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Korkennachbildung der Unterzeichnung des Staatsvertrags 1955 (Staatsvertrag betreffend die Wiederherstellung eines unabhängigen und demokratischen Österreich) für das Haus der Geschichte Österreich, Wien

17.8.2018 | Von:
Thomas Winkelbauer

Was war "Österreich" vor 1918?

Geografisch-politische Räume der österreichischen Geschichte bis 1918

Das sich mit dem Zerfall Österreich-Ungarns und der Gründung der Republik Österreich (zunächst: Deutsch-Österreich) im Oktober und November 1918 radikal verkleinernde Territorium "Österreichs" stellt Historiker und Historikerinnen vor ganz spezifische Probleme.[37] Wer sich mit der Geschichte Österreichs befasst, hat es mit zwei unterschiedlichen historiografischen Traditionen zu tun, und zwar, erstens, mit der Landesgeschichtsschreibung, die infolge des relativ stabilen räumlichen Rahmens der meisten österreichischen (Bundes-)Länder seit dem Hoch- und Spätmittelalter – abgesehen von den erst nach 1918 geschaffenen Bundesländern Wien und Burgenland – "eine Art ruhenden Pol der Geschichtsschreibung in Österreich darstellt", und, zweitens, mit der "gemeinsamen" österreichischen Geschichte. Im Unterschied zur Geschichte der einzelnen Länder ist die gemeinsame österreichische Geschichte ein "im räumlichen Umfang wie in zeitlicher Kontinuität instabiler Traditionsstrang".[38]

Der Historiker Arno Strohmeyer hat 2008 den – meines Erachtens gelungenen – Versuch unternommen, "Österreichische Geschichte der Neuzeit" als "multiperspektivische Raumgeschichte" zu begreifen. Er geht von einer "Pluralität der Räume" der österreichischen Geschichte aus. Der Schwerpunkt seiner Überlegungen liegt "auf politischen Räumen, d.h. auf Räumen, die sich durch politische Praxis konstituierten und politische Ordnung produzierten".[39] Um einen Raum als Gegenstand und Bestandteil der österreichischen Geschichte zu verstehen, müsse "nicht unbedingt ein genetischer Bezug aufgrund von Staatsbildungsprozessen oder der Entwicklung des Nationalbewusstseins bestehen, ausschlaggebend ist vielmehr die geographische Überschneidung. Eine so verstandene österreichische Raumgeschichte konstituiert sich somit aus der Geschichte der Räume, die das Gebiet des heutigen Österreich oder einzelne seiner Teile beinhalten oder beinhaltet haben und der Geschichte, die in diesen Räumen stattfand. Darin eingeschlossen ist die Wahrnehmung dieser Räume durch die Zeitgenossen wie rückblickend in der österreichischen und internationalen Geschichtswissenschaft."[40]

Strohmeyer unterscheidet als für die (neuere) österreichische Geschichte relevante Räume – neben Europa –, erstens, staatlich-territoriale Räume, zweitens, europäische Mesoregionen (Zentraleuropa und Ostmitteleuropa) und, drittens, das habsburgische Imperium, also die die Herrschaftsräume sowohl der spanischen als auch der österreichischen (oder deutschen) Linie des Hauses Österreich umfassende "dynastische Agglomeration".[41] In unserem Zusammenhang relevant sind in erster Linie die sich im Zeitverlauf ändernden staatlich-territorialen Räume, nämlich die österreichischen Erblande des Mittelalters und der Frühen Neuzeit, die Habsburgermonarchie (1526–1918), das Heilige Römische Reich (962–1806) und der Deutsche Bund (1815–1866).

Das in der österreichischen Geschichte eine tiefe Zäsur bildende Jahr 1918, die Niederlage Österreich-Ungarns und die Auflösung dieses vielsprachigen, multiethnischen und multikonfessionellen Staatsgebildes bedeuten den heutigen Österreichern kaum mehr etwas ihre eigene, historisch fundierte (nationale) Identität Berührendes, werden nicht als "unsere" Niederlage oder der Zerfall "unseres" ehemaligen Staates empfunden. Bezeichnenderweise wird sich das neue Haus der Geschichte Österreich, dessen Eröffnung für November 2018 angekündigt ist, zumindest bis auf Weiteres praktisch ausschließlich der Zeit seit der Republikgründung widmen (die Eröffnungsausstellung trägt den Arbeitstitel "Österreich 1918–2018"[42]).

Das Gegenteil gilt – en passant sei es angemerkt – für die Bedeutung der Jahre 1526 (Schlacht bei Mohács) und 1920 (Friedensvertrag von Trianon) im historischen Gedächtnis der heutigen Ungarn oder der Jahre 1620/21 (Schlacht am Weißen Berg, "Prager Blutgericht") und 1918 (Gründung der Tschechoslowakei) im nationalen Geschichtsbild der heutigen Tschechen. Die moderne österreichische Nation ist eine sehr junge Nation. Ihre wichtigsten historischen "Erinnerungsorte" sind die Jahre 1945 (Kriegsende, Ende der nationalsozialistischen Herrschaft, Wiederrichtung der Republik Österreich) und 1955 (Staatsvertrag, Ende der Besatzungszeit, Erklärung der Immerwährenden Neutralität).

Eine "Geschichte Österreichs" kann keine "(deutsch-)österreichische Nationalgeschichte" sein. Während die ersten Jahre nach 1918 von einer "Entösterreicherung" des politischen Bewusstseins eines großen Teils der Deutsch-Österreicher geprägt gewesen sein dürften und die Diktatur der Bundeskanzler Engelbert Dollfuß und Kurt (von) Schuschnigg ("Ständestaat", "Austrofaschismus") in den 1930er Jahren die Parole von Österreich als dem "zweiten deutschen Staat" ausgegeben hatte, kam es erst nach 1945 zu einer "Austrifizierung" Österreichs in einem engeren, "kleinösterreichischen" Sinn (Ernst Hanisch hat von der "Reaustrifizierung", der eigentlichen österreichischen Nationsbildung, gesprochen[43]), nach dem Bruch mit Deutschland und der deutschen Geschichte.[44]

Was also war "Österreich" vor 1918? Vom Frühmittelalter bis 1918 kann meines Erachtens unter Österreich "in etwa jener Raum verstanden [werden], der von einem oder mehreren auf dem Boden der heutigen Republik Österreich gelegenen politischen, sozialen und kulturellen Zentren aus beherrscht oder jedenfalls maßgeblich beeinflusst wurde".[45] Von 1526 bis 1918 ist die "gemeinsame österreichische Geschichte" im Sinne von Gerald Stourzh weitgehend identisch mit der Geschichte der Habsburgermonarchie, wobei – jedenfalls wenn die Autoren Österreicher sind – aus praktischen und pragmatischen Gründen das heutige Staatsgebiet überrepräsentiert sein wird, also beispielsweise Ober- und Niederösterreich, Tirol, Salzburg und die Steiermark stärker zu berücksichtigen sind als die böhmischen Länder, Ungarn oder Galizien, aber auch als das "althabsburgische" Herzogtum Krain (heute Slowenien). Die anderen Teile der Monarchie werden vor allem im Hinblick auf ihre Beziehungen zu diesen und zum Wiener Zentrum berücksichtigt werden beziehungsweise soweit es zum Verständnis der Monarchie als Ganzes notwendig ist. Aber das ist im Grunde nur eine Verlegenheitslösung.

Fußnoten

37.
Vgl. insbesondere Herwig Wolfram/Walter Pohl (Hrsg.), Probleme der Geschichte Österreichs und ihrer Darstellung, Wien 1991; Martin Scheutz/Arno Strohmeyer (Hrsg.), Was heißt "österreichische" Geschichte? Probleme, Perspektiven und Räume der Neuzeitforschung, Innsbruck 2008; Stourzh (Anm. 34); ders., Erschütterung und Konsolidierung des Österreichbewußtseins – Vom Zusammenbruch der Monarchie zur Zweiten Republik, in: Plaschka/Stourzh/Niederkorn (Anm. 1), S. 289–311; ders., Vom Reich zur Republik. Studien zum Österreichbewußtsein im 20. Jahrhundert, Wien 1990; zuletzt in aller Kürze: Thomas Winkelbauer, Vorwort des Herausgebers, in: ders. (Anm. 1), S. 11–13.
38.
Stourzh (Anm. 37), S. 310. Vgl. insb. ders., Der Umfang der österreichischen Geschichte, in: Wolfram/Pohl (Anm. 37), S. 3–27.
39.
Arno Strohmeyer, "Österreichische" Geschichte der Neuzeit als multiperspektivische Raumgeschichte: ein Versuch, in: Scheutz/Strohmeyer (Anm. 37), S. 167–197.
40.
Ebd., S. 169.
41.
Arno Strohmeyer, Die Habsburger Reiche 1555–1740: Herrschaft – Gesellschaft – Politik, Darmstadt 2012, S. 12–14.
42.
Siehe http://www.hdgoe.at«. Vgl. auch Thomas Winkelbauer (Hrsg.), Haus? Geschichte? Österreich? Ergebnisse einer Enquete über das neue historische Museum in Wien, Wien 2016.
43.
Ernst Hanisch, Reaustrifizierung in der Zweiten Republik und das Problem eines österreichischen Nationalismus, in: Lutz Musner/Gotthart Wunberg/Eva Cescutti (Hrsg.), Gestörte Identitäten? Eine Zwischenbilanz der Zweiten Republik. Ein Symposion zum 65. Geburtstag von Moritz Csáky, Innsbruck–Wien 2002, S. 27–34.
44.
Vgl. insb. Stieg (Anm. 31); Peter Thaler, The Ambivalence of Identity. The Austrian Experience of Nation-Building in a Modern Society, West Lafayette 2001.
45.
Winkelbauer (Anm. 37), S. 12f.
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