Korkennachbildung der Unterzeichnung des Staatsvertrags 1955 (Staatsvertrag betreffend die Wiederherstellung eines unabhängigen und demokratischen Österreich) für das Haus der Geschichte Österreich, Wien

17.8.2018 | Von:
Saskia Blatakes

Wie tickt Österreich? Eine Spurensuche in fünf Begegnungen - Essay

Eine Piefkinesin und die Phantomschmerzen

Die zweite Lektion, die nach meiner Ankunft in Österreich auf mich wartete, war eine historische. Sie ereignete sich an einem Abend zu Anfang meines Studiums, ich saß mit ein paar Kommilitonen in einem Beisl, wie die kleinen Kneipen in Wien heißen. Ein Kollege erzählte gerade über einen jener Zufälle, bei denen sich Freunde wiederum über drei Ecken kennen und sich der Kreis der Zufallsbekanntschaften auf wundersame Weise schließt. "Tja, Österreich ist eben klein", kommentierte ich ohne Hintergedanken. Ich hätte ebenso sagen können: "München ist klein" oder "Europa ist klein".

Oh, wie wurde ich eines Besseren belehrt. Ein leicht alkoholisierter Mann am Nebentisch herrschte mich an: "So klein auch wieder nicht. Ihr depperten Piefkinesen immer." Ohne es zu wissen, hatte mich der beschwipste Beislbesucher gleich in zweifacher Hinsicht aufgeklärt: erstens, dass die Größe Österreichs nicht thematisiert werden durfte – schon gar nicht von einer Person aus einem anderen, größeren europäischen Land und erst recht nicht von einer Deutschen. Das habe halt mit den "Phantomschmerzen" einer einst großen Nation zu tun, erklärten mir meine österreichischen Kommilitonen lässig.

Zweitens, dass die Deutschen hier gern Piefke oder Piefkinesen genannt werden – eine Anspielung auf die österreichisch-preußische Geschichte. Schließlich siegten die als besonders korrekt und dienstbeflissen geltenden Preußen 1866 im preußisch-österreichischen Krieg über Österreich. Auf jeden Fall lernt man als Ausländerin in Wien ziemlich schnell, dass es hier an der Tagesordnung ist, dass sich wildfremde Menschen ankeifen und mit üblen Schimpfwörtern titulieren.

Aber woher kommt er eigentlich, dieser legendäre Wiener Grant? Hat er etwas mit der österreichischen Geschichte zu tun? Damit, dass Österreich einst ein riesiger Vielvölkerstaat war und jetzt, nun ja, kleiner ist? Diese Frage hat mich in den eineinhalb Jahrzehnten seit meiner Einwanderung sehr beschäftigt. Meine Haltung zur Wiener Mentalität hat dabei gewisse Phasen durchlaufen: Auf anfängliches Staunen folgte das störrische Abstreiten und Verteidigen, vor allem ausländischen Besuchern gegenüber. So viel unfreundlicher seien die Wiener doch gar nicht und außerdem sei der Wiener Schmäh – dieser schwarze Humor par excellence – die beste Entschädigung für holprige Erstkontakte.

Doch zu guter Letzt musste selbst ich als Wahl-Wienerin zugeben, dass schon etwas dran ist am besonderen Grant, den ich seitdem rational zu analysieren versuche. Doch alle Erklärungen, die ich bisher gefunden habe, sind krude und unbefriedigend.

Die erste und unaufgeregteste: Wien ist nun einmal eine große Stadt, und da herrscht eben ein rauerer Ton. Die Anonymität führt dazu, dass sich die Menschen nicht mit Samthandschuhen anfassen, da sie nicht fürchten müssen, sich schon bald wiederzusehen, oder voneinander abhängig zu sein, wie das in eng gestrickten Dorfgesellschaften der Fall ist. Aber wieso sind die Menschen in Hamburg oder Graz dann so viel besser gelaunt?

Die zweite These argumentiert historisch: Die Wiener Unfreundlichkeit stamme aus der Zeit des ehemaligen Vielvölkerstaats Österreich-Ungarn und damit aus einer Phase der Wiener Geschichte, in der sich die aus allen Himmelsrichtungen stammenden Neo- und Alt-Wiener schon rein sprachlich nicht verstanden und auch deshalb eher misstrauisch gegenübertraten. Aber wieso sind dann andere multikulturelle Schmelztiegel, wie zum Beispiel das sonnige Kalifornien, nicht gerade für ihre Misanthropie berühmt?

Eine dritte, politisch unkorrekte These besagt, es sei der Einfluss des Osteuropäisch-Balkanesischen. Dort, "im Osten", sei der Umgangston nun einmal rauer und das habe im Lauf der Jahrhunderte eben auf die Wiener abgefärbt. Den Grund des autochthonen Grants auf die Nachbarn abzuschieben, erscheint mir allerdings die dürftigste Erklärung von allen zu sein.

Und wie sehen es die Wiener und Wienerinnen selbst? Als ich mit einer hier geborenen Freundin darüber spreche, beginnt sie zu strahlen: "Ich liebe den Wiener Grant. Hier muss man nicht gespielt freundlich sein wie anderswo. Wenn ich schlechte Laune habe, kann ich das einfach zeigen und muss noch nicht einmal grüßen, wenn ich keine Lust dazu habe." In einer Zeit des Zwangs zur Positivität und des organisierten Optimismus kann ich dieser Haltung schon einiges abgewinnen.

Vielleicht ist es einfach so: Die Wiener nehmen andere und vor allem sich selbst so, wie sie nun einmal sind. Mit all ihren Launen und Befindlichkeiten. Die Wiener Seele darf granteln, wenn ihr danach ist. Und das passt doch zu jener Stadt, in der Sigmund Freud die Psychoanalyse erfand.

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