Korkennachbildung der Unterzeichnung des Staatsvertrags 1955 (Staatsvertrag betreffend die Wiederherstellung eines unabhängigen und demokratischen Österreich) für das Haus der Geschichte Österreich, Wien

17.8.2018 | Von:
Thomas Winkelbauer

Was war "Österreich" vor 1918?

Habsburgermonarchie

Die mitteleuropäische Habsburgermonarchie ist 1526/27 als eine "monarchische Union von Ständestaaten"[21] entstanden und in gewisser Hinsicht bis zu ihrem Ende 1918 ein "zusammengesetzter Staat", eine "zusammengesetzte Monarchie"[22] geblieben. Selbst die drei 1526 durch Personalunion verbundenen Ländergruppen – die österreichischen Erbländer, die Länder der böhmischen Krone und das Königreich Ungarn – waren keineswegs nach einheitlichem Recht regierte und verwaltete Territorialstaaten, sondern seit unterschiedlich langer Zeit durch Personalunion verbundene Länderkonglomerate. Die frühneuzeitliche Habsburgermonarchie war also genaugenommen eine monarchische Union monarchischer Unionen von Ständestaaten, ein aus zusammengesetzten Staaten zusammengesetzter Staat.[23]

Das politische System der werdenden Donaumonarchie und die staatsrechtliche Stellung der ihre Länder in vielfacher Personalunion beherrschenden Könige, Herzöge, Markgrafen und Grafen aus dem Hause Österreich wurden zusätzlich durch den Umstand verkompliziert, dass der multiple Landesfürst mit Ausnahme der Regierungszeiten Karls V. (1519–1556) und Karls VII. (1742–1745) stets auch die römisch-deutsche Kaiserwürde innehatte und dass die österreichischen und die böhmischen Länder – nicht hingegen das Königreich Ungarn mit seinen Nebenländern und seit dem 18. Jahrhundert die im Spanischen Erbfolgekrieg behaupteten ehemals spanischen Länder sowie Galizien und die Bukowina – Territorien des Heiligen Römischen Reichs waren.[24]

Die Landesfürsten aus der österreichischen (oder deutschen) Linie des Hauses Österreich herrschten über Königreiche und Länder mit sehr unterschiedlichen historischen Traditionen, politischen und Rechtssystemen. Eine der Schlüsselfragen der Geschichte des politischen Systems der Habsburgermonarchie besteht daher darin, ob und gegen welche Widerstände sie eine Integration ihres Herrschaftsbereichs zu einem möglichst einheitlich regierten oder jedenfalls möglichst effektiven, das heißt militärisch schlagkräftigen Staat erreichten. Bündnispartner waren dabei insbesondere die katholische Kirche, das Offizierskorps der kaiserlichen Armee, der in mehreren Ländern begüterte ("österreichische") Hochadel und die (hohe) Bürokratie (Stichwort "Hofratsnation").[25]

Zur Schaffung eines aus den österreichischen und böhmischen Ländern bestehenden "Kernstaates" mit einheitlicher Rechtsordnung und einheitlichem Staatsapparat kam es erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, beginnend mit der von den Zeitgenossen als "Revolution" erlebten Staatsreform des Jahres 1749. Die insbesondere in den 1670er, 1780er und 1850er Jahren unternommenen, mehr oder weniger gewaltsamen Versuche, das Königreich Ungarn nach dem Muster der "deutschen" beziehungsweise "deutsch-slawischen" Erbländer zu regieren, schlugen hingegen fehl und mündeten schließlich in den staatsrechtlichen "Ausgleich" des Jahres 1867.

Über einen gemeinsamen Namen verfügte das Länderkonglomerat des Hauses Österreich in Mitteleuropa im 16. und 17. Jahrhundert noch nicht. Die Königreiche, Länder und Herrschaften der spanischen Habsburger waren schon seit längerem als "Monarchia Hispanica" ("Spanische Monarchie") bezeichnet worden, als in Analogie dazu um 1700, sei es bereits vor oder erst nach dem in diesem Jahr erfolgten Aussterben der spanischen Linie des Hauses Österreich im Mannesstamm, die Bezeichnung "Monarchia Austriaca" ("Österreichische Monarchie") als Sammelbezeichnung für die Königreiche und Länder der österreichischen Linie des Hauses aufkam. So finden sich in dem Testament, das der künftige Kaiser Karl VI. als König Karl III. von Spanien am 26. September 1711, nach dem unerwarteten Tod seines älteren Bruders, Kaiser Josephs I., in Barcelona verfasste, bevor er zur Kaiserkrönung nach Frankfurt am Main aufbrach, beide Bezeichnungen nebeneinander. Es war also "der Wiener Hof und somit die Politik, die den Begriff um 1700 aus dem Spanischen herüberholte".[26]

Der erste bisher bekannte Beleg für den Begriff "Monarchie des Hauses Österreich" mit Bezug auf das Herrschaftsgebiet der in Wien residierenden Habsburger ist der Titel eines 1673 in Prag erschienenen Buches, Johann Jakob von Weingartens "Fürstenspiegel oder Monarchia deß Hochlöblichen Ertzhauses Oesterreich".[27] Aber erst in den 1770er Jahren kam der Wandel der Begriffe "Monarchie des Hauses Österreich" und "Österreichische Monarchie" von einer dynastischen Herrschaftsbezeichnung zu einer Territorial- beziehungsweise Staatsbezeichnung zu einem Abschluss. Der Wiener Arzt Heinrich Johann von Crantz scheint der Erste gewesen zu sein, der den Begriff in seinem 1777 publizierten Werk "Gesundbrunnen der österreichischen Monarchie", einem Verzeichnis von nicht weniger als 656 Badeorten samt balneologischen Erläuterungen, in einem gedruckten Buch im territorialen Sinn verwendete.[28]

Napoleons Krönung zum erblichen Kaiser der Franzosen zeichnete sich bereits ab, als am 11. August 1804 durch ein kaiserliches Patent verkündet wurde, dass Franz II., Kaiser des Heiligen Römischen Reichs, den Titel eines erblichen Kaisers von Österreich (als Franz I.) angenommen habe. Zwei Jahre später schlossen sich 16 Reichsfürsten dem am 1. Juli 1806 von Napoleon gegründeten Rheinbund an und erklärten am 1. August dieses Jahres auf dem Immerwährenden Reichstag in Regensburg ihren Austritt aus dem Reich. Wenige Tage danach, am 6. August, liquidierte Kaiser Franz die römisch-deutsche Kaiserwürde und erklärte "das Band, welches Uns bis jetzt an den Staatskörper des deutschen Reichs gebunden hat", für gelöst, alle Reichsstände ihrer Bindungen an Kaiser und Reich für ledig und alle Reichsinstitutionen für aufgelöst.[29] Damit trat die 1866 (Österreichisch-preußischer Krieg, Schlacht bei Königgrätz) und 1870/71 (Deutsch-französischer Krieg, Gründung des Deutschen Reiches) nur vorläufig[30] und erst 1945 (Neugründung der Republik Österreich) beziehungsweise 1990 ("Wiedervereinigung Deutschlands") gelöste "Deutsche Frage" ins Leben, die an dieser Stelle ausgeklammert bleiben muss.[31]

Im staatsrechtlichen Sinn war erst in den Verfassungen beziehungsweise Verfassungsentwürfen für die Habsburgermonarchie aus den Revolutionsjahren 1848 und 1849 von einem "Kaisertum Österreich" und einem "österreichischen Kaiserstaat" die Rede (Verfassungs-Urkunde des österreichischen Kaiserstaates vom 25. April 1848, Reichsverfassung für das Kaiserthum Oesterreich vom 4. März 1849). Immerhin bezeichnete bereits Clemens Lothar Fürst Metternich, der maßgebliche österreichische Staatsmann der Jahre 1809 bis 1848, das komplexe Staatswesen auch kurz als "Kaiserstaat", "(österreichische) Monarchie" und "österreichischen Staat".[32]

Fußnoten

21.
Otto Brunner, Das Haus Österreich und die Donaumonarchie, in: Südost-Forschungen 14/1955, S. 122–144.
22.
Helmut G. Koenigsberger, Dominium regale or dominium politicum et regale? Monarchies and Parliaments in Early Modern Europe, in: Karl Bosl (Hrsg.), Der moderne Parlamentarismus und seine Grundlagen in der ständischen Repräsentation, Berlin 1977, S. 43–86; ders., Zusammengesetzte Staaten, Repräsentativversammlungen und der amerikanische Unabhängigkeitskrieg, in: Zeitschrift für historische Forschung 4/1991, S. 399–423; John H. Elliott, A Europe of Composite Monarchies, in: Past & Present 1/1992, S. 48–71.
23.
Vgl. Thomas Winkelbauer, Ständefreiheit und Fürstenmacht. Länder und Untertanen des Hauses Habsburg im konfessionellen Zeitalter, Teil 1, Wien 2003, S. 25 und passim.
24.
Vgl. Harm Klueting, Das Reich und Österreich 1648–1740, Münster 1999; Petr Maťa/Thomas Winkelbauer (Hrsg.), Die Habsburgermonarchie 1620 bis 1740. Leistungen und Grenzen des Absolutismusparadigmas, Stuttgart 2006.
25.
Vgl. Michael Hochedlinger, Austria’s Wars of Emergence. War, State and Society in the Habsburg Monarchy 1683–1797, London u.a. 2003; Peter Rauscher (Hrsg.), Kriegführung und Staatsfinanzen. Die Habsburgermonarchie und das Heilige Römische Reich vom Dreißigjährigen Krieg bis zum Ende des habsburgischen Kaisertums 1740, Münster 2010; P[eter] G.M. Dickson, Finance and Government under Maria Theresia, 1740–1780, 2 Bde., Oxford 1987.
26.
Grete Klingenstein, Was bedeuten "Österreich" und "österreichisch" im 18. Jahrhundert? Eine begriffsgeschichtliche Studie, in: Plaschka/Stourzh/Niederkorn (Anm. 1), S. 149–220, hier S. 191.
27.
Vgl. ebd., S. 187f.
28.
Vgl. ebd., S. 201f.
29.
Siehe u.a. Brigitte Mazohl-Wallnig, Zeitenwende 1806. Das Ende des Heiligen Römischen Reichs und die Geburt des modernen Europa, Wien–Köln–Weimar 2005.
30.
Vgl. z.B. Ernst Bruckmüller, Nation Österreich. Kulturelles Bewußtsein und gesellschaftlich-politische Prozesse, Wien u.a. 1996², S. 303–310 ("Der Anschlußgedanke in der Ersten Republik").
31.
Siehe u.a. Heinrich Lutz/Helmut Rumpler (Hrsg.), Österreich und die deutsche Frage im 19. und 20. Jahrhundert. Probleme der politisch-staatlichen und soziokulturellen Differenzierung im deutschen Mitteleuropa, Wien 1982; Anselm Doering-Manteuffel, Die deutsche Frage und das europäische Staatensystem 1815–1871, München 20103. Gerald Stieg hat unlängst die plausible These vertreten, dass sich die österreichische Identität (in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts) "durch Abgrenzung und Differenz, durch eine Art feindselige Konkurrenz mit Deutschland" konstituiert habe, "also durch das, was Freud den ‚Narzissmus der kleinen Differenz‘ genannt hat". Gerald Stieg, Sein oder Schein. Die Österreich-Idee von Maria Theresia bis zum Anschluss, Wien–Köln–Weimar 2016, S. 33.
32.
Zöllner (Anm. 1), S. 60. Vgl. auch Wolfgang Häusler, Kaiserstaat oder Völkerverein? Zum österreichischen Staats- und Reichsproblem zwischen 1804 und 1848/49, in: Plaschka/Stourzh/Niederkorn (Anm. 1), S. 221–254.
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