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29.10.2003 | Von:
Hans-Georg Golz

Editorial

Die "langen sechziger Jahre" in beiden deutschen Staaten sind bisher von der Forschung vernachlässigt worden. Die Beiträge dieses Heftes konzentrieren sich auf die Alltags- bzw. Jugendkultur.

Die beiden "Mitteljahrzehnte" der deutschen Teilung standen bisher kaum im Zentrum wissenschaftlichen Interesses. Während die Entstehung der alten Bundesrepublik sowie die Gründung und das Ende der DDR bis in Details hinein als gut erforscht gelten dürfen, sind die "langen sechziger Jahre", wie Detlef Siegfried die Jahre von 1958 bis 1973 in der Bundesrepublik nennt, vor allem aufgrund mangelnder Zugänglichkeit einschlägiger Quellen bisher vernachlässigt worden.

Die wechselseitige Beeinflussung der beiden deutschen Staaten in jenen Jahren bietet ein reiches Untersuchungsfeld. Bundesrepublik und DDR standen sich geradezu als Modelle ihrer jeweiligen Blöcke gegenüber. Der von Zeithistorikern häufig geforderten Analyse der "asymmetrisch verflochtenen Parallelgeschichte" wären hier aufschlussreiche Kapitel hinzuzufügen: über die politische und kulturelle Chiffre "1968" mit ihren unterschiedlichen Bedeutungen und Langzeitwirkungen in den beiden Teilstaaten oder über amerikanische bzw. britische Einflüsse auf die Populär- und Jugendkultur.

Die "langen sechziger Jahre" waren eine Zeit des Neuanfangs, des Ausbruchs aus den vermeintlichen Gewissheiten der ersten Nachkriegszeit. Der Aufbruch in der Bundesrepublik, wie er sich politisch im Machtverlust der Union mit dem Amtsantritt der sozialliberalen Bundesregierung im Herbst 1969 äußerte und durch Willy Brandts Wahltriumph 1972 bestätigt wurde, fand seine Entsprechung im Machtantritt Erich Honeckers in der DDR 1971. Vielleicht waren die ersten Honecker-Jahre, geprägt von dem Versuch einer neuen Sozial- und Konsumpolitik und vom Durchbruch auf internationalem Parkett durch die weltweite diplomatische Anerkennung, die stabilsten des SED-Staates. Für nicht wenige Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren die Weltfestspiele der Jugend 1973 in Ost-Berlin tatsächlich ein "politischer Karneval" (Hans-Eckardt Wenzel), der die tristen Ulbricht-Jahre kurzzeitig vergessen ließ. Auch auf kulturellem Gebiet lassen sich Parallelen finden: Bundeskanzler Ludwig Erhard bezeichnete 1965 kritische Schriftsteller als "Pinscher", und in der DDR beendete das "Kahlschlagplenum" des SED-Zentralkomitees im selben Jahr das kurze kulturpolitische Tauwetter nach dem Mauerbau.

Das Beschweigen der Verbrechen, die von Deutschen im Weltherrschaftswahn der Jahre 1933 bis 1945 begangen wurden, trug in der Bundesrepublik zur Studentenrevolte bei, die zu einem gewaltigen Modernisierungsschub führte. In der DDR weckte die gewaltsame Beendigung des Prager Frühlings im August 1968 durch Truppen des Warschauer Paktes ungute Erinnerungen an den Einmarsch der Wehrmacht in die Reste des tschechoslowakischen Staates nur 30 Jahre zuvor, selbst wenn dieses Mal deutsche Soldaten die Grenze nicht überschritten. Für viele DDR-Bürgerinnen und -Bürger waren die blutigen Ereignisse in Prag das Ende aller Illusionen über die Reformierbarkeit des SED-Sozialismus.

Die Beiträge dieses Heftes konzentrieren sich auf die Alltags- bzw. Jugendkultur. Der Siegeszug westlicher Rockmusik, der in den sechziger Jahren mit den Beatles und den Rolling Stones begonnen hatte, machte vor dem Eisernen Vorhang nicht Halt. Als David Bowie Pfingsten 1987 vor dem Reichstagsgebäude ein Konzert gab, versammelten sich auch im Ostteil Berlins unzählige Fans, und es kam zu schweren Zusammenstößen mit der Volkspolizei. Als im Juli 1988 Bruce Springsteen auf Einladung der FDJ in der Ost-Berliner Radrennbahn Weißensee gastierte, sangen Tausende Blauhemden aus voller Kehle mit: "Born in the USA!" Hellsichtigen FDJ- und SED-Funktionären muss spätestens zu diesem Zeitpunkt aufgegangen sein, dass die Systemauseinandersetzung mit dem Westen nicht mehr zu gewinnen war.