Korkennachbildung der Unterzeichnung des Staatsvertrags 1955 (Staatsvertrag betreffend die Wiederherstellung eines unabhängigen und demokratischen Österreich) für das Haus der Geschichte Österreich, Wien

17.8.2018 | Von:
Saskia Blatakes

Wie tickt Österreich? Eine Spurensuche in fünf Begegnungen - Essay

Rosi und die Angst

In einer Gaststätte im nordwestlich von Wien gelegenen Waldviertel unterhielt ich mich nach der jüngsten Wahl mit Wirtin Rosi. Woher ich komme, wollte sie wissen. "Aus Wien? Hast Du keine Angst?" Sie stellte das Tablett ab und sah mich verschreckt an. Nach Wien traue sie sich schon seit Jahren nicht mehr: zu viel Kriminalität, zu viele Ausländer. Mein Argument, dass Österreich eines der sichersten Länder und Wien eine der sichersten Städte der Welt sei, wischte sie vom Tisch. "Alles wird immer schlimmer", meinte sie. Ihre größte Hoffnung sei nun, dass "einmal richtig aufgeräumt wird".

Auf dem Tresen lag die "Kronen Zeitung", wichtigste Meinungsmacherin des Landes. In Österreich spielen die Boulevardmedien eine noch größere Rolle als in Deutschland. Neben der "Kronen Zeitung" – der österreichischen Version der "Bild"-Zeitung – mischt seit 2006 die noch radikalere Boulevardzeitung "Österreich" in der Medienlandschaft und damit in der Politik kräftig mit. Bei ihr handelt es sich gar um ein Gratisblatt, was die besonders hohe Auflage erklärt. Macher Wolfgang Fellner gilt in Journalistenkreisen als eine Art "Pate" im Coppolaschen Sinne. Beide Blätter positionierten sich im Wahlkampf deutlich für die Spitzenkandidaten der Österreichischen Volkspartei (ÖVP) und der Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ) und machten die Flüchtlingspolitik zum Thema Nummer Eins.

Die Hetze wirkt, das haben die letzten beiden großen Wahlen – die Bundespräsidentenwahl 2016 und die Nationalratswahl 2017 – gezeigt. Die Angst dominiert bei Rosi und vielen anderen im Land. Sie deshalb alle pauschal als "Nazis" zu bezeichnen, wäre falsch. Doch sie ist wieder da, die Sehnsucht nach dem "starken Mann". Der berühmte österreichische Psychiater Erwin Ringel schrieb in seinem Standardwerk "Die österreichische Seele" schon 1984: "Der Österreicher ist durch nichts so leicht zu fangen, als wenn man ihm sagt: ‚Du bist ein ungerecht Behandelter, ein Getretener und Unterdrückter, ich aber werde kommen und dich aus dieser Not und aus diesem Elend befreien.‘" Den Grund sah Ringel in der autoritären Erziehung, die auf Gehorsam, Drill und Unterdrückung setzt.

Zwar hat auch Österreich begonnen, die Zeit des Nationalsozialismus aufzuarbeiten – Entschädigungen wurden gezahlt, Forschung betrieben und Gedenkstätten und Mahnmale errichtet. Doch bis heute wirkt die "Opferthese" nach, jene Vorstellung von Österreich als erstem Opfer Nazi-Deutschlands. In manchen Schulen, erzählen mir österreichische Freunde, wurde die Nazizeit nicht einmal im Geschichtsunterricht durchgenommen. 80 Jahre sind vergangen seit dem "Anschluss", doch das schwere, braune Erbe hat Österreich noch längst nicht abgeschüttelt.

Ildikó und die geopolitische Lage

Ildikó hat andere Sorgen. Jeden Morgen steigt sie im ungarischen Sopron in den Zug und pendelt nach Wien. Seitdem ihr Mann sie von einem Tag auf den anderen verlassen hat, kann sie sich ihre Wiener Wohnung nicht mehr leisten. Sie musste zu ihrer Schwester ziehen, zurück in ihre Heimat. Nach Wien kommt sie trotzdem jeden Tag. Sie putzt in den weitläufigen Häusern der noblen nördlichen Bezirke Währing und Grinzing.

Die Fahrt ist kurz, trotzdem liegen immer noch Welten zwischen dem "westlichen" Österreich und dem "östlichen" Ungarn. So wie Ildikó pendeln täglich Tausende aus den östlichen Nachbarländern, um in Österreich zu arbeiten – als Pflege- und Putzkräfte, auf dem Bau, als unterbezahlte Erntehelfer. Und die Österreicher pendeln in den Osten – wegen der billigeren Arztleistungen, des Biers zum Spottpreis, manche auch als Sextouristen.

Lange Zeit lag Österreich als letzte Station vor dem Eisernen Vorhang. Viele Österreicherinnen und Österreicher können sich noch gut daran erinnern, wie nur wenige Kilometer entfernt eine unüberwindbare Grenze Europa in zwei Welten spaltete. So auch an der österreichisch-ungarischen Grenze in Ildikós Heimat Sopron. Bevor hier im August Hunderte von DDR-Bürgerinnen und Bürgern das Tor zum Westen durchschritten, hatten am 27. Juni 1989 die damaligen Außenminister Ungarns und Österreichs, Gyula Horn und Alois Mock, in einer symbolischen Zeremonie den Grenzzaun durchtrennt. Zelebriert wurde der Abbau der ungarischen Überwachungsanlagen, der – mit Wissen des sowjetischen Präsidenten Michail Gorbatschow – bereits im Mai begonnen hatten.

Auch heute hat Österreich wieder eine Randlage in zweifacher Hinsicht inne: als Brückenbauer zwischen den Visegrád- und den Balkan-Staaten der EU und als politische Kraft zwischen Ungarn und Deutschland und damit zwei grundverschiedenen Lagern in der europäischen Flüchtlingspolitik. Während sich SPÖ-Kanzler Christian Kern eher an der deutschen Linie orientierte, positioniert sich Kurz auf Seiten jener Staaten, die für eine restriktivere Politik stehen.

Vielen Österreichern scheint diese Haltung zu gefallen, die stärker auf nationale oder bilaterale denn gesamteuropäische Lösungen setzt. Österreich ist eines der EU-skeptischsten Länder überhaupt. Und mit der FPÖ regiert eine eurokritische Partei mit, die in Gestalt von Vizekanzler Strache zwar jüngst verkündete: "Wir bekennen uns als österreichische Patrioten zum europäischen Friedensprojekt" – aber gleich nachschob: "Zugleich werden wir weiter Kritik an Fehlentwicklungen in der EU üben".

Olle deppert

Vor einem Schwarz-Weiß-Denken, wie es die Filterblasen der sozialen Medien nahelegen, muss man sich heute vielleicht mehr denn je hüten. Wien ist nicht der einzige Hort eines modernen, aufgeschlossenen Österreichs, wie es sich Peter, der überzeugte Städter gerne vorstellt. Bei weitem nicht alle Österreicherinnen und Österreicher lassen sich von ihren Ängsten dominieren wie Rosi. Meine ehemalige Nachbarin Gerti, die herzliche Wiener Misanthropin, schimpft oft leidenschaftlich auf "die Ausländer" – oft habe ich mit ihr darüber diskutiert. Aber richtig verächtlich äußert sie sich über einen ganz bestimmten Menschenschlag. "Wir Wiener san doch olle deppert", meinte sie vor Kurzem, als wir bei einem Glaserl Himbeersoda in ihrem Nippes-geschmückten Wohnzimmer saßen und über den rauen Umgangston in der Hauptstadt sprachen. Es ist dieser Humor, der sich selbst am wenigsten ernst nimmt, der die österreichische Mentalität trotz aller Altlasten und neuen Sorgen immer noch sympathisch macht.

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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Saskia Blatakes für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

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