Jean-Martin Charcot, ein französischer Pathologe und Neurologe, demonstriert an der Salpêtrière die hysterische Patientin Blanche Wittman in hypnotisiertem Zustand. Gemälde von André Brouillet, 1887

8.6.2018 | Von:
Sven Stollfuß

Zwischen Stigmatisierung und Differenzierung. Krankheit in Filmen und Fernsehserien

Ein ähnlich komplexes Bild ergibt sich für das Wissen und die Einschätzungen von Testpersonen bezüglich Schizophrenie, Zwangsstörungen und Depressionen. In einer Untersuchung, in der Testpersonen beurteilen sollten, ob Erkrankte stärker zu Gewalttätigkeit neigen, zeigte sich, dass es keinen eindeutigen Zusammenhang zwischen dem Medienkonsum der Testpersonen und ihren Beurteilungen gab.[27] Zugleich zeigt die Studie, dass bei einer differenzierten Inszenierung – sowohl in dokumentarischen wie auch in fiktionalen Erzählungen – Zuschauende Wissen aus audiovisuellen Erzählungen ziehen können. Der "Lernerfolg" hängt dabei vor allem von der Bereitschaft der Testpersonen ab, sich intensiver mit dem Gesehenen zu befassen, das heißt sich auf eine höhere kognitive Anstrengung einzulassen.[28] Differenziertere Inszenierungen von Krankheiten können also auch in fiktionalen Medien kulturelles Wissen vermitteln, sofern das Material eine gesteigerte kognitive Auseinandersetzung auf Seiten der Zuschauenden zu bewirken vermag.

Im Bereich der Serienerzählungen des Fernsehens sind in den vergangenen knapp drei Jahrzehnten vergleichbar differenziertere Geschichten auch über Krankheiten und die damit verbundenen individuellen und gesellschaftlichen Herausforderungen entstanden. Im Zuge dessen, was als sogenanntes Qualitätsfernsehen diskutiert und in der Forschung mittlerweile fundierter als "komplexes Erzählen" konzeptualisiert wird,[29] sind narrativ stärker verdichtete und diegetisch herausfordernde Erzählungen entstanden, die das Vergnügen aufseiten der Zuschauenden mit einem "kognitiven Workout" verbinden.[30] Die US-amerikanische Serie "ER" beispielsweise ist in diesem Zusammenhang für ihre mehr oder weniger realistische Art der Darstellung gelobt worden,[31] da sie sich zumindest von tradierten Klischeebildern einer Krankenhausserie abgrenze. "ER" setzte sich aber nicht nur mit einer Reihe auch kontroverser Themen wie HIV/Aids und Organhandel auseinander, sondern thematisierte auch psychische Erkrankungen wie beispielsweise bipolare affektive Störungen, ohne aber die Krankheit als prinzipiell destruktiv zu stigmatisieren.

Auch Serien wie "Grey’s Anatomy" und "Club der roten Bänder" setzen auf eine differenziertere Erzähl- und Darstellungsweise. Gerade letztere zeigt jugendliche Figuren, denen infolge einer Krebserkrankung Gliedmaßen amputiert werden müssen, die Rückschläge durch erneut gestreuten Krebs auszuhalten haben, die an Magersucht erkrankt sind, mit Ängsten zu kämpfen haben oder Merkmale autistischer Störungen aufweisen. Dennoch werden sie als lebensbejahend dargestellt, die trotz ihrer schweren und zum Teil auch unheilbaren Erkrankungen soziale und intime Beziehungen eingehen wollen; das heißt Krankheiten – hier im Spannungsfeld von physischen wie psychischen Leiden, Formen der Bewältigung und der sozialen Einbindung in Strukturen von Gemeinschaftlichkeit – werden nicht grundlegend als bedrückend oder desillusionierend dargestellt. Stattdessen stehen die individuellen als auch und gerade die sozialen, gemeinschaftlichen Herausforderungen im Umgang damit im Vordergrund. Zuschauende wiederum sind hier mit Geschichten konfrontiert, die keine eindimensionale Rezeption provozieren, sondern kognitiv-emotional nachhaltig herausfordern. Solcherart Krankenhausserien wird in diesem Zusammenhang ein "ethnografischer Wert" zugeschrieben, da sie eine kulturelle Übersetzungsleistung vollziehen zwischen Alltagskultur und medialer Inszenierung in Hinblick auf die Darstellung und Aushandlung von Gesundheit, Krankheit und Behandlung.[32]

Fazit

Populärkulturelle Inszenierungen von Krankheit können durch ihre Darstellungs- und Erzählmuster zu einer differenzierteren Auseinandersetzung mit dem Themenfeld Krankheit beitragen. Rezeptions- und Wirkungsstudien haben jedoch gezeigt, dass eine vermeintlich stärker realitätsorientierte Darstellung nicht immer ausreichend ist, um eine Stigmatisierung durch die mediale Inszenierung zu verhindern.[33] Stattdessen müssen die Zuschauenden während ihres Rezeptionsprozesses von einem "Unterhaltungsmodus" zu einem "Lernmodus" wechseln. Eine solche intensivere kognitive Verarbeitung beinhaltet bei komplexen Darstellungsformen, wie es Filme und Fernsehserien sind, auch erzählerische, kontextualisierende und differenzierende Aspekte eben auch unter Rückgriff auf und Berücksichtigung von dramaturgischen und Genre-Mustern.[34]

Fußnoten

27.
Vgl. Joachim Kimmerle/Ulrike Cress, The Effects of TV and Film Exposure on Knowledge About and Attitudes Towards Mental Disorders, in: Journal of Community Psychology 8/2013, S. 931–943, hier S. 940.
28.
Vgl. ebd.
29.
Jason Mittell, Complex TV. The Poetics of Contemporary Television, New York 2015.
30.
Steven Johnson, Everything Bad Is Good for You: How Today’s Popular Culture is Actually Making Us Smarter, New York 2005, S. 14.
31.
Ritterfeld/Hastall/Röhm (Anm. 26); Josep M. Comelles/Serena Brigidi, Fictional Encounters and Real Engagements. The Representation of Medical Practice and Institutions in Medical TV Shows, in: Nova època 7/2014, S. 17–34; Robert J. Thompson, Television’s Second Golden Age. From Hill Street Blues to ER, Syracuse 1997, S. 188f.
32.
Vgl. Comelles/Brigidi (Anm. 31), S. 28f.
33.
Vgl. Kimmerle/Cress (Anm. 27); Ritterfeld/Jing (Anm. 25).
34.
Vgl. hierzu auch die Argumentation von Harper (Anm. 21).
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