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10.6.2002 | Von:
Matin Baraki

Islamismus und Großmachtpolitik in Afghanistan

II. Von der Republik zum Islamischen Staat

Die prosowjetische Regierung begann 1978 mit der Realisierung von ersten Reformmaßnahmen wie der Bodenreform, der Regelung von Ehe- und Scheidungsangelegenheiten und der Alphabetisierung. [11] Ihre Unfähigkeit, die angestrebten Reformen behutsam und unter Berücksichtigung der realen Verhältnisse in Afghanistan - nämlich feudale bzw. vorfeudale Stammesstrukturen sowie eine Analphabetenrate in der Bevölkerung von über 97 Prozent - anzugehen, verursachte gravierende Fehler. An der Vorbereitung und Durchführung einer Bodenreform waren die Bauern weder politisch beteiligt noch materiell darauf vorbereitet. Die Stammesstrukturen blieben ebenfalls völlig unberücksichtigt, da es Probleme mit sich brachte, das Land der Großgrundbesitzer, die zum Teil mit den Stammesführern identisch waren bzw. auch die führende Geistlichkeit stellten, an landarme und landlose Bauern und Stammesangehörige zu verteilen. Bei der Durchführung der Alphabetisierung waren Mädchen und Frauen verpflichtet worden, an Koedukationskursen teilzunehmen. Auch die Neuregelung von Ehe- und Scheidungsangelegenheiten wurde ohne Berücksichtigung der patriarchalischen Verhältnisse im Lande durchgesetzt.

In der Summe führten diese Maßnahmen zu einer Distanzierung der Bevölkerung gegenüber der Regierung, die von den Führern der Modjahedin geschickt ausgenutzt wurde, um den aktiven Widerstand auszulösen. Hier ergab sich für die Islamisten ein optimaler Ansatzpunkt, sie konnten die Unzufriedenheit der Bevölkerung sowie die vermeintliche Bedrohung ihrer Religion für die eigenen Ziele instrumentalisieren. Großgrundbesitzer, Stammesführer und Geistlichkeit, die sich auch als Händler und Spekulanten betätigten, waren von den Reformmaßnahmen der Regierung unmittelbar betroffen. Sie gingen ins Exil und führten von Pakistan und Iran aus den organisierten Widerstand, wobei sie als Führer der verschiedenen Modjahedingruppen sowohl aus ideologischen als auch aus ökonomischen Gründen gegen die linksorientierte Regierung kämpften. Nicht nur die Bodenreform, sondern auch die Alphabetisierung von Männern und Frauen sowie die Verbesserung der Rechtsstellung der Frauen wollten sie mit allen Mitteln verhindern. Sowohl Mitglieder der Kommission zur Durchführung der Bodenreform als auch viele Lehrerinnen und Lehrer der Alphabetisierungskurse wurden in der Folge ermordet. Ende Dezember 1979 führte die prekäre Lage der Regierung zur sowjetischen Intervention in Afghanistan.

Seit Ende des Kalten Krieges ist bekannt geworden, dass die afghanische Regierung die UdSSR insgesamt 21 Mal um Hilfe gebeten hat. [12] Abgesehen von der völkerrechtlichen Legitimation bzw. Delegitimation der sowjetischen Militärintervention seit dem 27. Dezember 1979, [13] kann diese "Hilfe" als große politische Fehlentscheidung der afghanischen wie der sowjetischen Führung bezeichnet werden. Sie war kontraproduktiv, sie beraubte die Regierung des ohnehin kaum vorhandenen Rückhalts in der Bevölkerung und förderte die Unfähigkeit der afghanischen Führung, nach einer politischen Lösung des Konflikts zu suchen. Durch die Intervention der UdSSR wurde der innerafghanische Konflikt internationalisiert und vor allem von den Vereinigten Staaten und ihren regionalen Verbündeten vor Ort zunächst verdeckt, später ganz offensichtlich unterstützt. In seinen Memoiren gab der ehemalige CIA-Direktor Robert Gates zu, dass die afghanischen Modjahedin bereits sechs Monate vor der sowjetischen Intervention von den USA Unterstützung erhielten. [14] Dies wurde vom ehemaligen Sicherheitsberater des US-Präsidenten Carter, Zbigniew Brzezinski, bestätigt. [15] Ab dieser Zeit wurden unmittelbar unter der Regie des US- und pakistanischen Geheimdienstes CIA und Inter Service Intelligence (ISI) die Islamisten zu schlagkräftigen, bewaffneten Organisationen umstrukturiert. Der Führer der Islamischen Partei, "Gulbudin Hekmatjar, der Mann, der für alle wichtigen Geheimdienste dieser Welt arbeitete, der Tausende von Menschenleben auf dem Gewissen hat" [16] , war der Favorit von CIA/ISI unter allen sieben von Pakistan aus operierenden islamischen Gruppen. Den Islamisten sind in den ersten zehn Jahren des Bürgerkrieges in Afghanistan offiziell "drei Milliarden Dollar zugeleitet" [17] worden. Allein seit 1987 wurden von den USA jährlich über 65 000 Tonnen Waffen nach Afghanistan gebracht. Der Löwenanteil dieser Hilfeleistungen, nämlich "60 Prozent der jährlich bis zu 700 Millionen Dollar US-Hilfe für den afghanischen Widerstand" [18] , ging bis Ende 1991 über ISI an Hekmatjar. Auch der heute zum Hauptfeind erklärte Osama Bin Laden [19] wurde damals neben vielen weiteren Kämpfern mit saudischer und US-amerikanischer Unterstützung zur Stärkung des Widerstandskampfes nach Pakistan bzw. Afghanistan geschleust. Mit ihm hat Hekmatjar eng zusammengearbeitet, [20] woran sich dieser noch heute gut erinnern kann. [21]

Die sieben erwähnten Widerstandsgruppen erzielten neben massiver materieller und personeller Unterstützung vor allem seitens der USA und Saudi-Arabiens ihre riesigen Einnahmen u. a. aus dem Anbau von und dem Handel mit Drogen. "Der Glanz der Freiheitskämpfer ist längst verblasst. In zwölf Jahren Exil sind ihre politischen Führer erfolgreiche Unternehmer geworden, sie gelten heute als die reichsten Afghanen überhaupt. Einigen wird nachgesagt, sie hätten Rauschgifthandel in großem Stil betrieben. Denn die Modjaheddingebiete Afghanistans sind ein Paradies für den Anbau von Mohn und die Weiterverarbeitung zu Heroin. In Peschawar ist es nicht schwer, zu erfahren, wo die einzelnen ihr Geld angelegt haben sollen: Gulbudin Hekmatyar hat Häuser und Geschäfte in Karatschi und Malaysia. Mohammed Junes Khalis hat viele Busse, Motorrikschas und Geschäfte in ganz Pakistan. Gailani hat Häuser und Geschäfte in London und den USA. Modjadiddi hat Häuser in den USA und Australien, Rabbani hat Häuser in Frankreich und den USA, Sayaff hat Immobilien in Kuwait und Australien, Maulavi Mohammadi hat angeblich alles in bar und schläft auf seinem Geld." [22]

Die Modjahedin errichteten in den Flüchtlingslagern Pakistans entlang der Grenze zu Afghanistan ein streng islamistisches Regiment. Lange bevor sie ihre rückständige Frauenpolitik auch innerhalb Afghanistans durchsetzen konnten, war diese den afghanischen Frauen in den Flüchtlingslagern, besonders in Pakistan, aufgezwungen worden. [23] Und es bleibt festzuhalten: "Jenseits diverser sonstiger politischer Unterschiede und Spaltungslinien herrschte an einem Punkt ungebrochenes Einvernehmen zwischen den traditionalistischen und den modernen islamistischen Parteien"; in der Frauenfrage wollen alle "Seklusion (Anschluss) und Segregation". [24] Als Folge der Umorientierung der sowjetischen Außenpolitik unter Gorbatschow wurde Babrak Karmal, seit Ende 1979 an der Spitze von Partei und Staat, als Hemmnis für die Lösung des Konfliktes in und um Afghanistan angesehen und von Nadjibullah, zuvor Präsident des Staatlichen Nachrichtendienstes, abgelöst. In einem zweiten Schritt wurde der Abzug der sowjetischen Armee aus Afghanistan am 15. Februar 1989 vollzogen. Der allgemein prophezeite Sturz der Regierung Nadjibullah ließ jedoch noch Jahre auf sich warten. Denn "die Mudschahedin kontrollieren große Teile des Landes, waren aber bisher nicht in der Lage, auch nur eine einzige bedeutende Stadt in Afghanistan zu erobern. Die im pakistanischen Exil von Peshawar gebildete Afghanische Interims-Regierung der sieben wichtigsten Mudschahedin-Parteien konnte daher nicht ihren Sitz in Afghanistan nehmen. Die Autorität dieser Regierung' schwindet von Monat zu Monat. ... Von den Machenschaften der Politiker in der Etappe zunehmend angewidert, haben viele Mudschahedin-Kommandeure in Afghanistan damit begonnen, in den von ihnen beherrschten Gebieten eigene Verwaltungen aufzubauen und sich um die Exil-Politiker in Peshawar nicht mehr zu scheren." [25]

Groß angelegte Offensiven der Modjahedin zur Eroberung der ostafghanischen Provinzhauptstadt Djalal Abad im März 1989, an denen mindestens 20 000 Mann teilnahmen, "mit Panzern, schwerer Artillerie und Raketenwerfern" ausgerüstet und "unterstützt von arabischen Freiwilligen, angeleitet vom pakistanischen Geheimdienst" [26] , scheiterten. Anfang Oktober 1990 starteten sie einen Großangriff gegen Kabul, im März 1991 eine Offensive gegen die Stadt Chost in der Provinz Paktia und Ende Juli 1991 eine neue Offensive gegen Djalal Abad. [27] Obwohl die Modjahedin durch diese aufeinander folgenden Niederlagen demoralisiert waren, wurde die nationale Versöhnungspolitik, die Präsident Nadjibullah eingeleitet hatte, von der islamistischen Opposition nicht angenommen. Um dem UN-Plan zur politischen Lösung des Konfliktes zum Erfolg zu verhelfen, stellte er sein Amt zur Disposition und war bereit, das Land zu verlassen. Stattdessen wurde er faktisch entmachtet und an der Ausreise gehindert; bis zu seiner Ermordung durch die Taliban am 27. September 1996 lebte er in der Kabuler UN-Vertretung. Die neue Führung um Außenminister Abdul Wakil und Nadjibullahs Nachfolger Rahim Hatef übertrug die Macht am 27. April 1992 an die Modjahedin. Das nahezu unzerstörte Kabul wurde ihnen kampflos übergeben. Modjadedi, Exil-Präsident der Modjahedin, wurde erster Präsident des Islamischen Staates Afghanistan.

Nachdem die Modjahedin die Herrschaft in Kabul übernommen hatten, war eine ihrer ersten Maßnahmen die Verbannung der Frauen aus dem öffentlichen Leben. Das Oberste Gericht Afghanistans hatte eine Verordnung über Frauenkleidung "Ordinance on Women's Veil" erlassen, wonach Frauen gezwungen wurden, ihren ganzen Körper mit einem langen Schleier, einem "Tschaderi", auch "Buqrah" genannt, zu verhüllen. [28] Frauen waren wieder die bevorzugten Zielscheiben für Angriffe der Islamisten. "Bewaffnete Gruppen haben wehrlose Frauen in ihren Wohnungen brutal ermordet, geschlagen oder vergewaltigt. Eine große Zahl junger Frauen wurde entführt und anschließend vergewaltigt, von Kommandanten zur Heirat gezwungen oder als Prostituierte verkauft. Einige begingen Selbstmord, um einem solchen Schicksal zu entgehen." [29] Besonders häufig kam dies bei einer Minorität, den Hindus, vor; ihnen wurde in Afghanistan keine Existenzberechtigung mehr eingeräumt.

Mit der Machtübertragung an die Islamisten kehrte der vom Volk erhoffte Frieden jedenfalls nicht zurück. Wegen der Priorität eigener politischer und ökonomischer Interessen gelang es diesen nicht, das Land gemeinsam zu regieren. Im Gegenteil, der Krieg wurde nun unter ihnen selbst mit äußerster Brutalität fortgesetzt. Die Weltöffentlichkeit hat dies kaum wahrgenommen, aber "die letzten Nachrichten aus der afghanischen Hauptstadt Kabul lassen selbst den Bürgerkrieg in Bosnien-Herzegowina beinahe als harmlosen Konflikt erscheinen: 3 000 bis 4 000 Tote, 200 000 Flüchtlinge, eine Stadt ohne Wasser, Strom und Lebensmittel" [30] . Die großen Städte, u. a. Kabul, wurden in Schutt und Asche gelegt. Beobachter sprachen gar von der Einäscherung Kabuls. [31] Was von der Stadt noch übrig geblieben war, wurde in sechs Einflussbereiche der verschiedenen Islamisten aufgeteilt, die Grenzen der Einflussbereiche vermint und die Stadt bombardiert, bis nur noch Ruinen übrig waren. [32] Allein in der Hauptstadt waren während der Herrschaft der Modjahedin von 1992 bis 1996 mehr als 50 000 Tote zu beklagen. Neben der Vernichtung der Infrastruktur durch die anhaltenden Kämpfe und Raketenangriffe führte die frauen- und menschenfeindliche Politik der Islamisten, insbesondere die Schließung der Universität Kabul und weiterer Bildungseinrichtungen, verstärkt zur Flucht der noch verbliebenen Intelligenz entweder in den Norden Afghanistans in den Machtbereich des Usbekenführers Dostum oder gleich ins Ausland. Der Verlust an Fachkräften hatte im Gesundheitswesen gravierende Folgen, und die Ernährungslage verschlechterte sich durch die anhaltenden Kämpfe der rivalisierenden Gruppierungen immer weiter. Die Bevölkerung war macht- und fassungslos angesichts dieser Geschehnisse und konnte nicht verstehen, warum die Verteidiger des zuvor angeblich gefährdeten Islam nun gegeneinander Krieg führten.

Die Islamisten registrierten dies. Da sie befürchteten, Einfluss und Autorität bei der Bevölkerung ganz zu verlieren, ersetzten sie die "islamische" erstmals durch die "Nationalitäten-Karte". Der Krieg wurde nun unter der Flagge des jeweiligen Stammes bzw. der Volksgruppe unvermindert fortgeführt. Das Ziel, die völlige Kontrolle des Landes, die eine Öffnung der Handelswege von Pakistan nach Mittelasien ermöglicht hätte, war auch nach über zwei Jahren Machtkampf der Islamisten nicht erreicht und schien weiter entfernt denn je. Deren Versagen stand im Widerspruch zu den politisch-ökonomischen Interessen ihrer ausländischen Verbündeten. Denn diese wünschten ein mit den USA und Pakistan eng kooperierendes Regime in Afghanistan, das stabile politische Verhältnisse schafft, um die Interessen der US- und der pakistanischen Wirtschaft in der Region des Mittleren Ostens - insbesondere in den mittelasiatischen Republiken - durchzusetzen. Damit war die Geburtsstunde für die Taliban als eigenständige Kampfeinheit auf dem Kriegsschauplatz Afghanistan gekommen.

Fußnoten

11.
Vgl. W. Brönner, Afghanistan, Frankfurt/M. 1980, S. 203.
12.
Vgl. M. Sapper, Die Auswirkungen des Afghanistan-Krieges auf die Sowjetgesellschaft, Münster 1994, S. 68.
13.
Basierend auf Art. 4 des afghanisch-sowjetischen Freundschaftsvertrages vom 5. 12. 1978 und Art. 51 der UN-Charta.
14.
Vgl. R. M. Gates, From the shadows, New York 1996, S. 146.
15.
Vgl. Les Révélations d"un Ancien Conseiller de Carter, "Oui, la CIA est entrée en Afghanistan avant les Russes...", in: Le Nouvel Observateur, 15. - 21. 1. 1998, S. 76.
16.
H.-R. Othmerding, Friedenshoffnung in Afghanistan, in: dpa, vom 15. 2. 1995.
17.
P. Bergen, Heiliger Krieg Inc., Berlin 2001, S. 89.
18.
Eiserne Faust, in: Der Spiegel, 38/1992, S. 204.
19.
Von C. Johnson als "ehemaliger Protegé der Vereinigten Staaten" bezeichnet. C. Johnson, Ein Imperium verfällt, München 2000, S. 28.
20.
Vgl. P. Bergen (Anm. 17), S. 92.
21.
Vgl. "Osama war ein guter Kumpel", in: Der Spiegel, 42/2001, S. 176.
22.
R. Hoffmann, Der Glanz der Freiheitskämpfer ist längst verblasst, in: Das Parlament vom 27. 3. 1992, S. 15.
23.
Vgl. C. Benard/E. Schlaffer, Schickt euer ganzes Geld an Breschnjew, in: Die Zeit vom 2. 4. 1982; A. Hyman, Der Krieg geht weiter, in: Die Tageszeitung (taz) vom 29. 9. 1990.
24.
R. Kreile, Zan, zar, zamin - Frauen, Gold und Land, in: Leviathan, 25 (1997), S. 412.
25.
K. Natorp, "Umgestaltung" auch in Afghanistan, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) vom 25. 1. 1990.
26.
H. Denecke, Ein Fass voll Leben, in: Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt vom 19. 5. 1989.
27.
Vgl. Mudjaheddin nehmen Kabul ins Visier, in: Süddeutsche Zeitung (SZ) vom 6./7. 10. 1990; W. Koydl, Blutiges Patt am Hindukusch, in: SZ vom 27. 3. 1991.
28.
Vgl. Frauen in Afghanistan: Eine Menschenrechtskatastrophe, Amnesty International (AI) (Hrsg.), o. O., Mai 1995, S. 2.
29.
Ebd, S. 1.
30.
P. Sichrovsky, Ein Land zerfleischt sich selbst, in: SZ vom 31. 8. 1992.
31.
Vgl. P. Gatter, Hoffnung in Trümmern, in: Mahfel, (1995) 5, S. 7.
32.
Das Inventar der Ministerien, der Universitäten, der Schulen und alles Wertvolle, das sich im Kabuler Museum befand, wurden geplündert und nach Pakistan verfrachtet; viele Bücher der großen Bibliotheken fielen "Bücherverbrennungen" zum Opfer.