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10.6.2002 | Von:
Matin Baraki

Islamismus und Großmachtpolitik in Afghanistan

IV. Fazit

Da die Taliban die in sie gesetzten Hoffnungen offensichtlich nicht erfüllen konnten, hatte das State Department Afghanistan schon seit Anfang des Jahres "als weltweit wichtigsten Terroristen-Sumpf" [40] eingestuft. Professor Tomsen, der von 1989 bis 1992 die USA als Sonderbotschafter beim afghanischen Widerstand in Pakistan vertrat, prognostizierte das Ende des Talibanregimes bis Sommer 2000, wobei er schon für die Nach-Taliban-Ära eine Konzeption ausgearbeitet hatte, die dann fast buchstäblich auf dem Petersberg übernommen worden ist. [41]

Der damalige pakistanische Außenminister Naiz Naik, der an den geheimen Treffen 2000 und Anfang 2001 in einem Berliner Hotel teilgenommen hatte, erklärte in einem Interview, dass die USA im Juli 2001 angekündigt hätten, Afghanistan militärisch anzugreifen. [42] Trotz des Sieges der USA und Großbritanniens über die Taliban bleibt ungewiss, in welchem Umfang sie und ihre noch existierenden politischen und militärischen Strukturen beseitigt werden. Mit dem Problem des Islamismus werden wir uns noch lange beschäftigen müssen. Denn wir haben es mit einer Internationale der Islamisten zu tun, die im Laufe des afghanischen Bürgerkrieges entstanden und jetzt zu einem Problem der internationalen Politik geworden ist.

Hätten die USA das Angebot des sudanesischen Geheimdienstes vom Februar 1998 angenommen und ein Dossier von 300 Seiten über die Aktivitäten von Al Qaidah nicht ignoriert, wären möglicherweise sowohl die Attentate gegen die US-Botschaften in Nairobi und Daressalam als auch die Anschläge von Washington und New York zu verhindern gewesen. [43] Nun geht der US-Geheimdienst davon aus, dass Bin Laden ins Ausland geflüchtet ist. "Die CIA vermutet ihn in Somalia, Asien oder gar in Europa." [44]

Obwohl die Taliban am 6. Dezember 2001 in ihrer Hochburg Qandahar kapitulierten und während die Bombardierung der von der CIA selbst gebauten Falle von Tora Bora im Osten Afghanistans weiterging, organisierten sich schon "gemäßigte" Taliban in Islamabad mit Unterstützung der verschiedenen pakistanischen Islamisten und der ISI zu einer "normalen" Partei. Diese stehe allen Taliban offen, verkündete ihr Vorsitzender Amin Modjadedi. [45] Damit werden die Voraussetzungen geschaffen, sich an den in Aussicht gestellten Wahlen zu beteiligen und auch im künftigen Afghanis-tan erneut eine Rolle spielen zu können. Die in Afghanistan "arbeitslos" gewordenen Modjahedin und Taliban ziehen weiter zum nächsten Djihad (heiligen Krieg) nach Kaschmir. Einen Vorgeschmack haben wir bekommen, als ein islamistisches Selbstmordkommando am 13. Dezember 2001 das indische Parlament angegriffen hat, wobei es selbst und einige indische Sicherheitskräfte ums Leben kamen. Der Afghanistan-Konflikt ist noch nicht einmal beendet, da provozieren schon die Islamisten latente Konflikte in Südasien, sogar zwischen den beiden Atommächten Pakistan und Indien. Beide Länder haben seit dem 25. Dezember 2001 starke Militäreinheiten, einschließlich atomsprengkopffähiger Mittelstreckenraketen, an der Grenze stationiert und ihre Luftwaffe in Alarmbereitschaft versetzt. Nur wenn es gelingt, beide Seiten von einer Eskalation des Konfliktes in und um Kaschmir abzuhalten, kann eine weitere Destabilisierung Südasiens verhindert werden.

Afghanistan war immer wieder Opfer seiner geostrategischen Lage. Im 19. Jahrhundert war es Zankapfel der rivalisierenden Mächte Großbritannien und Russland, als es um die Vorherrschaft in dieser Region ging. Heute geht es in Afghanistan um mehr als um die von CIA und ISI unterstützten und ausgerüsteten Taliban, Ben Laden oder Al Qaidah. Der am 23. Juli 1997 in Islamabad unter der Ägide der US-Regierung unterzeichnete Vertrag über das 1 500 Kilometer lange Pipeline-Projekt von Daulatabad (Turkmenistan) nach Quetta und Multan (Pakistan) und weiter nach Neu-Delhi, die Grundlage für das Vorhaben der US-Firma Unocal und der saudischen Deltaoil durch Afghanistan, kann wahrscheinlich demnächst umgesetzt werden. Nach dem Zusammenbruch der UdSSR hatte Afghanistan kurzfristig seine brisante geostrategische Bedeutung verloren. Nach der Entdeckung der mittelasiatischen Rohstoffe bekommt das Land diese wieder zurück. Das lange vergessene Afghanistan wird wieder einmal zu einem Mittelpunkt der Weltpolitik.

Fußnoten

40.
J. Heller, Stiche gegen die Taliban, in: taz vom 19. 1. 2001.
41.
Vgl. P. Tomsen, A chance for peace in Afghanistan: the Taliban's days are numbered, in: Foreign Affairs, (January/February 2000), S. 180 f.
42.
Vgl. D. Hahn, Vergebliche Suche nach der "goldenen Brücke", in: taz vom 3./4. 11. 2001.
43.
Vgl. Washington hätte bereits 1998 alles über Al Qaida lesen können, in: Die Welt vom 3. 12. 2001. Im Herbst 1997 trafen sich der sudanesische Botschafter in Washington, Mahdi Ibrahim, und der Leiter der Nahostabteilung im FBI, David J. Williams. Ihm hatte der Chef der sudanesischen Abwehr, Generalleutnant Gutbi Elmahdi, am 5. 2. 1998 in einem Schreiben seine Zusammenarbeit angeboten. Vgl. ebd.
44.
CIA sucht Bin Laden in Asien und Europa, in: Die Welt vom 8. 12. 2001.
45.
Ehemalige Taliban gründen neue Partei, in: FAZ vom 10. 12. 2001.