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22.5.2002 | Von:
Ansgar Klein

Überschätzte Akteure?

Die NGOs als Hoffnungsträger transnationaler Demokratisierung

III. NGOs und transnationale soziale Bewegungen

Ein kurzer historischer Rückblick macht deutlich, dass viele der heute einflussreichen politischen NGOs des Nordens aus den neuen sozialen Bewegungen der siebziger und achtziger Jahre (Menschenrechts-, Solidaritäts-, Friedens-, Umwelt-, Frauenbewegung) entstanden sind. Sie verdanken sich einem Institutionalisierungs-, Professionalisierungs- und Spezialisierungsschub. [10] Aufschlussreich ist jedoch auch ein historischer Längsschnitt der Entwicklungen eines transnationalen politischen Protestes: Die politisch agierenden NGOs der internationalen Arena sind keineswegs ein Phänomen des 20. Jahrhunderts. [11] Doch ist in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts beinahe eine Verdoppelung von Organisationen erfolgt, die Aktivisten sozialer Bewegungen erfolgreich über nationale Grenzen hinweg vereinen. [12] Freilich ist nur ein relativ kleiner Teil der internationalen Nichtregierungsorganisationen (INGOs), deren Zahl von 2 577 im Jahre 1968 auf 15 965 im Jahre 1997 angewachsen ist, [13] diesen transnationalen Bewegungsorganisationen zuzurechnen.

Die neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts können im Rückblick als das "Jahrzehnt der NGOs" gelten. Sie waren geprägt von den großen UN-Weltkonferenzen und einer Aufbruchsstimmung, die sich vor allem der Konferenz für Umwelt und Entwicklung 1992 in Rio verdankte. In dieser Phase wurde die Mitarbeit, Expertise und Lobbytätigkeit der NGOs in den institutionalisierten Arenen der internationalen Politik nahezu selbstverständlich. In Vergessenheit zu geraten drohte in dieser Phase beinahe, dass NGOs darauf angewiesen bleiben, im Anschluss an nationale Bewegungsnetzwerke gegebenenfalls öffentliche Proteste anzustoßen und ihre Lobby- und Beratungstätigkeit bei Bedarf mit Protestmobilisierung und internationalen Kampagnen zu verbinden. Anderenfalls droht ihnen der Verlust an öffentlicher Aufmerksamkeit und politischem Einfluss. Doch nicht nur die politische Stärke der NGOs wird durch eine solche Abkopplung gefährdet. Es drohen auch die Gefahren der Spezialisierung und Professionalisierung. [14]

Bei den Akteuren der Proteste in Seattle, Prag, Göteborg und Genua handelt es sich bislang keineswegs um eine miteinander eng vernetzte, kompakte globalisierungskritische Bewegung, sondern "um ein Sammelsurium von teils lose verknüpften, teils völlig unverbundenen Gruppen, Netzwerken und Einzelbewegungen, die sich vorzugsweise anlässlich von Gipfeltreffen der etablierten Politik zusammenfinden" [15] .

Die NGOs sind strategisch darauf angewiesen, sich zwischen politischer Lobbyarbeit und öffentlichkeitswirksamen Straßenprotest zu platzieren. Aussichtsreich erscheint dabei eine Doppelstrategie, die den NGOs freilich künftig erhebliche Anstrengungen abverlangt und strukturell nicht konfliktfrei sein kann: Es gilt Elemente einer anwaltschaftlichen, auf Mittel der Lobbyarbeit, Expertise und Beratung zurückgreifenden Politik mit Elementen einer Vernetzungs- und mobilisationsorientierten Politik zu verknüpfen und den Kontakt zu den sich derzeit formierenden globalisierungskritischen Bewegungen zu halten.

Fußnoten

10.
Vgl. Lutz Schrader, NGOs - eine neue Weltmacht? Nichtregierungsorganisationen in der internationalen Politik, hrsg. von der Brandenburgischen Landeszentrale für politische Bildung, Potsdam 2001, S. 29.
11.
Vgl. Dieter Rucht, Transnationaler politischer Protest im historischen Längsschnitt, in: Ansgar Klein/Ruud Koopmans/Heiko Geiling (Hrsg.), Globalisierung, Partizipation, Protest, Opladen 2001, S. 77-96.
12.
Vgl. Jackie Smith, Politische Auseinandersetzung unter Bedingungen der Globalisierung. Die Mittlerrolle transnationaler Organisationen für soziale Bewegungen, in: ebd., S. 97-118.
13.
Vgl. Zwischenbericht der Enquete-Kommission "Globalisierung der Weltwirtschaft" (Anm. 2), S. 111.
14.
Vgl. R. Roth (Anm. 4), S. 45.
15.
Dieter Rucht, Herausforderungen für die globalisierungskritischen Bewegungen, in: Forschungsjournal Neue Soziale Bewegungen, 15 (2002) 1 (i. E.).