschaftler Simon Cross schreibt, in der kulturellen Auslegung von psychischer Krankheit nicht selten eine angsteinflößende Distanzhaltung nahe.[16] In medialen Darstellungen wird dies vielfach stereotyp aufgegriffen und populärkulturell verfestigt – insbesondere dadurch, dass psychische Krankheit und gewalttätiger, zerstörerischer Wahnsinn miteinander verknüpft werden. Dies ist im Motiv des psychisch gestörten Mörders in Filmen wie "Psycho" (USA 1960) oder "The Silence of the Lambs" ("Das Schweigen der Lämmer", USA 1991) der Fall, aber auch in "Profiler"-Fernsehserien wie "Criminal Minds" (USA 2005–) oder "Mindhunter" (USA 2017–).

Dagegen finden sich ebenso fiktionale Erzählungen, die psychische Erkrankungen jenseits solch bedrohlicher und vor allem angstbesetzter Inszenierungsmuster verhandeln. Filme wie "Still Alice" ("Still Alice – Mein Leben ohne Gestern", USA 2014), der den Umgang einer Linguistin mit ihrer Alzheimererkrankung erzählt, oder auch "Angel Baby" (Australien 1995), der die Geschichte zweier an Schizophrenie erkrankter Personen präsentiert, widmen sich dem Thema auf komplexere Art und Weise. Auch Serien wie "ER" ("Emergency Room", USA 1994–2009), "Grey’s Anatomy" und auch "Club der roten Bänder" verfolgen auf jeweils eigene Art eine differenziertere Auseinandersetzung mit unterschiedlichen, auch psychischen Krankheiten. Neben dem Kriterium der "Genauigkeit" in der Darstellung gilt es jedoch, noch weitere Aspekte hinsichtlich Komplexität und Differenzierung zu reflektieren.

Stigmatisierung und Diskriminierung
Inszenierungen, die Wahnsinn und Gewalttätigkeit beziehungsweise Gefährlichkeit miteinander verknüpfen, zeichnen sich durch eine jahrzehntelange populärkulturelle Beständigkeit aus. Trotzdem sollte man sich auch ihren Entwicklungs- und Veränderungsprozess vergegenwärtigen, um zeitgenössische Darstellungen in einem medialen und gesellschaftlichen Referenzrahmen betrachten zu können.[17] Das gilt besonders für die Auseinandersetzung mit entsprechenden Rezeptions- und Wirkungsdiskursen bezüglich stigmatisierender Medieneffekte. Für psychische Krankheiten etwa gibt es eine ganze Reihe negativer medialer Darstellungsmuster: Psychisch Kranke werden in großer Häufigkeit als gefährlich, unberechenbar, unsozial, aggressiv und beruflich wenig erfolgreich dargestellt.[18] In der medialen Inszenierung wird ein Erkrankter dabei in erster Linie über ein Krankheitsbild definiert und erst anschließend als Individuum. Diese Inszenierungen sind übertrieben in ihrer Simplifizierung und somit ungeeignet für eine umfänglichere Beschreibung psychischer Erkrankungen.[19] Gesundheitswissenschaftler verweisen in diesem Zusammenhang auf potenzielle Beeinträchtigungen des Selbstwertgefühls, des Umgangs mit Medikamenten und der Genesung insgesamt von Erkrankten.[20]

Auf der anderen Seite wirft der Medienwissenschaftler Stephen Harper dem medienkritischen Diskurs vor, die stigmatisierenden Effekte populärkultureller Erzählungen zu negativ-generalisierend zu betrachten. Er plädiert stattdessen für eine differenziertere Analyse medialer Texte unter Beachtung der spezifischen Komplexität medialer Formen, den genrespezifischen Eigenschaften und somit auch den unterschiedlichen Bedeutungsebenen gerade fiktionaler Erzählmuster.[21] So verwendet er "madness" beispielsweise als funktionalen Begriff, dem nicht nur ausschließlich im Sinne medizinisch-psychiatrischer Dimensionen Bedeutung zukommt, sondern auch in diversen metaphorisch aufgeladenen Zusammenhängen eine Wertung, etwa als Symbol für soziale Entfremdung und politischen Widerstand, zugeschrieben werden kann. In Filmen wie "Donnie Darko" zeige sich "Wahnsinn" so gesehen als symbolische Chiffre für eine gesellschaftliche Zurichtung von anti-sozialem Verhalten, die eine psychiatrische Klassifizierung übersteige.[22]

Komplexität und Differenzierung
In ihrer vielfach beachteten Publikation "Movies and Mental Illness" verweisen auch Danny Wedding und Ryan M. Niemiec auf den kritischen Diskurs zu Filmen, die eindimensionale stereotype und dabei zumeist negativ besetzte Bilder entwerfen und so zu einer Stigmatisierung beitragen.[23] Daneben aber gebe es ebenfalls eine große Anzahl an Filmen, die differenziertere Geschichten erzählen, komplexe Handlungen entwerfen und auf diese Weise produktive, erkenntnisreiche Kulturerzeugnisse darstellten wie zum Beispiel die Filme "Silver Linings Playbook" ("Silver Linings", USA 2012) rund um eine Hauptfigur mit bipolarer Störung oder "Michael Clayton" (USA 2007).[24]

Trotzdem muss eine ausgewogene Darstellung eben nicht immer auch einer Stigmatisierung entgegenwirken. So wurde der Film "Angel Baby" dafür gelobt, im Sinne einer kulturellen Wissensvermittlung eine weitestgehend akkurate und differenzierte Inszenierung der Krankheitsschübe von an Schizophrenie erkrankten Personen darzustellen.[25] Gleichzeitig aber hat eine Rezeptions- und Wirkungsstudie zu diesem Film gezeigt, dass er gerade aus diesem Grund Irritationen bei den Testpersonen hervorgerufen habe und somit infolge einer möglichst akkuraten Darstellung stigmatisierend wirken kann. Folglich ist für eine kulturelle Wissensvermittlung durch Spielfilme jenseits stigmatisierender Effekte eine Genauigkeit von Krankheitsdarstellungen mit dem erzählerischen Bedeutungspotenzial fiktionaler Erzählungen auszubalancieren, um den Zuschauenden ein differenzierteres Bild nahezubringen.[26]

Fußnoten

16.
Simon Cross, Mediating Madness. Mental Distress and Cultural Representation, New York 2010, S. 129.
17.
Vgl. ebd., S. 34.
18.
Elaine M. Sieff, Media Frames of Mental Illnesses. The Potential Impact of Negative Frames, in: Journal of Mental Health 3/2003, S. 259–269, hier S. 260ff.
19.
Vgl. ebd.
20.
Vgl. Heather Stuart, Media Portrayal of Mental Illness and its Treatments, in: CNS Drugs 2/2006, S. 99–106; Greg Philo et al., The Impact of the Mass Media on Public Images of Mental Illness. Media Content and Audience Belief, in: Health Education Journal 3/1994, S. 271–281.
21.
Vgl. Stephen Harper, Media, Madness and Misrepresentation. Critical Reflections on Anti-Stigma Discourse, in: European Journal of Communication 4/2005, S. 460–483.
22.
Vgl. ebd., S. 479.
23.
Vgl. Danny Wedding/Ryan M. Niemiec, Movies and Mental Illness. Using Films to Understand Psychopathology, Boston 2014.
24.
Vgl. ebd., S. 2f.; Sieff (Anm. 18), S. 262.
25.
Vgl. Ute Ritterfeld/Seung-A Jing, Addressing Media Stigma for People Experiencing Mental Illness Using an Entertainment- Education Strategy, in: Journal of Health Psychology 2/2006, S. 247–267.
26.
Vgl. auch Ute Ritterfeld/Matthias R. Hastall/Alexander Röhm, Menschen mit Krankheit oder Behinderung in Film und Fernsehen. Stigmatisierung oder Sensibilisierung?, in: Zeitschrift für Inklusion 4/2014, http://www.inklusion-online.net/index.php/inklusion-online/article/view/248/239«.
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