Korkennachbildung der Unterzeichnung des Staatsvertrags 1955 (Staatsvertrag betreffend die Wiederherstellung eines unabhängigen und demokratischen Österreich) für das Haus der Geschichte Österreich, Wien

17.8.2018 | Von:
Saskia Blatakes

Wie tickt Österreich? Eine Spurensuche in fünf Begegnungen - Essay

Peter und das Stadt-Land-Gefälle

In den Sozialwissenschaften gibt es eine Theorie, ohne die kein Erstsemester auskommt: die Cleavage-Theorie. Der norwegische Politikwissenschaftler und Soziologe Stein Rokkan und sein amerikanischer Kollege Seymour Martin Lipset beschrieben sie 1967 erstmals in einem Aufsatz, und sie hat nichts mit großzügig ausgeschnittenen Cocktail-Kleidern zu tun, sondern beschreibt, entlang welcher Konflikte sich Parteien formieren. Ihr zufolge gibt es vier große Gegensätze in der Politik: den Graben zwischen Kapital und Arbeit, zwischen Kirche und Staat, zwischen Stadt und Land und jenen zwischen Zentrum und Peripherie.

Ich behaupte: Nirgendwo sonst kann man die letzten beiden Dichotomien besser beobachten als in Österreich. "Wien ist anders" lautet der Werbeslogan der österreichischen Hauptstadt, und er ist Programm. In Wien werden oft politische Entscheidungen getroffen, die im Rest der Republik für Unverständnis sorgen. Als während der Flüchtlingskrise in Österreich Grenzzäune und Obergrenzen diskutiert wurden, beschwor die rot-grüne Wiener Stadtregierung den "Weg der Menschlichkeit" und nahm mehr Flüchtlinge auf, als es die Quote vorschrieb.

In Wien wird traditionell anders gewählt. Bereits in der Zwischenkriegszeit etabliert sich die Donaumetropole als "Rotes Wien": Im Rest des Landes herrscht die Christlichsoziale Partei, in Wien regiert die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Deutschösterreichs (sic), die groß angelegte soziale Wohnbauprojekte startet und Reformen in der Bildungs- und Sozialpolitik lanciert. Weil Wien seit 1945 bis heute durchgehend von Bürgermeistern regiert wird, die der Sozialdemokratischen Partei Österreichs (SPÖ) angehören, verwenden politische Gegner den Titel "Rotes Wien" heute auch oft als polemische Abwertung der sozialdemokratischen Dominanz.

Auch bei den letzten Wahlen zeigte sich das traditionelle Stadt-Land-Gefälle deutlicher denn je: Während das Land nach Rechts(außen) driftete, blieb in Wien Rot-Grün an der Macht. In anderen Ländern steht die Bevölkerung der jeweiligen Hauptstadt für gewöhnlich indifferent bis bewundernd gegenüber. In Österreich blickt man dagegen skeptisch auf den "Wasserkopf Wien". Die Bezeichnung stammt aus der Zeit nach dem Ende der Donaumonarchie, als das Zentrum des riesigen Reiches zur Hauptstadt eines Kleinstaates mutierte. Mit einer überproportionalen Konzentration der Bevölkerung und – so argumentieren die Landeschefs der Bundesländer bis heute – einem zu großen Verbrauch an Ressourcen.

Doch das Misstrauen beruht auf Gegenseitigkeit: Mein guter Freund Peter, ein eingefleischter, in Hietzing geborener Wiener, der seine Stadt nie verlassen würde und sie ebenso in den Himmel lobt wie scharf kritisiert, sagte mir einmal: "Ich empfinde mich nicht als Österreicher. Wenn ich die Wiener Stadtgrenze verlasse, fühle ich mich wie in einem fremden Land."

Die Natur ist ihm, dem überzeugten Städter und verkappten Hipster, suspekt, die Menschen auf dem Land wirken auf ihn exotisch. Leider nicht im positiven Sinn: Er hält sie für rückständig und hinterwäldlerisch. Dass es immer mehr Wienerinnen und Wiener – auch wegen der steigenden Wohnkosten – ins Umland zieht, kann er nicht verstehen. Die Reihenhaussiedlungen, die rund im Wien entstehen, nennt er verächtlich "Legebatterien" und sitzt lieber auf seinem kleinen Balkon, von dem aus er auf einen dieser typischen, taubenverdreckten Innenhöfe blickt. "Die Provinz", wie er den Rest des Landes verächtlich nennt, steht für ihn für Männerbünde, Sexismus und Rechtsradikalismus.

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