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10.6.2002 | Von:
Matin Baraki

Islamismus und Großmachtpolitik in Afghanistan

III. Die Talibanisierung Afghanistans

Obwohl die Taliban erst im September 1994 öffentlich in Erscheinung traten, wurden sie nach Angaben von General Aslam Beg, dem ehemaligen Generalstabschef Pakistans, schon 1985 im Nordosten Afghanistans als kleinere Kampftruppe aufgestellt. Sie waren zunächst dort an den "Madrassa" (Koranschulen) religiös-fundamentalistisch und militärisch ausgebildet worden. Der Afghanistanexperte Olivier Roy beobachtete schon im Sommer 1984 die Aktivitäten an den Fronten der Taliban in den südlichen Regionen Afghanistans: Orusgan, Sabul und Qandahar. Dort "handelte (es) sich im Prinzip um die Umwandlung einer ländlichen Madrassa in eine militärische Front" [33] . Rekrutiert wurden die Taliban u. a. aus den Reihen der Waisenkinder Afghanistans in den Flüchtlingslagern in Pakistan. Sie wurden unter dem unmittelbaren Kommando des Geheimdienstes ISI je nach Bedarf bei den verschiedenen Modjahedin-Gruppen eingesetzt. General Beg zufolge sind die Madrassa "großzügig von den Regierungen Pakistans und Saudi-Arabiens und vielleicht der USA finanziert worden" [34] .

Nicht die Beendigung unhaltbarer bzw. anarchischer Zustände innerhalb Afghanistans, wie vielfach behauptet worden ist, war der Hintergrund für die Entscheidung, die Taliban als selbstständige militärische Formation im afghanischen Bürgerkrieg einzusetzen; ausschlaggebend war vielmehr Folgendes:

1. Im Frühjahr 1994 wurden die Führer der rivalisierenden Modjahedin vom Auswärtigen Ausschuss des US-Kongresses nach Washington zitiert. Ihnen wurde ein Plan vorgelegt zur Durchführung eines Pipelineprojektes von den in der Welt drittgrößten Reserven an Öl und Gas in Mittelasien durch Afghanistan zum Indischen Ozean. Das ihnen abgenommene Versprechen, sich so bald wie möglich zu verständigen und den Afghanistan-Konflikt friedlich zu beenden, wurde nie eingelöst. Daraufhin überfielen scheinbar aus dem Nichts entstandene, gut organisierte militärische Einheiten, nun als Taliban bekannt, von Pakistan aus im September 1994 die afghanische Stadt Qandahar. Dies war der erneute Versuch einer militärischen Lösung des Afghanistan-Konfliktes. Die historische Mission der Taliban wurde darin gesehen, ganz Afghanistan zu besetzen, um die Bedingungen für die Realisierung der ökonomischen, politischen und ideologischen Projekte der USA, Pakistans und Saudi-Arabiens zu schaffen. Ein pakistanischer Stratege definierte Pakistans Interesse am Nachbarland wie folgt: "Am liebsten wäre uns eine Marionettenregierung in Kabul, die das ganze Land kontrolliert und gegenüber Pakistan freundlich eingestellt ist." [35] Der mittelasiatische Markt galt als wichtiges Exportfeld für pakistanische Produkte; der einzige Transitweg dahin führt über afghanisches Territorium. Nach einem Treffen mit Vertretern saudi-arabischer und US-amerikanischer Ölgesellschaften forderte der damalige pakistanische Ministerpräsident Nawaz Sharif die Taliban ultimativ auf, die Besetzung ganz Afghanistans bis Ende des Sommers 1997 abzuschließen. [36]

2. Hekmatjar, der "Super-Modjahed" der USA im Afghanistan-Konflikt, fiel durch seine antiamerikanischen Äußerungen und seine verbale Unterstützung Saddam Husseins während des Golfkrieges 1991 in Ungnade. Außerdem weigerte er sich kategorisch, die noch in seinem Besitz befindlichen Stinger-Raketen, die er während des Kampfes gegen afghanische und sowjetische Verbände erhalten hatte, an die USA zurückzugeben. Er nahm sogar einen direkten Affront gegen die USA in Kauf, indem er einige an den Iran verkaufte. Außerdem wollten die USA und Saudi-Arabien den ideologischen Einfluss Irans in Afghanistan eindämmen.

Die Errichtung eines Terrorregimes in Afghanistan durch die Taliban in einem bis dahin nie gekannten Ausmaß zeichnete sich insbesondere durch die weitere Verschärfung der von ihren Vorgängern eingeführten Einschränkungen für Frauen aus. Die Frauenverfolgung erreichte eine in der afghanischen Geschichte nie dagewesene Dimension und Brutalität. Sie wurde regelrecht zur Staatsdoktrin erhoben. Das Berufs- und Arbeitsverbot für Frauen, das Schulbesuchsverbot für Mädchen bedeuteten die vollständige Verbannung der Frauen aus dem öffentlichen Leben und den Ausschluss von jeglichem kulturellen Zugang. Dem gesamten afghanischen Volk beschnitt das Verbot u. a. von Musik, von Drachensteigen lassen, oder von Schachspielen, die Schließung der Badehäuser, die Einführung eines Bart- und Turbanzwanges für Männer, die Vernichtung von Kulturgütern die noch - wenn auch minimale - verbliebene Lebensfreude. Die Missachtung elementarster Menschenrechte, eine nie dagewesene Unterdrückung und Verfolgung ethnischer und religiöser Minderheiten, die Verhängung und Vollstreckung grausamster, mittelalterlich anmutender Strafen wie Handabhacken, Aufhängen, Steinigung etc. waren abschreckende Merkmale ihrer Herrschaft. Hinzu kam ihre völlige Unfähigkeit, die Grundversorgung der Bevölkerung mit Nahrungsmitteln und im Gesundheitsbereich zu gewährleisten. Nur die Tätigkeit der anwesenden NGOs hat das Leben in Afghanistan vor dem Kollaps bewahrt. Dieses den Afghanen von außen aufgezwungene Regime hing am finanziellen Tropf Pakistans und Saudi-Arabiens. Ohne deren massive Unterstützung wäre es in relativ kurzer Zeit zusammengebrochen.

Obwohl die USA jeglichen Kontakt zu den Taliban geleugnet haben, [37] sind viele Experten der Meinung, dass sie engste politische Verbindungen zu den Taliban unterhalten haben. Nach einer Meldung des "Guardian" gab es regelmäßig gegenseitige Besuche auf hoher Ebene. Mitte 1996 nahmen hochrangige Talibanführer an einer Konferenz in Washington teil. Kurz bevor die Taliban die Stadt Djalal Abad besetzten, führten hohe Beamte des US-Außenministeriums Gespräche mit ihren Führern in Qandahar, wo sich ihr Hauptquartier befand. Erst als sich in der ersten Hälfte des Jahres 1998 herausgestellt hatte, dass auch die Taliban nicht in der Lage waren, das ganze Land unter ihre Kontrolle zu bringen bzw. die für eine Pipeline benötigte Sicherheit und Stabilität zu gewährleisten, gingen die USA auf Distanz zu den Taliban. Die US-Ölfirma Unocal zog dann im Oktober 1998 auf Empfehlung ihres Beraters, Henry Kissinger, ihre Pläne für eine Pipeline durch Afghanistan vorerst zurück. Die USA hielten sich zwei Optionen gegenüber dem Talibanregime offen - einerseits Distanzierung mit der Möglichkeit einer Beseitigung ihres Regimes und andererseits Bereitschaft sie anzuerkennen, sollten sie sich hinsichtlich Bin Ladens kompromissbereit zeigen.

Wie die "Washington Post" meldete, haben sich Vertreter der USA und des Talibanregimes seit 1998 mindestens 20 Mal geheim getroffen. Das letzte Treffen fand nur wenige Tage vor dem 11. September 2001 statt. [38] Am 17. Juli 2001 waren die Taliban zu Geheimverhandlungen nach Berlin eingeladen worden. Ihnen sollte die internationale Anerkennung ihres Regimes in Aussicht gestellt werden, wenn sie bereit wären, Bin Laden fallen zu lassen. [39]

Fußnoten

33.
O. Roy, Die Taleban-Bewegung in Afghanistan, in: Mahfel, (1995) 2, S. 8.
34.
Taleban schon seit 1985/86?, in: ebd, S. 5.
35.
E. Haubold, In Afghanistan spielen die UN noch eine untergeordnete Rolle, in: FAZ vom 26. 10. 1996.
36.
Vgl. Krieg um Bodenschätze, in: Der Spiegel, 22/1997, S. 131.
37.
Vgl. AI (Hrsg.), Afghanistan, schwere Übergriffe im Namen der Religion, London, November 1996, S. 6.
38.
Vgl. USA trafen Taliban, in: taz vom 30. 10. 2001.
39.
Vgl. Afghanistan-Konferenzen in Berlin, in: Weltspiegel vom 28. 10. 2001 (Sendemanuskript).