Bei der Ausstellung "Willkommen im Labyrinth - Künstlerische Irreführungen" im Marta Herford Museum in Herford hängen in einer Installation der Künstlerin Song Dong zahlreiche Lampen in einem mit Spiegeln verkleideten Raum.

14.9.2018 | Von:
Jürgen Martschukat

Hegemoniale Identitätspolitik als "entscheidende Politikform" in den USA. Eine Geschichte der Gegenwart

Geschichte der Gegenwart

In diesem Beitrag verorte ich Identitätspolitik historisch, betrachte sie aus lang- wie kurzfristiger Perspektive und ziehe Linien zur Gegenwart. Bleiben wir dafür in den USA. Denn die USA gelten als das Land, in dem Identitätspolitik vor rund einem halben Jahrhundert erfunden wurde, nämlich als Strategie gegen die anhaltende Ungleichheit in der amerikanischen Politik und Gesellschaft. Afroamerikaner, Frauen, Schwule und Lesben kämpften dafür, endlich das Gleichheitsversprechen der Unabhängigkeitserklärung von 1776 umzusetzen, alle Menschen hätten ein Recht "auf Leben, Freiheit und das Streben nach Glück". Identitätspolitik schien das beste Mittel zu sein, die Jahrhunderte der politischen und gesellschaftlichen Privilegierung weißer, straighter Männer zu beenden. Allerdings, so wird zu sehen sein, muss diese Privilegierung als Effekt einer hegemonialen Identitätspolitik verstanden werden, die es schon seit der Gründung der USA gibt und die dann ab den 1970er Jahren noch forciert wurde, um Erbhöfe zu verteidigen, um deren Verlust man fürchtete. Hegemonie meint hier, privilegiert an Gesellschaft partizipieren zu können, den besten Zugriff auf gesellschaftliche Ressourcen zu haben und dies als im allgemeinen, gesamtgesellschaftlichen Interesse liegend darzustellen.[6]

Um sich in den gegenwärtigen Auseinandersetzungen über Identitätspolitik als Instrument und Praxis kritisch positionieren zu können, bedarf es einer historischen Perspektivierung. Denn nur die kann zeigen, "auf welchen Erkenntnissen, Gewohnheiten und (…) Denkweisen"[7] politische und gesellschaftliche Praktiken und Konfigurationen gründen und wie diese in der Geschichte Gestalt angenommen haben. Sich kritisch zu positionieren meint demnach nicht, "dass man lediglich sagt, die Dinge seien nicht gut so, wie sie sind", sondern dass man deren Genealogie aufzeigt und damit auch die Möglichkeit eröffnet, die Bedingungen der eigenen Existenz zu verstehen und politisch zu intervenieren.[8] Im vorliegenden Fall verlangt dies, die Genealogie von Identitätspolitik als politische Praxis zu reflektieren. Insbesondere gilt es zu zeigen, wie hegemoniale Identitätspolitik schon seit langer Zeit ein zentrales politisches Instrument war und wie sie dann in einer Art Backlash gegen die sozialen Bewegungen an Virulenz gewann. Deutlich wird damit, dass Identitätspolitik nicht nur ein Instrument gesellschaftlicher Randgruppen oder eine angeblich verbohrte akademische Sprach- und Verhaltenspolizei ist. Auch hat Donald Trump hegemoniale Identitätspolitik nicht erfunden – ebenso wenig wie den Populismus. Vielmehr kulminiert in seiner Präsidentschaft eine Politik, deren Spuren Jahrzehnte und sogar Jahrhunderte zurückreichen.

Identität, Macht und Gesellschaft

Im Zuge der Auseinandersetzungen nach der Trump-Wahl hat Katherine Franke Identität so kurz wie treffend als "status-based power"[9] definiert, also als eine Form der Macht, die in gesellschaftlichem Status gründet. Frankes Identitätsdefinition liegt ein Verständnis von Macht und Gesellschaft zugrunde, wie es sich seit den 1970er Jahren herausgebildet hat.[10] Macht ist demnach sowohl als Effekt wie auch als Motor einer gesellschaftlichen Konfiguration zu verstehen, in der verschiedene Individuen und Gruppen mit unterschiedlichen Möglichkeiten der Teilhabe, Einflussnahme und Anerkennung ausgestattet sind. Identität ist Macht. Sie ist das Vehikel, über das Individuen und Gruppen unterscheidbar gemacht werden und das ihre Positionierungen und Partizipationsmöglichkeiten in Gesellschaft reguliert; nicht ausschließlich, aber doch wesentlich und gemeinsam mit Faktoren wie Einkommen und Besitz.[11] Es geht also nicht nur um das Binnen-I, den Unterstrich oder Unisex-Toiletten, sondern auch um Bildungschancen, Arbeitsmöglichkeiten, Zugang zu Wohnraum und damit auch um das, was man in der Tasche und auf dem Tisch hat. Identität und Gesellschaftsordnung sind untrennbar ineinander verschränkt, und Identitätspolitik ist das Instrument, dieses Verhältnis zu gestalten.

Fußnoten

6.
Diese von Antonio Gramsci inspirierte Lesart des Hegemoniekonzepts ist vor allem von Raewyn Connell in die Forschung zu Geschlechtern, Gesellschaft und Macht importiert worden. Vgl. Raewyn Connell, Der gemachte Mann. Konstruktion und Krise von Männlichkeiten, Opladen 2000; zusammenfassend Jürgen Martschukat/Olaf Stieglitz, Geschichte der Männlichkeiten, Frankfurt/M. 20182, S. 46ff., S. 65–74.
7.
Michel Foucault, Ist es also wichtig, zu denken? (1981), in: Daniel Defert/François Ewald (Hrsg.), Michel Foucault. Schriften in vier Bänden – Dits et Ecrits, Bd. 4: 1980–1988, Frankfurt/M. 2005, S. 219–223, hier S. 221.
8.
Ebd. Siehe auch Martin Saar, Genealogische Kritik, in: Rahel Jaeggi/Tilo Wesche (Hrsg.), Was ist Kritik? Frankfurt/M. 2009, S. 247–265; Jürgen Martschukat, Eine kritische Geschichte der Gegenwart, in: WerkstattGeschichte 61/2013, S. 15–27; Joan W. Scott, Geschichte schreiben als Kritik, in: Historische Anthropologie 23/2015, S. 93–114.
9.
Franke (Anm. 2).
10.
Vgl. Michel Foucault, Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit I (1976), Frankfurt/M. 1983; ders., Subjekt und Macht (1982), in: Defert/Ewald (Anm. 7), Bd. IV: 1980–1988, Frankfurt/M. 2005, S. 269–294.
11.
Vgl. Walter Benn Michaels, The Trouble with Diversity. How We Learned to Love Identity and Ignore Inequality, New York 2006, der einen Gegensatz von Klasse und Identität sieht; ders. et al., What Is the Left Without Identity Politics? Four Writers Consider the Question Dividing the Democratic Party, 16.12.2016, http://www.thenation.com/article/what-is-the-left-without-identity-politics«.
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